"Junge geben mit dem Auto nicht mehr an"

Interview23. Februar 2012, 19:08
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Nicht nur das Öffi-Netz muss in Städten ausgebaut werden, sagt der Mobilitätsforscher Andreas Knie - Er plädiert für mehr Carsharing

Standard: Was bedeutet Mobilität für Sie persönlich?

Knie: Mobilität findet zunächst im Kopf statt. Im Kopf bilde ich ab, was ich in der Realität will. Man weiß beispielsweise, dass man mit einem Auto mit Verbrennungsmotor heute bis zu 700, 800 Kilometer weit kommt. Also plant man das Häuschen im Grünen, weil man ohnehin leicht mit dem Auto hin- und herfahren kann.

Standard: Dass jemand mobil ist, wird doch auch immer mehr vorausgesetzt.

Knie: So ist es. Ein Manager zum Beispiel wird bei einem Einstellungsgespräch gar nicht mehr gefragt, wo er wohnt. Man geht davon aus, dass er von überall her überallhin kommt und ohnehin drei Tage in der Woche nur unterwegs ist. In Deutschland müssen Langzeitarbeitslose auch die Annahme eines Jobs prüfen, bei dem der Weg zur Arbeit zwei Stunden dauert. Sonst verlieren sie die staatliche Unterstützung. Das war früher anders.

Standard: Sie haben sofort das Auto erwähnt. Ist es immer noch das zentrale Verkehrsmittel?

Knie: Ja, wenngleich die Bedeutung abnimmt. Das dicke Auto als Statussymbol, bei dem Marke und PS wichtig sind, das überholt sich immer mehr. Junge Menschen geben mit dem Auto nicht mehr an. Man macht natürlich den Führerschein, aber das Auto ist vor allem ein Fahrzeug, das einen von A nach B bringt.

Standard: Dennoch sind die Städte voller Autos.

Knie: Ein wichtiges Argument für das Auto ist: Es lässt, wenn auch begrenzt, eigenen Raum zu. Man muss nicht wie in öffentlichen Verkehrsmitteln mit anderen auf Tuchfühlung gehen. Aber das Auto für einen allein ist nicht ressourcenschonend. Der Raum für Privatautos, die nur exklusiv und nicht von mehreren genutzt werden, muss daher teurer werden.

Standard: Übervolle Öffis sind vielen ein Graus. Wie kommt man also aus diesem Dilemma heraus? Mehr U-Bahnen und Busse einsetzen?

Knie: Nicht als einzige Möglichkeit. Zunächst muss man davon ausgehen, dass Menschen ihr Fortkommen immer stärker nach ihren eigenen individuellen Vorstellungen gestalten wollen. Viele stellen sich auf ihren Smartphones ganz pragmatisch ihre eigene Reiseroute zusammen.

Standard: Was fehlt Ihnen da beispielsweise in der Stadt Wien?

Knie: Wien hat ein hervorragendes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln. Es wird von 40 Prozent der Bevölkerung genutzt, das ist der Spitzenwert in Europa, auch weltweit gesehen liegt Wien sehr weit vorn. Es ist also nicht sinnvoll, noch drei Nachtbuslinien mehr einzuführen. Besser ist es, Carsharing zu fördern, um mehr individuelle Möglichkeiten des Fortkommens zu schaffen. Auch die Nutzung von Taxis wird man künftig neu überdenken müssen.

Standard: Wie könnte das gehen?

Knie: Bleiben wir beim Nachtbus. Wenn eine Linie nicht von besonders vielen Menschen genutzt wird, dann ist es sinnvoller, sie aufzugeben und auf dieser Strecke von der Stadt geförderte Taxis einzusetzen. Möglich wäre, dass alle, die eine Jahres- oder Monatskarte haben, das Taxi gratis nützen können. Wir haben einige Modelle durchgerechnet, das kann sich für die Stadt finanziell lohnen.

Standard: Im Ausbau von öffentlichem Verkehr sehen Sie generell keine Zukunft mehr?

Knie: Nicht grundsätzlich. Man kann dieses für Wien mögliche Konzept nicht auf alle Städte gleich umlegen. London oder Rom zum Beispiel liegen beim öffentlichen Verkehrsnetz Jahrzehnte zurück. Dort muss dieses erst mal ausgebaut werden. Berlin wiederum liegt im Mittelwert, also zwischen Wien und Rom. Allerdings ist in Berlin das Fahrrad auch viel wichtiger als anderswo. Im Sommer bewegen sich dort 17 Prozent der Menschen damit fort.

Standard: Radweg-Ausbau kann man vermutlich nur empfehlen.

Knie: Wir brauchen auch hier ein Umdenken. Bisher galt: Die Straße gehört dem Auto, Radwege werden aber gnädigerweise daneben gebaut. Im Verkehrssystem der Zukunft sollten Radwege gleichberechtigt neben Straßen existieren können.

Standard: Wie sehen Sie die Zukunft von Elektroautos?

Knie: Diese werden unser Denken verändern. Man kommt damit einfach nicht so weit wie mit einem Fahrzeug, das einen Verbrennungsmotor hat. Also beobachten wir, dass Besitzer von Elektroautos beginnen, Wege zu überdenken - nach dem Motto: Ich habe weiter weg einen Termin. Muss ich da wirklich hin? Das ist extrem spannend. Die Nutzung verändert den Menschen.

Standard: Auf dem Land helfen vielerorts weder Rad noch Elektroauto. Wie löst man das Problem?

Knie: Auch da ist es nicht sinnvoll, immer nur in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs zu investieren. In dünnbesiedelten Gebieten kommt man weder mit Schiene noch Bus überallhin. Es ist besser, man gibt das Geld an soziale Gruppen, die sich selbst um die Organisation kümmern. Ob Subvention von Großraumtaxis oder der Ausbau von Carsharing, es gibt es viele Möglichkeiten. Die Menschen vor Ort, wissen selbst am besten, was sie brauchen. (Birgit Baumann, DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2012)

ANDREAS KNIE (51) ist Professor für Technik-Soziologie an der TU Berlin und Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel in Berlin. Am 28. Februar hält er in Wien bei einer Tagung über urbane Mobilität den Eröffnungsvortrag.

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    Andreas Knie rät zum Nachdenken und Carsharing.

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