Ein Kapitalismusreigen mit Flüchen

23. Februar 2012, 21:16

Uraufführung von "system collapse now" der "Kollaborateure" im Tanzquartier Wien

Wien - Vier Frauen beschwören den Dämon des Kapitalismus: Entsprechend schauerlich geht es zu in dem gerade im Tanzquartier uraufgeführten Stück system collapse now der als "Kollaborateure" auftretenden heimischen Choreografinnen Lisa Hinterreithner, Valerie Oberleithner, Amanda Piña und Martina Ruhsam.

Ein Tisch auf einer Insel aus verwelktem Laub. Darüber haben die vier ihre Köpfe zu einem monotonen Singsang zusammengesteckt. Eine Seite aus Nietzsches Zarathustra wird in Wasser eingeweicht. Ein wenig von dem Wasser in ein Glas auf einem magischen Brett gefüllt. Gläserrücken. Frage nach der Zukunft unserer Zivilisation. Das Brett: "Nicht fein." Die Debatte der vier, was das bedeuten soll, geht in ein exzessives Ritual über, das sich in einem geisterhaften Zeitraffer-Video fortsetzt.

Protest einer der Frauen: "Was soll das hier?" Es gibt keine Antwort. Das Laub wird mit einer Maschine verblasen. Amanda Piña gebiert eine Ananas, Joseph Beuys wird beschworen. Martina Ruhsam verflucht im Video den Begriff der Kollaboration mit einer wütenden Teigorgie. Daraufhin tanzt das Quartett in durchsichtigen Schleiern einen Kapitalismusreigen. Hitlers Stimme wird imitiert, eine lateinische Beschwörung gelesen.

In system collapse now kracht das Gebälk der Wirklichkeit. Der sauberen Form und reinlichen Dramaturgie (und Angela Merkel) wird ein Scherben aufgesetzt. Regisseur Francis Ford Coppola - siehe Stücktitel - begegnet den Geistern von Joseph Vogls Das Gespenst des Kapitals und Ruhsams Buch Kollaborative Praxis: Choreografie. Manche Szene erinnert an Carolee Schneemanns berühmte Performance Meat Joy von 1964.

Wie schon in den 1960ern und 1990ern wird der Virtuosität im Tanz eine Absage erteilt - abermals als Antwort auf eine unerträglich gewordene Politik. Diese Arbeit bringt auf den Punkt, was in Wien letzthin durch Piñas Stück It, Thomas Kasebachers und Laia Fabres Linger und jüngst durch Agata Maszkiewicz' Don Kiewicz & Sancho Waniec vorgegeben wurde: die Demontage der Form als Reaktion einer jungen Generation von Tanzschaffenden auf den gespenstischen Irrsinn des Neoliberalismus. (ploe/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2012)

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