Die menschliche Logik versagt bei den Tieren

Julia Schilly
27. Februar 2012, 06:15
  • Der chinesische Riesensalamander hat es nicht so einfach auf der Sympathieskala: Er ist unbehaart, braun und hat kleine Knopfaugen.
    foto: apa/zoo schmiding / gettmann

    Der chinesische Riesensalamander hat es nicht so einfach auf der Sympathieskala: Er ist unbehaart, braun und hat kleine Knopfaugen.

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    foto: hanser verlag

Wen wir mögen, hassen oder verspeisen: Hal Herzogs Buch zur Mensch-Tier-Beziehung liegt nun in deutscher Übersetzung vor

Welche Rolle spielte der Fleischverzehr für die menschliche Entwicklung? Dürfen jährlich Millionen von Mäusen bei Tierversuchen geopfert werden? Gehört das Halten von Pitbulls verboten? Einige Debatten werden mit nahezu religiöser Inbrunst geführt, meint der US-amerikanische Psychologe und Veterinärmediziner Hal Herzog. Der Mitbegründer der Antrozoologie verortet sich selbst in der "moralischen Mitte", in der sich wohl viele Menschen befinden: Er isst Fleisch, aber weniger als früher und kein Kalbfleisch. Er ist dagegen, dass man Backofensprays und Lidschatten an Tieren testet, aber er würde sie für ein Heilmittel gegen Krebs opfern. So will er auch in seinem Buch "Wir streicheln und wir essen sie", das nun in der deutschen Übersetzung aufliegt, unseren paradoxen Umgang mit Tieren nicht auflösen, sondern nur erklären.

Er sehe die Welt "eher in Grautönen als in dem scharfen Schwarzweiß überzeugter Tierschützer und ihrer fanatischen Gegner", schreibt Herzog. Daher maßt er sich trotz seiner mehr als 20-jährigen Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Beziehung keineswegs an, moralisch zu belehren: "Wie die meisten Leute bin ich mir nicht sicher, was unsere ethischen Verpflichtungen gegenüber Tieren betrifft." Die Debatte über den moralischen Status von Tieren wird so erbittert geführt, dass FBI-Beamte vor einige Jahren den radikalen Tierrechtsaktivismus sogar als die größte terroristische Bedrohung in der amerikanischen Innenpolitik bezeichneten.

Tiere, die wir hassen

Von den 65.000 Gattungen an Säugetieren, Vögeln, Fischen, Reptilien und Amphibien weckt nur eine Handvoll größeres Interesse beim Menschen. Ihr "Wert" hängt oftmals von den Merkmalen jener Art ab: Wie attraktiv, wie groß sind sie? Welche Kopfform haben sie? Haben sie ein Fell? Oder sind sie gar schleimig? Zu viele Beine oder gar keine Beine werden meist negativ aufgefasst. Tiere werden von Menschen auch eher nach soziologischen Kriterien als nach ihrem genetischen Stammbaum eingeteilt: So sitzen Hyänen und Hunde zwar auf demselben Stammbaum der Ordnung Carnivora, sind aber auf der Skala der Beliebtheit sehr weit voneinander entfernt.

Die Schönheit spielt eine große Rolle, wenn der Mensch entscheidet, wie andere Gattungen zu behandeln sind. Sie ist auch ein wichtiger Faktor, wenn die Menschen entscheiden, wie viel Geld sie für den Erhalt einer bedrohten Tierart ausgeben. Der zwei Meter lange, braune chinesische Riesensalamander mit seinen winzigen Knopfaugen ist zwar auch vom Aussterben bedroht, aber weniger beliebt als der weiche Panda, dessen Augen durch schwarze Kreise überbetont werden. Damit hat der Bär es sogar zum Logo einer großen Tierschutzorganisation geschafft.

