Von der Oberfläche zum Inhalt und wieder zurück

22. Februar 2012, 19:26

Künstlerische Dialogsituationen: Karl Prantl und Rudi Stanzel

Linz - Seit den ersten Ausstellungen, an denen er in der Landesgalerie beteiligt war, sei Rudi Stanzel mitten in einem medienanalytischen Diskurs gestanden, sagt Martin Hochleitner, Direktor der Landesgalerie: mit einem konzeptuellen Malereibegriff, der Herangehensweise, das Material - etwa Eisenglimmer, Grafit, Plastik oder Transparentpapier - zu untersuchen, und der Bearbeitung von Oberflächen.

Die Verbindung zu Karl Prantl, der Malerei studierte, ehe er sich Anfang der 1950er-Jahre ausschließlich als Bildhauer betätigte, könnte also schon allein auf Basis dieser Grenzüberschreitungen innerhalb der künstlerischen Biografien rasch hergestellt werden. Doch Prantl - Jahrgang 1923 und Initiator des Bildhauersymposions St. Margarethen 1959 - und Stanzel - geboren 1958 in Linz - trennt ebenso viel, wie sie verbindet: eine Künstlergeneration, das Ausgangsmaterial und vor allem, bezogen auf ihre Arbeitsweise, der Faktor Zeit. Die von den beiden Künstlern noch gemeinsam geplante Ausstellung wurde nach Prantls Tod im Oktober 2010 nun von Stanzel umgesetzt.

Wie eine Achse verbinden Prantls Skulpturen die beiden Räume des Wappensaals, an deren Wänden Stanzels großformatige Bilder hängen - in notwendigem räumlichem Abstand, durch den ersichtlich wird, wie sehr die Arbeiten beider Künstler mehr die Abwesenheit anderer Formen brauchen als deren Nähe. Und wie sensibel daher mit allzu augenscheinlichen Berührungspunkten umgegangen werden muss.

Gemeinsame Ausstellungen halten dazu an, das Trennende zu suchen; den Spalt, über den man stolpern, an dem man aber auch das Reibende, somit Spannende finden kann. Und es gibt ihn: Dort etwa, wo Prantl aus dem harten Stein eine weiche, fast organische, hautähnliche Struktur schälte, die zum Berühren und Begreifen verführt, da verführt und täuscht Stanzel mit Oberflächen, die er selbst erst einem Untergrund aufzwingt. Während Prantl fast linear seine Formen- und Oberflächensprache entwickelte, kehrt Stanzel immer wieder zyklisch zurück zu Techniken, die für ihn abgehandelt schienen. Das Collagieren etwa entdeckte er während eines China-Aufenthalts wieder. Die neuerliche Auseinandersetzung mündete in eine Arbeit, für die er Texte von Arnulf Rainer kopierte, bearbeitete und übereinanderschichtete.

Mehr in seiner Gesamtheit zu lesen ist die parallel gezeigte Schau Selected by. Für diese neue Reihe bittet die Landesgalerie Künstler, eine Ausstellung aus der Sammlung zu kuratieren. Rudi Stanzels Ergebnis überrascht. Unter dem Titel Liquid schafft er Bezüge und Nachbarschaften quer durch die Kunstgeschichte, beginnend mit Egon Hofmann oder Aloys Wach über grafische Arbeiten der 1960er-Jahre, etwa von Hans Hofmann-Ybbs, bis hin zu zeitgenössischer Kunst von Elisabeth Plank und Karl Heinz Klopf. Eine im wahrsten Sinn des Wortes fließende Schau, die im Widerspruch - möglicherweise aber auch als sehnsuchtsvoll ausgleichssuchende Ergänzung - zur strengen formalen Sprache in Stanzels eigenen Bildern steht. (Wiltrud Hackl / DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2012)

Bis 9. 4.

 

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