Grausame Experimente im Sinne der Wissenschaft

Analyse23. Februar 2012, 18:37
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Experimente an Wehrlosen gab es nicht nur in Österreich

Wien - Eine bekannte Psychiaterin erzählt, wie einst der Professor in der Vorlesung mit Halluzinogenen experimentierte und ein Studentenpaar als wissenschaftliche Versuchspersonen LSD nahm. Ein anderer erinnert sich, dass "sich damals niemand etwas zu sagen getraute, die Professoren konnten mit den Patienten alles machen".

Das ist die atmosphärische Gemengelage der 1960er- bis frühen 1980er-Jahre, auf deren Boden Psychiater Experimente mit Malaria-Medikamenten an Heimkindern vornahmen oder an der " psychiatrischen Kinder-Beobachtungsstation" in Innsbruck zehnjährige Mädchen mit Präparaten aus der Tiermedizin niedergespritzt wurden, um " sexuelle Übererregung" zu unterbinden. Es waren Jahrzehnte, in denen Österreichs Psychiater zwischen Rückständigkeit und Beharren auf alten Strukturen, zwischen Aufbruch und Wissenschaftsgläubigkeit schwankten.

Ernst Berger beispielsweise bezeichnet diese Zeit als "Blüte des Biologismus". Das Biologische sei von vielen Wissenschaftern noch bis in die 70er-Jahre "als das Absolute" angesehen worden, biologische Funktionsweisen über die Psyche und auch den Einfluss sozialer Faktoren gestellt worden. Berger: "Das ist das Fortwirken der NS-Zeit, denn die NS-Psychiatrie war geprägt von Biologismus." Nach 1945 fehlten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien die Hälfte der Professoren, da sie von den Nazis umgebracht worden waren oder flüchten mussten. Aufgrund dieses Mangels ersparte man sich "leichten Herzens" (Berger) eine gründliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, viele historisch belastete Professoren hatten Schlüsselstellen in der Heilkunde inne - " und die inhaltliche Kontinuität der Nazi-Zeit ging weiter". Das wirke, kritisiert der Psychiater, bis heute nach: Dass etwa in der modernen österreichischen Psychiatrie noch immer mittels Elektroschocks therapiert werde, sei auf dieses biologistische Verständnis zurückzuführen.

Freilich war in der Nachkriegszeit ein autoritär- paternalistischer Zugang zur Medizin, kombiniert mit einem eher einfachen, mechanistischen Weltbild, nicht auf die mit Nazismus belasteten Länder beschränkt. Harvey Weinstein, Psychiater und Professor an der Stanford-Universität, schrieb 1990 ein Buch über Experimente, die ein bekannter Psychiater im Montreal der 50er- und 60er-Jahre mit seinen ahnungslosen Patienten gemacht hatte - im Auftrag der CIA, welche die Gehirnmanipulationen auch bezahlte (Harvey Weinstein: Psychiatry and the CIA: Victims of Mind Control).

Lieber nicht aufklären

Ganz zu schweigen von den psychiatrischen Experimenten, welche der KGB an seinen Opfern vorzunehmen pflegte: "Wissenschaft wurde zu allen Zeiten politisch missbraucht und ließ sich durchaus auch gerne missbrauchen", sagt etwa die Psychiaterin und Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin, die das Schicksal der missbrauchten Kinder vom Spiegelgrund aufgearbeitet hat.

Dass dies alles, die Allmacht der Professoren und die Ohnmacht der Patienten, nicht so weit zurückliegt wie gedacht, ruft Marcus Müllner, Leiter der Ages PharmMed, der österreichischen Agentur für Medikamentensicherheit, in Erinnerung: Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der Ethikkommission stieß der Mediziner auf Briefe, die besorgte Ärzte anlässlich der geplanten Einführung dieser Einrichtung geschrieben hatten. Der Tenor: "Der aufgeklärte Patient" sei nicht eben wünschenswert - schließlich wisse doch immer noch der Arzt am besten, was für Kranke gut sei.(Petra Stuiber, DER STANDARD; Printausgabe, 24.2.2012)

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