Schattenseiten der Mobilität

Tot bei Grün

Leser-Kommentar | 23. Februar 2012, 11:14

Ein satirischer Beitrag zur traurigen Realität im Straßenverkehr

Wer erinnert sich noch an die frühere Ampelregelung, die den Kreuzungsverkehr so regelte, dass es einen kompletten Stillstand des motorisierten Verkehrs gab, und den damals noch zahlreichen Fußgängern die Kreuzung für kurze Zeit völlig überließ? Das hatte für den automobilen Fluss den Nachteil, dass er kurzfristig völlig abgewürgt wurde - "Stop and Go". Die Fußgänger genossen einen Moment des Friedens und der Sicherheit, weil da nichts abbog.

Ist "per pedes" ausgestorben?

In der Zwischenzeit kam es zum fast völligen Aussterben zu Fuß gehender Menschen und dem Aufstieg des Automobils zu einem rollenden Fortsatz des menschlichen Körpers. Die gesamte Infrastruktur menschlicher Siedlung passte sich dieser Entwicklung an, und so schrumpften mangels Bürgern ihre Steige, ballten sich Einkaufsmöglichkeiten an Ortsrändern, die nur schwierig anders als "automobil" zu erreichen waren, und schließlich musste auch die Fußgängerampelphase dran glauben.

"Stop and Go" bekamen jetzt die Fußgänger, die Mütter mit Kindern und Kinderwägen, Schüler und alten Leute. Die Autos bekamen auf den Haupteinfallstraßen die grüne Welle und durften fließen. Mit ihnen flossen die Fußgänger in der gleichen Richtung. Der Haken dabei: Sie wurden zum Freiwild für den Abbiegeverkehr.

Der Linksabbieger starrt in den Gegenverkehr und lauert auf seine Gelegenheit, noch vor seiner Grünphase in seine Nebenstraße zu huschen. Dabei übersieht er leicht die querenden Fußgänger, die ihm bei seiner Vollbremsung empört in die Augen sehen und Schimpfworte brüllen. Der unkritisch signalhörige Fußgänger vertraut nämlich auf das grüne Männchen, das ihm wie ein Schutzengel forschen Schrittes den Weg leuchtet.

Freiwild Fußgänger

Angemessener wäre es, sich wie ein zartes Wild vor einer ganzen Schlachtreihe von geladenen Flinten zu sehen und weniger auf Grünmännchen als auf die Mündungsfeuer der Automobile zu schauen. Der Rechtsabbieger sieht entweder einen Fußgänger auf sich zukommen oder muss sich etwas den Hals verrenken, um den Winkel rechts von sich einzusehen. Ungern steigt man auf die Bremse, fährt gerne etwas heftig an diesen Schwächling von Verkehrsteilnehmer heran, schiebt ihn zur Not ein wenig auf die andere Seite, lässt den Motor kurz knurren oder streift galant den Hintern des Gehwesens.

Diese bedrängte und bedrohte Spezies sollte ebenfalls weniger den Ampeln als ihren Sinnen vertrauen, sind sie doch nahezu unsichtbar für den eiligen Zeitgenossen hinter seiner Schutzscheibe.

Das Thema könnte Anlass zum Schmunzeln geben, herrschte nicht längst ein Krieg, der seine Opfer fordert. Autofahrer, wohlvertreten von ihren Clubs, einem Heer williger Anwälte, die auf ihre Limousinen einen Eid abgelegt haben, Politikern, die zu Fuß ausschließlich zum Rednerpult gehen, stehen dem unorganisierten, gar nicht mehr wahrgenommenen Gehwesen gegenüber und sind bereit drüberzufahren.

Wen schützt die Polizei?

Die Polizei ist längst zum Vollstrecker der Rechte der automobilen Verkehrsteilnehmer geworden und weist Fußgänger zurecht, brav die Grünphasen zu achten und damit sicher ins Verderben zu gehen. Der simple Instinkt und auch die grundlegende Funktion des polizeilichen Apparates, die Schwachen zu schützen, ist im Benzinsumpf versunken. Aggressoren sind grundsätzlich die Fußgänger und Radfahrer, denn wer geht heute zu Fuß oder fährt Rad? Es sind Verweigerer von Konsum, Wirklichkeitsverweigerer, die dem Fortschritt im Weg herumlungern, schrullige Intellektuelle, Spinner, Grüne, Ökos, Biolädenkonsumenten und natürlich Migranten. Sie zahlen nicht einmal Steuern für ihre Nutzung der Verkehrswege, während der Autofahrer gewaltig blechen muss.

