Kampf um den ORF, Phase 2

Kolumne | BARBARA COUDENHOVE-KALERGI, 22. Februar 2012, 18:45

Nach dem Teilerfolg der Verhinderung eines SPÖ-gestützten Büroleiters für den Generaldirektor geht die Auseinandersetzung jetzt in eine neue Etappe: eine Reform der Gremien, insbesondere des Stiftungsrats

Der Kampf um die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Österreich ist eine unendliche Geschichte, vom Rundfunkvolksbegehren 1966 bis zur jüngsten Protestaktion der ORF-Redakteure. Nach dem Teilerfolg der Verhinderung eines SPÖ-gestützten Büroleiters für den Generaldirektor geht die Auseinandersetzung jetzt in eine neue Etappe: eine Reform der Gremien, insbesondere des Stiftungsrats.

Dieser ist so etwas wie der Aufsichtsrat des Unternehmens. Hier liegt die wahre Macht. Oder besser gesagt: Hier sollte sie liegen. Denn in der Praxis sind es nicht die nominell unabhängigen Stiftungsräte, die über wichtige Personalien und Strukturänderungen entscheiden, sondern nach wie vor die Parteisekretariate. Ein eklatantes Beispiel aus jüngerer Vergangenheit hierfür ist die Nichtbestellung von Gerhard Zeiler zum ORF-Generaldirektor. Der damalige RTL-Chef war nach einmütiger Auffassung der beste Mann für den Job, er wollte ihn auch haben und dafür auf viel Geld verzichten. Der SPÖ-Führung war er zu unabhängig, und sie sagte Nein. Der Stiftungsrat folgte brav und sagte wider besseres Wissen ebenfalls Nein. Vor kurzem ist Zeiler Chef des Riesenkonzerns Time Warner geworden. Dort holt man sich die Besten der Besten. Wieder eine verpasste Gelegenheit für Österreich, eine von vielen. Jetzt basteln die ORF Redakteure im Verein mit Spitzenjuristen an einer Reform. Das Ziel: In den Stiftungsrat sollen unabhängige, qualifizierte, angesehene und integre Persönlichkeiten, die sich allein dem Unternehmen und dem Publikum verpflichtet fühlen. Das ist freilich leichter gefordert als getan.

Wie schreibt man so etwas in ein Gesetz? Auch überzeugte Sozialdemokraten oder Christdemokraten können unabhängig sein und nominell Parteilose abhängig. Anständigkeit und Klugheit sind essenziell, aber schwer in Paragrafen zu definieren. Fachkundigkeit wäre gut. Aber soll man sie zur Bedingung machen? Der nach Ansicht der Mitarbeiter beste Stiftungsrat ist der Caritasdirektor Franz Küberl, kein Medienmann. Die Wurzel der Misere liegt wohl nicht in der Schwäche des Rundfunkgesetzes, sondern in der Schwäche der Zivilgesellschaft. Der Stiftungsrat sollte nach der Intention seiner Erfinder die österreichische Gesellschaft widerspiegeln, neben den demokratischen Parteien auch die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen. Aber in der Praxis lief alles eben wiederum auf die Alleinverantwortung der Parteien hinaus. Auch die Institutionenvertreter versammelten sich in "Freundeskreisen", die de facto auf das Kommando der Parteisekretariate hörten.

Wenn jetzt die ORF-Redakteure wieder einmal eine Unabhängigkeitsoffensive starten, sind sie auf die Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen. Der ORF, hieß es in deren Resolution, gehört nicht den Parteien, sondern den Hörern und Sehern. Ohne diese geht gar nichts. Freilich, viele haben inzwischen das Interesse am österreichischen Immer-noch-Leitmedium verloren. Das ist nicht gut. Eine Demokratie, sagte Abraham Lincoln, kann zur Not ohne Regierung funktionieren, aber nicht ohne freie Presse. Die österreichische Demokratie braucht eine freie Presse. Und sie braucht einen freien ORF. (DER STANDARD; Printausgabe, 23.2.2012)