Der kulturelle Hintergrund spielt ebenfalls mit. Wirbellose Tiere werden in den USA und Europa mit Abneigung oder gar Ekel betrachtet. In Japan ist das Verhältnis komplexer. Unter den Kindern sind Hirschkäfer der letzte Schrei. Und unter dem Begriff "mushi" fassen Japaner Insekten, Spinnen, Salamander und Schlangen zusammen, die sie als Haustiere halten.

Tiere, die wir essen

Die subjektive Wahrnehmung und Unterteilung gilt auch für den Tierfleischkonsum: Hunde sind im Westen niedliche Haustiere und kein Mittagsmenü. Viele Chinesen sind da anderer Meinung. Es gibt noch feinere Nuancen: "Pesco-Vegetarier" essen keine Kühe, Schweine oder Geflügel, aber sehr wohl Fische und Meeresfrüchte. Eine rein gefühlsmäßige Einordnung, denn sowohl Vögel als auch Fische sind Wirbeltiere, haben Gehirne und leben gesellig, meint Hal Herzog. Das Ungleichgewicht wird deutlich, wenn er Zahlen aus den USA präsentiert: Auf jedes getötete Versuchstier kommen 200 geschlachtete Tiere für den Fleischverzehr. Auf jeden herrenlosen Hund, der eingeschläfert wird, kommen 2.000 Schlachttiere. Und auf jede junge Sattelrobbe, die für ihr Fell erschlagen wird, kommen 40.000 Schlachttiere.

Der Autor stellt sich auch die Frage, warum so wenige Tiere tatsächlich gegessen werden, obwohl die Liste der essbaren viel länger wäre. Selbst ist er ein abenteuerlustiger Esser: So habe er regelmäßig Schafshirn während seiner Studienzeit in Beirut gegessen, schon Schweinedarm, Qualle, Grashüpfer, Schwarzbärenbraten und Alligator probiert. Persönliche Grenzen stellen für ihn Katze, Fledermaus, Schimpanse, aber auch Balut, das halb ausgebrütete Entenei, dar. Einen wichtigen Einfluss stellt hier die kulturelle Prägung dar.

Tiere, die wir mögen

Der Autor erörtert zudem umfassend die moralischen Probleme, die entstehen, wenn wir Tiere zu einem Teil unseres Lebens machen: Ist es richtig, ein Tier zu töten, um ein anderes zu ernähren? Allein die rund 94 Millionen Katzen, die in den USA leben, verschlingen Unmengen an Fleisch. Wenn jede nur 55 Gramm Fleisch pro Tag frisst, sind es immerhin mehr als fünf Millionen Kilogramm. Und sie töten auch, wenn sie keinen Hunger haben. Schätzungen zufolge fallen pro Jahr eine Million Kleintiere den domestizierten Mitgliedern der Familie Felidae zum Opfer. Hal Herzog formuliert es provokant: "Vermutlich fallen jedes Jahr mindestens zehnmal mehr Felltiere und Vögel unserer Katzenliebe zum Opfer, als bei biomedizinischen Experimenten verwendet werden."

Und er stellt eine weitere Frage in den Raum: "In den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr etwa zwei Millionen ungewollter Katzen in 'Tierheimen' eingeschläfert. Die Kadaver werden sofort verbrannt. Wäre es nicht vernünftiger, die sterblichen Überreste Schlangenliebhabern zur Verfügung zu stellen?" Der Autor resümiert am Schluss seiner Gedankenkette, dass es nun für ihn als Schlangenbesitzer nicht nur logisch, sondern sogar moralisch richtig wäre, im Tierheim nach toten Katzen zu fragen. Trotzdem findet er den Gedanken abstoßend, seine Schlange mit toten Katzen zu füttern.