Und so liest man immer häufiger von Unfällen auf Schutzwegen, die meist gar nicht gut für die Fußgänger ausgehen. Da wird schon mal eine ganze Familie zusammengefahren, werden Schüler getötet, die auf ihrem Smartphone tippselnd selber schuld sind, wenn man sie abschießt. Jeder Rest an Tötungshemmung schwindet in diesem hysterischen Fließzwang, der um Sekunden fuchst, ganz gleich ob es sich um Frauen, Kinder oder alte Menschen handelt.

Man schüttelt den Kopf, wenn man von solchen Massakern hört, und geht zur Tagesordnung über. Längst rechnet hier eine Volkswirtschaft den Wert von Menschenleben auf gegen ein Störung im Fluss, im Wachstum, in der Mobilität.

Und die romantische Vorstellung der rundum grünen Ampelregelung für den Fußgänger fällt nicht einmal mehr den Grünen ein und nicht einmal mehr den Fußgängern selbst, denn weil ja alles so schnell fließt, verschwimmt auch die Erinnerung. (Leserkommentar, Werner Hertel, derStandard.at, 23.2.2012)

Kommentar posten
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Leo Silberberger
00
26.2.2012, 09:46
Ich habe auch das Gefühl, dass sich die Stimmung auf Wiens Straßen, gemeinsam mit dem politischen Klima, in den letzten Jahren radikalisiert hat.

Ich habe auf den Artikel geklickt, weil mir erst gestern abend wieder einmal vor Augen geführt worden ist, wie sich der Kriegszustand Autofahrer vs. Rest der Welt in Wien mittlerweile entwickelt hat:
Ich gehe mit einem Freund auf einem Zebrastreifen (ohne Ampel) über die Straße. Ca. 200 Meter entfernt braust ein SUV daher. Als wir die andere Straßenseite erreicht haben, fetzt der SUV ungebremst 20 cm hinter unseren Fersen vorbei. Mit einem Aggro-Hupen laut wie eine Sirene. Uns zwei reißt es. In unserem Schock vernehmen wir noch, wie aus dem heruntergelassenen Fahrerfenster ein "Orschlecha" tönt.
Wie muss man drauf sein, um so drauf zu sein?!

Sabrine Grünbaum
00
24.2.2012, 09:31
scheint nur trotzdem das sichere System zu sein,

weil ansonsten würden die Verkehrstotenzahlen nicht laufend zurückgehen :)

zum Vergleich: in den glücklichen 60er-Jahren mit Rotphase für alle KFZ's im Kreuzungsbereich gleichzeitig: 1960 - 1.640 Tote, 1965 - 1.829 und 1970 - 2.507!

Heute: 2009 - 633, 2010 - 552 und 2011 - 521
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Verkehrstod

Leo Silberberger
00
26.2.2012, 09:51

Die hohen Zahlen aus den 60er/70er Jahren kommen überwiegend aus dem Überlandverkehr, nicht aus dem Stadtverkehr. Kann man also hier nicht anwenden. (Vor dem Bau der Südautobahn forderte die Urlaubstrecke nach Italien/Jugoslawien alleine in den zwei Ferienmonaten hunderte Tote.)

murdoch block, for a truer internet
00
24.2.2012, 12:07
ne

die fußgänger sind bloß vorsichtiger geworden.

bleibt ihnen auch nichts anderes übrig bei den vielen grünen fußgängerampeln, wo auch autos drüber dürfen.

Sand
00
24.2.2012, 10:24
Was sagt Wikipedia über die Anzahl von KFZ 1960 per Capita contra heute?

Oder genauer gefragt: Wie viele KFZ gab es 1960 per Fußgänger und wie viele gibt es heute noch?

Sabrine Grünbaum
00
24.2.2012, 10:26
das macht's ja noch krasser!

Stimmt, der KFZ-Bestand damals war viel geringer, was die Sache noch krasser macht: weniger Autos haben mehr Menschenleben gefordert!

Roky Erickson
00
24.2.2012, 10:06
Fußgängeranteil bei Verkehrstoten

... wäre interessant.

Just N. Opinion
11
24.2.2012, 09:30
Wenn man die Postings so durchliest,

sind Fußgänger prinzipiell entweder Freiwild, das ständig um sein Leben rennen muss – das Überfahrenwerden keine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann –,
oder Geistesgestörte, die mutwillig und todesverachtend just vor abbiegenden Autos unerwartet auf die Fahrbahnen hüpfen.

Sowohl als auch oder weder noch?

peace & love
11
24.2.2012, 09:12
poetischer nonsens.

ps -
mariahilferstrasse / neubaugasse / kirchengasse / satiftgasse sind ohnehin so geregelt, und JEDESMAL wackeln ein paar 'gehwesen' brav bei rot über die strasse.

