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vergrößern 720x871Emilie Flöge schrieb Klimt (li.) von seinen Reisen: Ravennas Mosaiken waren sicher für "Der goldene Ritter" (1903) inspirierend.
vergrößern 720x721Trotz einer fußleistengenauen Rekonstruktion seines Ateliers und hunderter Autografe taugt sie nicht als Seelenschau.
Wien - Jetzt spricht Klimt. In Originalzitaten und etwa 400 Karten, die Gustav Klimt seiner Weggefährtin, der Modemacherin Emilie Flöge schrieb, lässt das Leopold Museum nun den Künstler persönlich zu Wort kommen. Das wurde bisher unterlassen. Stattdessen ranken sich eine Menge Mythen und Stereotype um den Meister der Jahrhundertwende, so Hausherr und Kurator Tobias Natter. Mit Klimt persönlich wolle man "der Legende entgegentreten, dass Klimt eine goldene Zitrone ist, zu der alles gesagt sei".
Von sich selbst sagte Klimt etwa, dass er "faul" und "nicht des Wortes mächtig" sei, ergänzt Kokurator Franz Smola: "Wir widerlegen das". Die Unmenge an Kärtchen, oft nicht länger als heutzutage ein SMS, präsentiert man in einem Band weißer Vitrinen, das sich im sanften, ästhetisch ansprechenden Zickzack durch die Schau zieht. Allein diese Fülle an Kurznachrichten beweist Klimts Fleiß. Allerdings war er ebenso wenig Schönschreiber wie Poet. Selbst für die Zitate, die man als Kapiteleinleitungen wählte, blieb wenig Charakterisierendes übrig. So liest man dort sogar ziemlich Banales. Über die Sommerfrische im Salzkammergut etwa: "Habe ungünstiges Wetter zur Vollendung meiner Arbeit".
Irrende Frauenversteher
Die Person und Psyche Klimts nimmt sich hingegen Sammlersohn und Psychotherapeut Diethard Leopold im Katalog vor. Und gleich zu Beginn offenbart uns der Essay, dass die Selbstsicht oft mehr mit einem Sich-selbst-Belügen zu tun hat: "Er hielt sich sicher für einen Mann, der das weibliche Geschlecht versteht und ernst nimmt - eine Ansicht, die nicht alle Frauen, mit denen er zu tun hatte, geteilt haben werden." Ein Irrtum, den Klimt überdies mit vielen anderen selbsternannten Frauenverstehern gemein hat. 250 Modelle verzeichnet ein Notizbuch. Ihre Namen kürzte Klimt ab; drei davon seien als Mütter seiner Kinder bekannt, erklärt Smola. Seine Modelle traf er manchmal regelrecht im Stundentakt, sagt dieser. Und fügt in Hinblick auf das Stereotyp vom frauenverschlingenden Lebemann hinzu, dass die Modelle freilich nur "Arbeitsgrundlage" waren. Sicher! Eine Mär freilich auch die 14 angedichteten Bälger. Im Nachlassdokument sei die Anzahl der minderjährigen, unehelichen Kinder mit "Null" angegeben. Entkräften kann das nichts. Papier ist bekanntlich geduldig.
Was allerdings gelingt, ist dem "Salonmaler" und "Karrieristen" mehr Facetten abzugewinnen: Den zweifelnden, unzufriedenen und sehr zurückgezogenen Klimt etwa, der sehr an der Zurückweisung seiner Fakultätsbilder für die Universität litt. Die Ablehnung durch die Großgruppe, so Diethard Leopold, könne "eine früh angelegte Unsicherheit der eigenen Existenz reinszenieren". Mit viel Liebe zum Detail spult die Schau Klimts Leben chronologisch ab, illustriert mit zahlreichen Exponaten (sogar bis zum Partezettel 1918) und intelligent gemachten, interaktiven Elementen. Sie beschert wunderbare Landschaften, ein temporäres Wiedersehen mit dem restituierten Apfelbaum I oder eine weitgereiste Leihgabe aus dem Museum von Nagoya (Der goldene Ritter).
Trotz aller Annäherungsversuche bleibt der Mensch Klimt voller rätselhafter Lücken. Waschtröge seiner Briefe soll Emilie Flöge verbrannt haben. Womöglich hätte man darin das Geheimnis ihrer lebenslangen Freundschaft gefunden. Einzig einer der ältesten erhaltenen Schriftstücke von 1897 liest sich als Liebesbrief, dem Klimt ein geflügeltes Herz voranstellt. "Schau diesen langen Kuss an" , schreibt er und illustriert die Innigkeit mit einer langen verschlungenen Linie. (Anne Katrin Feßler/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2012)
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