Sind wir mit Tablets in der Post-PC-Ära angekommen?

Kolumne23. Februar 2012, 11:00
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Nach Gerätekategorien betrachtet ist diese Zeit längst angebrochen

Sind wir mit Tablets in der Post-PC-Ära angekommen, wie dies der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs bei seiner letzten großen Präsentation vor einem Jahr dekretierte? Kommt darauf an, wen man fragt.

Post ist, in Anlehnung an die Postmoderne, ein modernes Schlagwort bzw. ein Modepräfix geworden. Eindeutig leben wir in der Post-Telex-, Post-Fax-, Post-Brief- und Post-CD-Ära, auch wenn vieles davon als Randexistenz weiter besteht (wurde das Automobilzeitalter je als Post-Kutschen-Ära bezeichnet?). Aber wir sprechen von diesen Entwicklungen nicht in der Post-Form, weil sich für das Neue ein klarer Begriff etablierte: der PC.

Apple wird heuer 50 bis 60 Millionen iPads verkaufen

Mit Tablets und Smartphones (jemand für Post-Handys?) ist das schwieriger, weil sie zwar mit dem PC (Macs inkludiert) eng verwandt, aber doch sehr anders sind. In Zahlen: Apple wird heuer 50 bis 60 Millionen iPads verkaufen. Dies werden rund 60 Prozent des Marktes sein, der 2012 somit insgesamt an die 100 Millionen Tablets ausmacht. Das vergleicht sich mit 390 Millionen PCs (laut IDC; Desktops wie Notebooks, Windows wie Macs) und 630 Millionen Smartphones (laut Gartner) im heurigen Jahr. Die Dynamik ist eindeutig: PCs stagnieren, Smartphones und Tablets verzeichnen steiles Wachstum.

Nach Gerätekategorien betrachtet ist die Post-PC-Ära längst angebrochen. Marktforscher beginnen inzwischen Tablets in ihre PC-Statistiken einzurechnen (womit Apple erstmals der größte Hersteller von PCs ist). Aber auch das zeigt, dass alles in Fluss ist: Warum Tablets und nicht auch Smartphones, deren Rechenleistung weit über dem liegt, was uns vor gerade einem Jahrzehnt ausgewachsene Desktops boten? Tablets wie das iPad oder Samsungs Galaxy Tab sind ein neuer Gerätetypus, für den es zwar PC-Vorläufer gab, der aber durch Apple neu definiert wurde. So wie Smartphones ein anderer Handytypus sind als der seinerzeitige Nokia-Bestseller 1100, von dem zwischen 2003 und 2006 sagenhafte 400 Millionen Stück verkauft wurden. 

Bei PCs und Handys war Internet ein nachträglich "eingebauter" Zusatz

Der entscheidende Unterschied: Bei PCs und Handys war Internet ein nachträglich "eingebauter" Zusatz, was viele Jahre gut genug für die aufkommende Internet-Ära war. Tablets und Smartphones wurden hingegen für und mit dem Netz entwickelt. Sie sind unsere eigentlichen Werkzeuge für unser vernetztes Leben. Und sie sind ein entscheidender Schritt zum Computer für die 99 Prozent, um einen Slogan der Occupy-Bewegung zu entlehnen. Trotz aller Bemühungen den PC zu domestizieren bleibt er im Zweifelsfall das Instrument der Technoklasse, während viele "user" selbst nach jahrzehntelangem Gebrauch insgeheim noch immer Angst vor ihren Maschine haben.Die Post-PC-Ära wird eine sein, in der die Maschine verschwindet - aber ihre Fähigkeiten in vielen alltäglichen Geräten zur Verfügung steht. Nicht nur in Tablets und Smartphones, im Navi ebenso wie dem belächelten Internet-Kühlschrank. Und die wir eines Tages nicht nur durch angreifen, deuten und sprechen, sondern mit Gedanken steuern. Auch wenn uns das einstweilen noch gespenstisch vorkommt. (HELMUT SPUDICH, DER STANDARD Printausgabe, 23. Februar 2012)

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