Gerhard56
10
24.2.2012, 06:08
Dazu passen: Die Schattenseiten des Lebens

Fazit: Jeder muß mal sterben!
Und was macht die Politik dagegen? *lol*

Roky Erickson
00
24.2.2012, 08:39
Kismet

Gott möge Sie auf dem Weg von der Haus- zur Autotür (und zurück) beschützen!

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
24.2.2012, 01:52
"Aufmuckende" Fussgänger in wien -

- hamma ned, brauch ma ned!
Auf anfrage bei einer engagierten politikerin in wien wegen einer dringend gebotenen fussgängerampel im 14. bezirk, kann man zu hören bekommen:
"Wäre nötig - ist aber nicht durchseztbar...!"

Isegrim1
00
24.2.2012, 01:44
Was hat denn die Polizei eine Chance? Das Gesetz sagt bei Grün kann die Straße überquert werden, bei Rot nicht.

oas
00
24.2.2012, 00:33
Naja, gaanz lieeb

aber aus welchem Text - muss so in der Merz/Qualtinger-Ära entstanden sein, "Furche" oder "Der Erzähler"? - ist denn das copygespasst worden?

Michael Colinas
00
23.2.2012, 22:32
Wusste gar nicht, dass Salzburg so rückständig ist.

Dort gibt es jede Menge ampelgeregelter Kreuzungen mit Fußgängergrünphase in alle Richtungen.
Würde mich echt interessieren, ob es einen deutlichen Unterschied bei Verletzten/Toten im Verkehrsgeschehen in den Landes- und der Bundeshauptstadt gibt, bezogen auf die jeweilige Verkehrsdichte.

der letzte leser
57
23.2.2012, 21:44

Ich bin heute die Johnstraße nach Schönbrunn hinuntergegangen, aus unerfindlichen Gründen fährt der Bus nur alle 10 Minuten, zu Fuß war Ich letzlich schneller.

Auf dem ganzen Weg und während der über 5 Minuten langen Wartezeiten an den Ampeln für die beiden Wienzeilen sah Ich, dass die Mehrheit der Autos mit nur einer Person besetzt ist.

Das kann es nicht sein. Diese Leute produzieren Abgase und Lärm, verbrauchen fahrend 3x20 Meter Fläche. Das Auto ist ein Irrsinn, der aus der Stadt vertrieben gehört.

Gerhard Bichler1
00
24.2.2012, 11:40
In Los Angeles gibt es auf den Stadtautobahnen sogar reservierte Fahrspuren nur für Autos mit mehr als einer Person.,.Da rentiert sich schon eine Gummipuppe am Beifahrersitz.

stefan1981
00
24.2.2012, 09:41

vcö mitglied?

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
10
24.2.2012, 01:56

- ich überlege mir sogar den nick
"der letzte fussgänger wiens"

U. abends, am wochenende, feiertags, in den ferienzeiten verkehrt zb. der 49er o. der 52er nur ca. alle 15 minuten...!

mittelweg
00
24.2.2012, 09:58
Beim ersten der drei bilder

ist aber viel mehr hineingezoomt. Brauchen Autos also doch nicht so viel platz, oder warum muss das Bild "manipuliert" werden?

pirat was sonst
50
23.2.2012, 21:28
eine neue Dimension des Nonsense

der Unterschied zwischen niveaulosen Postings und Artikeln verschwimmt immer mehr. Wie kann man sich nur so viel Unsinn ausdenken? Mit Satire hat das ja auch herzlich wenig zu tun. Ich glaube ich erspare mir den Standard endgültig, wenn keine bessere Qualität als anderswo geboten wird.

Roky Erickson
00
24.2.2012, 08:42
Die Krone ...

... freut sich schon auf Sie.

wiesengarten
15
23.2.2012, 20:58
Vielen Dank für diesen Kommentar!

Für viele AutofahrerInnen, die telefonierend einhändig abbiegen, sind FußgängerInnen tatsächlich nur lästige Wegelagerer, die ihnen das Recht auf freie Fahrt nehmen.
Ein alternder Bezirkspolitiker will FußgängerInnen, die "im Gänsmarsch" über eine ungeregelte Kreuzung mit Zebratsreifen gehen, eine Ampel vorsetzen, auf dass dort AutofahrerInnen nicht durch FußgängerInnen gefährdet werden einen Unfall zu verursachen.
Mit mehr Gelassenheit könnten AutofahrerInnen, RadfahrerInnen und FußgängerInnen gut miteinander auskommen, aber auf Wiens Straßen gilt nur das Recht des Stärkeren, und der in der Blechkiste ist nun einmal am besten geschützt.

der schwitzbär der schwitzt sehr
00
23.2.2012, 20:57
Sommerloch

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