Kriegsreporter in Syrien getötet: "Ich sah ein Baby sterben. Grauenhaft"

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  • Ihr letztes BBC-Interview: Marie Colvin im O-Ton ("I saw a baby die today")
    foto: bbc/screenshot
  • Berichtete 2011 vom Tahrir Platz: Marie Colvin
    foto: epa/ivor prickett/the sunday times

    Berichtete 2011 vom Tahrir Platz: Marie Colvin

  • Rémi Ochlik fotografierte die tunesische Revolution.
    foto: ap/yoan valat

    Rémi Ochlik fotografierte die tunesische Revolution.

Marie Colvin und Rémi Ochlik gerieten unter Granatenbeschuss - wieder zwei Stimmen weniger, die der Welt erzählen, was wirklich in Homs passiert

"Ich sah heute ein kleines Baby sterben, absolut grauenhaft", berichtet Marie Colvin gestern in einem TV-Bericht auf BBC und CNN direkt aus der syrischen Bürgerkriegsstadt Homs. "Überall feuern nur noch Granaten, Raketen und Panzer in die Wohngegenden dieser Stadt, unerbittlich und ohne Unterlass. Niemand hier versteht, warum die internationale Staatengemeinschaft nicht eingreift." Heute vermelden die Agenturen, dass Marie Colvin und der französische Fotograf Rémi Ochlik getötet wurden. Granatenbeschuss hatte heute Morgen das provisorische Medienzentrum in Bab al-Amr, dem umkämpften Bezirk von Homs, erschüttert; als Marie Colvin und Rémi Ochlik fliehen wollten, traf sie eine Rakete.

Markenzeichen "Piraten"-Klappe

Wieder zwei Stimmen weniger, die der Welt erzählen, was wirklich in Homs passiert. Marie Colvin war eine international anerkannte, eine erfahrene, eine unbestechliche Reporterin aus Krisengebieten mit 30 Jahren Berufserfahrung. Ihr Markenzeichen war die schwarze "Piraten"-Klappe, über dem linken Auge. 2001 hatte ihr in Sri Lanka ein Bombensplitter das Auge zerstört.

Ausgezeichnete Reporter

Rémi Ochlik war gerade einmal 28 Jahre alt. Als Journalist und Fotograf hatte er bereits im vergangenen Jahr aus den Krisengebieten Tunesien, Ägypten und Libyen berichtet. Eines seiner Bilder aus Libyen wurde erst kürzlich in der Kategorie Information mit dem World Press Photo Award 2011 ausgezeichnet. Zwei weitere westliche JournalistInnen sollen verwundet sein, eine amerikanische Journalistin ist, wie es heißt, schwer verletzt.

Marie Colvin hat in ihrem journalistischen Leben aus Kriegs- und Krisengebieten rund um die Welt berichtet. Aus Tschetschenien, dem Kosovo, aus Sierra Leone und Sri Lanka. Sie berichtete über den arabischen Frühling aus Tunesien, aus Ägypten und Libyen. Zwei Mal wurde sie zur besten britischen Auslandskorrespondentin gekürt. Immer wieder hatten sich die Wege von Rémi Orlick und Marie Colvin gekreuzt.

Vergangenen Sonntag erschien ihr letzter Artikel in der "Sunday Times". Sie schildert die Angst der Zivilbevölkerung, die in Homs mit einem Massaker rechnet. "Die Skala menschlicher Tragödien in dieser Stadt ist immens. Die Bewohner leben im Terror. Nahezu jede Familie beklagt Todesopfer oder den Verlust nahe stehender Menschen", schreibt Marie Colvin.

What is bravery, and what is bravado?

Ihr Beruf war ihr Credo. Ihre Mission war die aller seriösen Reporter. Marie Colvin 2010 im O-Ton: "Unsere Aufgabe ist es, all diese Kriegsschrecken genau und ohne jede Vorurteile zu beschreiben. Dabei müssen wir uns immer fragen, welcher Bericht tatsächlich welches Risiko wert ist. What is bravery, and what is bravado? - Wo endet Mut und wo beginnt Draufgängertum. Kriegsreporter tragen eine große Verantwortung. Manchmal zahlen sie dabei den ultimativen Preis."

Gefühl der Hilflosigkeit

Heute Vormittag kamen die ersten Meldungen über ihren gewaltsamen Tod. Gestern Abend schrieb Marie Colvin zum letzten Mal im Rahmen eines journalistischen Netzwerkes: "In Baba Amr. Mich macht krank und ich verstehe nicht, wie die Welt einfach zuschauen kann während ich hier durchhalte. Sah heute ein Baby sterben. Bombensplitter. Die Ärzte konnten nichts tun. Immer wieder bäumte sich sein Bäuchlein auf - bis es vorbei war. Gefühl der Hilflosigkeit. Und der Kälte! Werde weiter versuchen, die Informationen herauszubekommen."

Gut zwölf Stunden später lebt Marie Colvin nicht mehr. Die syrische Regierung, deren Truppen das Medienzentrum beschossen hatten, wird den Tod dieser herausragenden Journalistin kaum bedauern. Und Syriens Freund Russland? Human Rights Watch meldet, modernste russische Minenwerfer in Homs gesichtet zu haben.

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