Zwischen Verstand und Gefühl

Wie wir über Tiere denken, wirft Licht auf ein immerwährendes Thema der Psychologie: den Konflikt zwischen Gefühl und Verstand. Der schottische Philosoph David Hume vertrat im 18. Jahrhundert die Ansicht, dass Emotionen die Basis der Moral sind. Immanuel Kant war hingegen der Meinung, dass Ethik auf der Vernunft basiere. "Wir halten uns gern für die vernunftbegabte Gattung. Aber Untersuchungen zeigen, dass unser Verhalten und Denken oft völlig unvernünftig ist", schreibt Herzog. Er unternimmt einen Erklärungsversuch: "Wir sind eine wilde Mischung aus Instinkt, Gelerntem, Sprache, Kultur und Intuition." (derStandard.at, 26.2.2012)

derStandard.at/Tiere auf Facebook

Zur Person

Hal Herzog ist Mitbegründer der Anthrozoologie und führender Experte für Mensch-Tier-Beziehungen. Er ist Professor für Psychologie an der Western Carolina University und lebt zusammen mit seiner Frau Mary Jean und ihrer Katze Tilly in den Great Smoky Mountains.

Anthrozoologie

Die Anthrozoologie überschreitet die herkömmlichen akademischen Grenzen. In dem Bereich arbeiten Psychologen, Veterinäre, Verhaltensforscher, Historiker, Soziologen und Anthropologen.

Wir streicheln und wir essen sie
Originaltitel: Some we love, some we hate, some we eat

Carl Hanser Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro

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Posting 1 bis 25 von 985
Ich empfehle an dieser Stelle allen die SPAR Veggie-Produkte und fleischfreie Sachen von "Valess", zB. Cordon Bleue oder Gouda-Labern! Bessere Fleischimitation hab ich noch NIE gegessen!

Kann mir wer das mit den Fleisch-Imitationen erklären? Entweder ich bin Vegetarier/Veganer und ernähr mich auch so, oder ich ess eben Fleisch.
Aber irgendwas als Fleisch verkleiden? Nein danke.

Es is relativ einfach: Es gibt auch Veganer/Vegetarier, die fleisch gegessen ahben und denen es schmeckt, die aber aus moralischen, ethischen, religiösen oder anderen mannigfaltigen Gründen, darauf verzichten.

Außerdem sit es stellenweise praktisch, Dinge zB in Wurstform zu verkaufen, man kann Brot damit belegen usw.

Gerne!

Es gibt unter den Veggies eine große Gruppe, die zwar kein Fleisch isst aber trotzdem der Ansicht ist, dass es gut schmeckt! Ich zähl mich da dazu. Ich finde, zubereitetes Fleisch sieht oft lecker aus, riecht gut und würde auch gut schmecken, aber ich kann darauf verzichten, weil das nicht die einzigen Kategorien sind, die ich beim Essen beachte. Dann gibt es auch andere, die es schon immer ekelhaft und grauslig g'funden haben.

Aber für jene, denen es an und für sich geschmeckt hat, sind Fleischersatzprodukte natürlich klasse! Es geht vordergründig um den Geschmack, bei einigen sicher auch darum, dass das Essen sich optisch nicht zu krass von dem unterscheidet, was sie früher gern gegessen haben. Das Auge isst ja bekanntlich mit. :-)

@ Veggie-Produkte - leider nicht bio.schade dass man da so inkosequent ist. aber immerhin - besser als tiere essen..

Tiere

Man kann sehr gut ohne Tierausbeutung jeglicher Art leben, man muss nur hinsehen und richtig auswählen. Aber genau das wird von den Tierausbeutern weltweit hinter neckische Werbung (auch für Haustiere!) versteckt, denn auch die stumpfeste Masse hat ein ethisches Bauchgefühl.
Klar ist - leider -, dass die Wildtiere samt Vögeln, Insekten usw. weltweit am Aussterben sind. Und wenn nein, werden sie erbarmungslos gejagt - auch bei uns (man denke nur an Raben, Raubvögel, Füchse, usw.). Oder auch gerne zubetonniert, zurückgedrängt usw. Dafür steigen die Massentierhaltungen und die schlechten Haustierhaltungen, ebenfalls weltweit.
Und, es wird immer schlimmer. Und die Menschheit vermehrt sich weiter und immer schneller...........

