Orthorexie: Zu gesund macht krank

23. Februar 2012, 11:14
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Betroffene sind krankhaft fixiert auf gesunde Ernährung - Mangelerscheinungen sind die Folge

Regensburg - Ein Cheeseburger ist für Orthorektiker der Inbegriff des Grauens. Gemüse darf höchstens eine Viertelstunde vor der Zubereitung geerntet worden sein. Rotes Fleisch ist völlig tabu. Die Milch fürs Müsli darf nicht in der Molkerei erhitzt worden sein und Obst muss aus  aus politisch „korrekten" Ländern kommen.

Die Liste der Eigenheiten, an denen das Weltbild jener fanatischen Gesundesser zerbricht, könnte unschwer um das Hundertfache verlängert werden. Ärzte haben jedenfalls in der selbstzerstörerischen Weise, gesund zu essen, eine seelische Krankheit entdeckt: Orthorexia nervosa", kurz Orthorexie (nach den griechischen Begriffen orthos = der „richtige" und orexi = „Appetit") - was so viel bedeutet wie „krankhaftes Streben, sich gesund zu ernähren".

Übertrieben gesund

Natürlich ist nicht jeder, der vernünftig isst, ein Orthorektiker. Dazu gehört schon einiges mehr. Wenn jemand beispielsweise auf keine Einladung zum Abendessen mehr eingeht, sich weigert, in einem Restaurant zu essen, weil ihm die Zutaten verdächtig vorkommen, seine Freundschaften aufgibt und sich auf diese Weise völlig isoliert, dann liegt schon ein begründeter Verdacht nahe, dass es sich um eine psychische Störung handelt. Um so mehr, wenn solche Personen versuchen, ihr kulinarisches Weltbild mit missionarischem Eifer auf alle Bekannten zu übertragen. Oder wenn sie zum Einkaufen dreimal so lange wie andere Menschen brauchen, weil sie bei jedem Produkt die Liste der Inhaltsstoffe sorgfältig überprüfen müssen, berichtet der deutsche Online-Reportagedienst obx-medizindirekt. 

1997 hat der amerikanische Arzt Steven Bratman das Krankheitsbild beschrieben und den Namen der Krankheit gleich mitgeliefert. Er wusste, wovon er sprach, denn er war selbst betroffen. Inzwischen hat er sein Problem im Griff. Er ernährt sich immer noch gesund, hat aber mit dem Missionieren aufgehört und übt mittlerweile selbst Kritik an fanatischen Gesundessern.

Essstörung als "Psycho-Ventil"

„Der zwanghafte Drang nach möglichst gesundem Essen oder die Angst vor ungesundem Essen hat in der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur einen Nährboden", erklärt der Günter Gerhardt, Allgemeinmediziner und Moderator zahlreicher Fernseh- und Rundfunksendungen.  „Wäre das Thema 'gesundes Essen' gerade nicht en vogue, hätten diese Menschen ganz sicher etwas
anderes gefunden, worauf sich ihre Angst beziehungsweise ihr Zwang konzentriert hätte."

Deshalb besteht eine mögliche Behandlung dieser Essstörung auch nicht in der abrupten Umstellung von Ernährungsgewohnheiten, sondern vordergründig im Aufspüren der Motivation, die hinter diesem strengen Ess-Reglement steckt.

Bezeichnend ist, dass Orthorektikern ganz unterschiedliche Ernährungs-Weltanschauungen vertreten: Das reicht von der Makrobiotik über „Low Carb" (möglichst wenig Kohlenhydrate), Atkins-Diät (nur Eiweiß und Fett) und „extrem fettarm" bis hin zu Moden wie der „South Beach-Diät". Gemeinsam ist den Patienten nur die verbissene Konsequenz beim Durchhalten und bei der Propaganda für ihren Lebensstil.

„Naja, wenigstens ernähren die sich gesund", lautet ein häufiges Argument. „Dem ist leider nicht so", betont Gerhardt. „Denn durch die übertrieben strenge Auswahl der Nahrungsmittel kommt es zu extrem einseitiger Ernährung und damit früher oder später auch zu Mangelerscheinungen und Untergewicht." 

Da sie Orthorexie nicht als Krankheit definiert ist, gibt es keine Richtlinien in der Therapie. Hilfe bieten jedoch Psychologen und Psychotherapeuten an. „Wenn sich der Orthorektiker am Ende der Therapie wieder aufs Essen freut und kein schlechtes Gewissen hat, wenn ihm auch mal ein Burger geschmeckt hat, dann hat er seine Lebensfreude wiedergefunden. Und es war eine erfolgreiche Behandlung", konstatiert Gerhardt. (red)

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    Orthorektiker essen vorwiegend Obst und Gemüse.

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