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11 Postings
byron sully
11
23.2.2012, 14:57

der kommentar enthält gute ansätze. aber wenn wer (noch dazu von der großen intelligenz einer coudenhove-kalergi) es allen ernstes bedauert, daß zeiler nicht wieder orf-chef geworden ist, kann ich darüber nur den kopf schütteln. zeiler hätte vielleicht für gutes wirtschaften gesorgt, aber dafür wohl die allerletzten wenigen ansätze von qualitätsprogramm gestrichen. so wie er bereits den größten niveau-absturz der gesamten orf-geschichte zu verantworten hat.

FatFaceRicky
01
23.2.2012, 16:58

Nur weil einer gut RTL-Unterschicht-TV machen kann, heisst das aber nicht, das er nicht auch gutes öff.-rechtliches TV machen kann. Der ORF kann ja keines von beiden.

Filippos B€zahlnixos
03
23.2.2012, 13:20
was soll das? Unabhängigkeitsoffensive?

"Wenn jetzt die ORF-Redakteure wieder einmal eine Unabhängigkeitsoffensive starten, sind sie auf die Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen."...

Der ORF ist durch und durch "Rot-Grün", siehe AK-Wahlergebnisse der letzten 3 Wahlen im ORF....

Daher gibt es nur eine "Unterstützung" für den ORF: die > GIS-Abmeldung!

Michael Haberler
01
23.2.2012, 17:47
ich versteh das auch eher

als intra-fraktionelle Kabale als eine "Unabhängigkeitsoffensive"

Der casus belli war eher die plumpe Vorgangsweise als eine "Richtungsänderung" - da gabs dann plötzlich schamhaftes Erröten und Abstossungsreaktionen - igitt, wie das aussieht

Auf der Programmebene kann ich die "Unabhängigkeitsoffensive" nicht erkennen

a las barricadas
01
23.2.2012, 12:34
na ja - schön wäre es

wie man aber in anderen Medien lesen kann - es ist die SPÖ, die sich mit Zähnen und Klauen gegen die Reform des ORF-Gesetz, der Bestellung de Stiftungsrates wehrt - liegt wahrscheinlich daran, dass laut Faymann - die Jungen den ORF so schön "aufgestellt" haben.

Ein Troll
01
23.2.2012, 11:54
Und wie viel Demokratie hält

eine hochentwickelte Gesellschaft auf Dauer aus?

Informatiker
 
51
23.2.2012, 09:08
Schon wieder ein Interview zum ORF mit einem Fossil.

http://de.wikipedia.org/wiki/Barb... ve-Kalergi

chakra
21
23.2.2012, 09:55
Wann wird endlich jeder begriffen haben,

daß Zeiler der Anfang vom Ende des Fernsehens mit Qualitätsanspruch war? Das, was nachher kam, hat nur mehr die Entwicklung exekutiert, die er begonnen hat, allerdings ohne das Charisma eines Super-Managers.

Informatiker
 
00
23.2.2012, 19:32
Für mich geht es nicht um den dehnbaren Begriff von "Qualität", sondern um bewussten Bruch des Auftrages aus dem ORF-Gesetz.

Wie antwortete weiland Podgorsky : "Ich bin beim Fernsehen, oder haben Sie etwas gelernt ?"

Informatiker
 
20
23.2.2012, 09:06
"Vor kurzem ist Zeiler Chef des Riesenkonzerns Time Warner geworden."

Völliger BLÖDSINN ! Zeiler leitet die Europa-Filiale.

Helmut71
04
23.2.2012, 06:56
der ORF braucht Zeiler nicht

denn der ORF ist ein Spiegelbild Österreichs - provinziell und mittelmäßig. Zeiler im ORF wäre ungefähr so wie Merkel als Bürgermeisterin von Mistelbach.

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