Sorry, aber Fleischkonsum und Tierausbeutung läßt..

...sich nicht trennen, auch bei Tieren vom Bauern ums Eck werden sie bei genauere Betrachtung Ausbeutung und Tierquälerei erkennen.

mfg

füchse, raubvögel etc. werden deshalb gejagt, weil es zuviele gibt.
und es gibt zuviele weil der mensch dieses ungleichgewicht verursacht hat.

immer schneller stimmt nicht. der Rest schon.

gerechtigkeit !

„Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, dass unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedenken sei, ist eine geradezu empörende Barbarei des Abendlandes. Die Tiere sind kein Fabrikat zu unserem Gebrauch. Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man den Tieren schuldig.“ (Arthur Schopenhauer)

Mmm...

...Panda!

ich mach...

...mir jetzt mal mein traumhaftes soja geschnetzeltes in paprika-rahm sauce mit knödel :D mmmmmmmmmmmahlzeit!

hm, die frage is nur, wer für unendliche Soja-Plantagen weichen hat müssen... :( wie soja hergestellt wird (pestizide + co), ebenso wie er von dort zu uns kommt (klima, Co2) - also so unbedenklich find ich soja jetz auch net!

Das Soja welches sie meinen wird zur Tierfütterung,...

...verwendet.

mfg

;-)

.....hm.....
Schmatz!

.. hoffentlich ..

.... kein Soja von Monsanto ;-)

Sogenanntes Gensoja wird fast ausschließlich in der Tierfütterung verwendet ;)

erst...

...probieren dann urteilen!ich hab 25 jahre lang auch so gedacht, aber die besten palatschinken und den besten döner kenn ich erst seitdem ich vegan bin!man muss sich halt die "mühe" machen rauszufinden wie man was macht, aber es gibt genug möglichkeiten traumhafte speisen zu zaubern...

keep an open mind

Bitte ein Rezept für gute vegane Palatschinken posten! Bin da skeptisch. Zerbröckeln die auch nicht? Würde gerne vegane Palatschinken kosten.

(Nur Mut. Wenn Fleischesser dann wieder posten, dass das nicht schmecken kann, dann muss uns das ja nicht nicht interessieren.)

also...

...mein bruder der palatschinkenchef sagt:

1-2 teelöffel sojamehl mit wenig wasser auflösen,
dann mehl (vollkorn, weizen...je nach lust und laune) im verhältnis 1 zu 10 (sojamehl/mehl) hinzufügen und mit sojamilch abrühren so dass es mehr oder weniger dickflüssig ist!je nach geschmack bourbon vanillezucker, oder (natürlichere variante) zucker und vanilleschoten hinzufügen!

5 minuten, fertig!

mahlzeit! :D

dankesehr!

werd ich gleich mal probieren

was mich daran stört:

das ding hat dann vielleicht 8 gramm protein?

wenn ich mit 2 eiern, milch und dinkelmehl palatschinken mache, ist das über 1/3 des tagesbedarfs an protein

Dinkelmehl kannst ja trotzdem verwenden, und Milch und Sojamlich schenken sich nichts. Bei den Eiern verlierst vielleicht 8g Proteine. Das könntest glaube ich schon verkraften, wenn du denn wolltest ;)

Außerdem glaube ich, dass du den Tagesbedarf an Protein überschätzt.

aija, die sojamilch hab ich ja übersehen!

2 eier wär so um die 14 gr, bin von körpergewicht x 0,8gr ausgegangen.

wen man sie mit nusscreme und bananen füllt, würden sie auf jeden fall was hergeben

Eh, die 2 Eier haben mehr als das als Bindeersatz dienende Sojamehl (6-8g Protein), so kam ich auf die 8g "Verlust". Trotzdem bist in Summe bei 35+g Protein, was wohl wesentlich mehr als 1/3 des Tagesbedarfs sein sollte. Aber das kommt nat. auf die Person an, ich bin kein Bodybuilder :)

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