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Athen/Istanbul - Unter den Konspirationstheorien in Athen über den wahren Grund des Staatsbankrotts ist dies der Renner: Das Budgetdefizit von 2009, mit dem alles anfing, ist übertrieben worden, die Finanzkrise ergo ungültig.
Der Schuldige heißt Andreas Georgiou, griechischer Staatsbürger zwar, aber 20 Jahre lang - zu lange - Beamter des Internationalen Währungsfonds in Washington. Im Sommer 2010 zwingt die Troika der griechischen Pleite-Regierung in Athen den Finanzfachmann auf. Georgiou leitet das neue Statistikamt und errechnet das Haushaltsdefizit, das alle aus den Wolken fallen lässt. Im Dezember vergangenen Jahres musste er zum Staatsanwalt. Jetzt hat auch noch das Parlament einen Untersuchungsausschuss beschlossen, um Georgiou den Prozess zu machen. Gewissermaßen wegen Landesverrats.
Wunderliche Dinge hat der 50-Jährige schon erlebt, seit er im August 2010 in das Direktorenbüro von Elstat eingezogen ist, der neuen Statistikbehörde, die - eine Neuheit für Griechenland - regierungsunabhängig sein soll, und dann seine Zahl präsentierte: 15,8 Prozent minus, die endgültige Zahl für Griechenlands Budgetdefizit 2009. Dabei war es nicht die erste Korrektur. 12,7 Prozent war die erste Ansage von Giorgos Papandreou, kurz nachdem er im Oktober 2009 die Wahlen gewonnen hatte und Regierungschef wurde; zweimal mehr, als von der Vorgängerregierung angegeben.
Ein Budget addieren ist im Prinzip ganz einfach, sollte man denken. Nicht in Athen. In der US-Radioreihe "This American Life" erzählte Georgiou von seinen ersten Wochen: "Um das Defizit und die Verschuldung zu berechnen, muss man wissen, was man zusammenzählt. Man muss wissen, welche Institutionen zu dem Konzept gehören, das Regierung genannt wird. Das war zum Beispiel eine offene Frage." Georgiou fand nicht weniger als 17 griechische Staatseinrichtungen, die nicht in den offiziellen Staatsausgaben für das Budget standen, darunter so schwer übersehbare wie die staatliche Eisenbahn OSE.
Die alte Garde aus der früheren Statistikbehörde brachte Georgiou vor den Kadi. Deren Vorwurf: Der Statistikleiter habe "unorthodoxe Methoden" verwendet und den Ausverkauf Griechenlands in Gang gesetzt. Georgiou droht lebenslange Haft, sollte er tatsächlich wegen Fälschung der Haushaltszahlen verurteilt werden. (Markus Bernath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 24.2.2012)
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