Ein Firmenneuling mit Gefühl

23. Februar 2012, 18:26
  • Böse Ehe: Anita Gramser und Dennis Cubic.
    foto: marc lins

    Böse Ehe: Anita Gramser und Dennis Cubic.

Elfriede Jelineks "Nora"-Fortschreibung in einer Neuinszenierung

Wien - Henrik Ibsens Nora ist eine an den patriarchalen Rollenzuschreibungen zugrunde gehende, bürgerliche Ehefrau, deren letzter Ausweg es ist, Mann und Kinder zu verlassen. Ein Fluchtversuch, den Elfriede Jelinek 1977 in ihrer Fortschreibung Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft brutal scheitern lässt.

Jelineks Dramendebüt, auf das die Garage X nun in einer Neuinszenierung Rückschau hält, fährt den Karren der damaligen Emanzipationsbewegung mit ganzer Wucht an die Wand: Nora wird, kaum der demütigenden Ehe entkommen, auch im Erwerbsleben sofort zum Spielball geschäftstreibender Herren. Dem patriarchal-kapitalistischen System, so Jelineks Befund, entkommt nur, wer es auch zerschlägt. Wie geschmiert das System auch 35 Jahre später noch läuft, lässt sich an der mit Zeitungsartikeln beklebten weißen Bühne von Renato Uz ablesen: überall Protagonisten von Schmiergeldaffären und Parteispendenskandalen.

Jelineks Text wirkt in seinen viel strapazierten Mann-Frau-Oppositionen in die Jahre gekommen, nimmt aber in der sprachlichen Knalligkeit und antiidentifikatorischen Haltung schon jenes Theorie-Stakkato vorweg, mit dem eine Generation später René Pollesch erst so richtig Furore machte. Das überrascht an diesem Abend. Regisseur Ali M. Abdullah hat dieses Prinzip in einer schnellen, an Castorf-Ästhetik orientierten Inszenierung zugespitzt.

Nora ist ein Blondchen mit verweinten Augen, das auf Highheels durch die demontierte Bühnenlandschaft stakst. Den Backstage-Holzkasten haben die beiden Schauspielerinnen (abwechselnd Nora und andere Frauenrollen: Anita Gramser und Julia Jelinek) schon selbst Stück für Stück abgetragen. Das Theater baut sich und seine Requisiten zurück und wird mehr und mehr zum bloßen Diskursraum. In diesem übernehmen die Schauspieler (u. a. Dennis Cubic) ihre Rollen nur mehr insofern, als sie sich die Figurennamen bei jedem Auftritt neu auf das Kostüm kleben und dieses irgendwann gegen die Trainingshose eintauschen. Und die Frauencombo "Wir haben uns lieb bis eine heult" (Verena Dürr, Ulla Rauter) spielt kritische Lieder dazu.

Sado-Nummer

Das macht den Abend geschmeidig. In ihm steckt auch viel Vehemenz, doch bleibt das Spiel im Vergleich zu anderen postfatalen Deutungen dieser Art lau. Und mit ihm auch die angestiftete Debatte. Markus Heinicke allerdings erschafft einen Konsul Weygang, der in seiner Gerissenheit an schöne Volksbühnen-Pirouetten erinnert. Nora, die sich als Pfand für eine Grundstücksspekulation eingesetzt sah ("pfui, Bär!"), zahlt es ihrem Alten in einer SM-Szene heim, doch selbst da ist das Opfer wiederum eher sie.   (Margarete Affenzeller  / DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2012)

Bis 22. 3.

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13 Postings
BDSM ist mächtig in Mode gekommen.

Naja, eine Gesellschaft, in der Sex immer mehr verpönt ist, aber dafür Macht und Kontrolle als Fetisch gelten, wird logischerweise immer wieder dorthin zurückkehren. Siehe viktorianisches Zeitalter.

BDSM und Sex kommt eh zumeist zusammen. Warums jetzt gesellschaftlich mehr Gewicht bekommt liegt vermutlich am Internet und der damit verbunden Freiheiten.

"BDSM und Sex kommt eh zumeist zusammen."

Da wäre ich mir nicht so sicher.

Schliess nicht von Dir auf andere.

Oops, wo denkst du hin, ich schließ' ja nicht von mir auf andere. Ich bin mir nur sicher ;) xD

Aber ich mach gerne mal eine ad-hoc-Umfrage ;)

schöne schuhe

in der tat, wirklich schön!

grün :o)

mfg, ihr bürgerüberwachungsservice

prätentiöses gebrabbel

antiidentifikatorische haltung !
theorie-stakatto !
geschmeidige vehemenz !
postfatale deutung !
.
.
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reicht schon fast an jellinek-texte heran.
aber nur fast. weil für mehr hohlsinn kriegt man dann ja schon den nobelpreis.

theaterfremd

wenn man so "theater-fremd" ist, dass einem der Begriff "Antiidentifikation" zu viel ist, dann frage ich mich, warum man überhaupt eine Kritik zu einer Jelinek-Inszenierung liest? Ja, und Jelinek sollte man eigentlich schon auch schreiben können, da hat "Bakunin" recht, zumindest wenn man sich als Sprachpolizei aufspielt.

obwohl es auch langweilig ist, jelineks ideen mit abgelutschten attributen zu beschreiben, zumal diese schon vor 15jahren in einer rezeption verwendet wurden.
http://www.uni-protokolle.de/buecher/i... 854204523/

und was ein theorie-stakkato ausser pseudointellektueller blumigkeit sein soll bleibt mir verschlossen. ich bin nach wie vor der meinung, es braucht nicht die verwendung von unklaren, aufgeblasenen sätzen und wörtern in fluch/schachinger tradition, um kultur zu beschreiben. es geht den leuten eher immer mehr auf die nerven, abgesehen von jenen, die sich durch diese sprache gerne vom banalen kulturkonsumenten abheben möchten.

Naja, wer nicht mal ein paar

Wörter, die er oder sie kritisiert an einem Artikel nicht richtig abschreiben kann, und dazu nicht mal den Namen der Autorin des Stücks, sollte besser keine Kommentare verfassen... Soetwas diskreditiert sich selbst.

Hört sich verwirrt an, zumindest die Affenzeller.

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