E-Mail to Everyone

Gastkommentar24. Februar 2012, 10:11
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Das E-Mail kann die Kommunikationskultur massiv beeinflussen. Vieles wurde vereinfacht, einiges bedeutend verkompliziert. Manches muss erst noch gelernt werden - Von Larissa Krainer

Eines gleich vorweg: Die neuen Kommunikationstechnologien bergen enormes Potenzial in sich. Sie haben Menschen potenziell weltweit vernetzt, Kommunikationsabläufe erleichtert, können Kooperationen fördern, funktionieren rasch und sind relativ einfach zu bedienen. Sie bergen aber auch allerlei Risiken in sich.

Der Feind liest mit

Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien sind technisch wie rechtlich unsichere Medien. Sie sind relativ leicht kontrollierbar, öffnen dem Datenmissbrauch Tür und Tor, können vergleichsweise einfach gefälscht werden. Inzwischen wurden viele Instrumente entwickelt, um ihren Gebrauch sicherer zu machen (Firewalls, Instant Messenger, Viren-Scan-Programme etc.). Die wenigsten von ihnen sind ausreichend bekannt und werden genügend genutzt, und zudem führt jede Sicherheitsschranke dazu, dass jene, die sie umgehen wollen, kreative Potenziale entwickeln, um das auch zu können. Eine Spirale des Aufrüstens hat eingesetzt.

Der Ton macht die Musik

"Hallo, Frau Professor Krainer, ich würde gerne bei Ihnen die Prüfung für Medienethik machen und biete Ihnen die folgenden drei Termine dafür an: ..." So lautete die "Message" eines Studenten an mich, der offenkundig mehr am Zeugnis als an meinem Fach interessiert war, andernfalls hätte er in der Vorlesung mitbekommen müssen, dass das Kommunizieren per E-Mail nicht bedeutet, dass ein amikaler Ton angebracht ist (der zudem oft ohne Beachtung sämtlicher Regeln der Grammatik wie Rechtschreibung auskommt und offenbar der Annahme folgt, dass die Kurzweiligkeit der elektronischen Kommunikationsform inzwischen dem Vergessen von Unhöflichkeit angepasst wurde). An die Stelle eines Ansuchens tritt heute häufig eine Aufforderung, die Höflichkeitsform des Briefes ist einem Telegrammstil der verbalen Unachtsamkeit gewichen.

Der Müll kommt ungefragt

An alle: "Nachmieterin für meine Wohnung gesucht. Universitätsnähe, sonnige Lage, 60 qm, Ölheizung, teilmöbliert." Ein weiteres großes Plus, nämlich das Potenzial, mit einer Nachricht viele Menschen auf einmal zu erreichen, kennt ebenfalls eine Schattenseite: permanente Belästigung (Spam, engl. für Müll). Dabei sind es nicht nur Fremde, die zu Mailbox-Verstopfungen führen - sehr häufig sind es MitarbeiterInnen aus dem eigenen Unternehmen, einige beschäftigen gleich die ganze Belegschaft mit sich. Von der Wohnungssuche über den Fahrradverkauf bis hin zu sonstigen "freien" Meinungsäußerungen findet sich ein buntes Allerlei deplazierter Nachrichten "an alle", von denen sich nur eine kleine Teilmenge dafür interessiert, während die Mehrzahl der EmpfängerInnen sie eher der Kategorie Informationsüberflutung oder gar "Instrumentenmissbrauch" zuordnet.

Der Konflikt eskaliert

Wer je versucht hat, Konflikte per E-Mail zu lösen, kennt vermutlich zwar die daraus resultierenden Eskalationsstufen des Konfliktes, viel seltener hingegen wahrscheinlich konsensorientierte Lösungsformen. Erstere äußern sich nicht selten darin, dass die E-Mails immer länger werden und immer mehr "cc" sich in die Debatte einmischen. Kaum jemand, der es in solchen Phasen der Konflikteskalation noch wagen würde, Botschaften, die er als E-Mail "absetzt", jemandem auch "ins Gesicht" zu sagen. Kaum jemand aber auch, der die erhaltene Botschaft als irrelevant genug empfinden würde, um sie einfach zu ignorieren. E-Mails tragen den Charakter in sich, umgehend beantwortet werden zu wollen.

In Konfliktfällen lösen Nachrichten (geschriebene zumal) allerdings unweigerlich Emotionen aus. Geantwortet wird dann tendenziell eher im Affekt als mit abgewogenem, rationalem Verstand. Das Ausmaß, in dem die Tasten klirren, entspricht dann zumeist direkt proportional dem Scherbenhaufen, der damit angerichtet wird. Wo früher Bürotüren offen standen, entsteht heute mitunter der Eindruck, dass sie fest verschlossen bleiben sollen, um jenen KollegInnen, die man gerade "niedergemailt" hat, nicht am Gang begegnen und erst recht nicht mit ihnen sprechen zu müssen.

Das E-Mail als Beweismittel

"Wie in meinem Mail vom 27. Juni des Jahres bereits mitgeteilt, ersuche ich um dringende Übermittlung der von Ihnen ausstehenden Unterlagen bis Montag kommender Woche." Auf die Frage, warum Menschen so viele E-Mails schreiben (und noch dazu so viele andere Menschen via "cc" involvieren), ist häufig die Antwort zu hören, dass dies die einzige oder die beste Möglichkeit sei zu beweisen, dass man etwas erledigt oder auch irgendjemanden von irgendetwas informiert habe.

Damit ist aber gleich zweierlei angedeutet: Zum einen zeigt sich ein Vertrauensverlust in das gesprochenen Wort (das E-Mail dient als schriftliches Beweismittel), zum anderen wird häufig unhinterfragt angenommen, dass die bloße Information, sofern sie nicht zur Ablehnung führt, bereits akzeptiert wurde. Was den Tarnmantel einer raschen und unkomplizierten Dokumentation trägt, entpuppt sich als Strategie: E-Mails dienen als Beweismittel in einer Misstrauenskommunikation und führen nicht selten zu einem schier nicht mehr zu bewältigenden Kommunikationsaufwand aufseiten der vielen ccs. Steigern lässt sich das noch durch die Haltung, dass Menschen, die auf "cc" gesetzt wurden, sofern sie sich nicht gegenteilig äußern, bereits Zustimmung signalisiert hätten. (Larissa Krainer, derStandard.at, 24.2.2012)

Autorin

Larissa Krainer, Wissenschaftlerin an der Universität Klagenfurt, befasst sich mit Fragen der Medien- und Kommunikationsethik.

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