Am Steuer mit Kopftuch und Courage

22. Februar 2012, 18:11
posten

Feride Saymaz: "Nicht schreien, Mensch sein", habe sie gesagt, als sie wegen ihrer Aussprache angeschrien wurde - Sie ist das zweiten Mal die Taxilenkerin des Jahres

Als Feride Saymaz zur Taxilenkerprüfung antreten will, rät die Fahrschule, die sie dazu anmelden soll, der kopftuchtragende Frau davon ab. Viele studierte Inländer würden durch die schwierige Prüfung rasseln, es sei schade um das Geld, lautet die Begründung.

Nach drei Tagen des Insistierens registriert man Saymaz dann doch für das Examen. Inzwischen chauffiert sie seit 20 Jahren Menschen durch Wien. Diese Woche wurde die etwa 60 Jahre alte Frau, die ihr genaues Alter nicht in der Zeitung lesen will, vom Taxiunternehmen 40100 bereits zum zweiten Mal zur besten und fleißigsten Lenkerin gewählt, da sie vergangenen Dezember die meisten Fahrten absolviert hat.

Feride Saymaz wächst in ihrer Geburtsstadt Kastamonu im Norden der Türkei auf. Zehn Jahre lebt sie in Istanbul, bis sie 1971 mit ihrem Mann nach Wien geht, wo in einer Liesinger Kartonagefabrik Arbeiter gesucht werden. Ihr Mann und sie fangen dort an, nach wenigen Jahren wird Feride Saymaz schwanger, bringt kurz hintereinander zwei Töchter zur Welt.

Sechs Jahre später steigt sie als Hausbesorgerin und als Hilfskraft in einem Architektenbüro wieder ins Berufsleben ein. Sie erledigt Kopierarbeiten, Postgänge, "einfach alles".

Parallel zu den zwei Jobs beginnt Saymaz mit dem Taxifahren, seit 1998 sitzt sie "nur" mehr hinterm Steuer. Eine Lieblingsfahrtstrecke hat sie nicht: "Hauptsache ich bin in Bewegung." Einzig, wann sie den Arbeitstag beginnt, ist ihr wichtig: "Wenn ich zeitig in der Früh anfange, habe ich mehr Glück und bin zufriedener." In der Männerdomäne hat sie schon einige unangenehme Situationen erlebt. Einmal wurde sie von einem Fahrgast gewürgt. Als er, ohne zu zahlen, ausstieg, habe sie ihm aus dem Fenster nachgerufen: "Wenn du nicht zahlen willst, brauchst du mich nicht würgen." Mit einem berauschten Passagier, der ihr verdächtig vorgekommen sei, sei sie bei der Polizei stehen geblieben, habe ihn nach einem kurzen Gespräch mit den Beamten dann aber doch zum Fahrtziel gebracht. "Fühlen Sie sich jetzt sicherer?", habe der Mann sie gefragt. "Ja", habe sie gesagt und gelacht. Sie lache viel, erklärt sie. Hat sie keine Angst? "Nein, Gott bestimmt, was passiert", sagt Saymaz gelassen. Ruhig blieb sie auch, als eine Frau sie letzte Woche wegen der Aussprache eines Straßennamens angeschrien habe. "Nicht schreien, Mensch sein", habe sie gesagt, "Mensch ist Mensch." (Gudrun Springer, DER STANDARD, Printausgabe 23.2.2012)

Share if you care.