Die Schanze der Pandora

22. Februar 2012, 17:49
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Die Zeiten, in denen der Internationale Skiverband der Wei­tenjagd einen Riegel vorzuschieb­en gedachte, sind vorbei. In Viker­sund kann daher der erste Viertel­kilometerflug angestrebt werden

Vikersund/Wien - Die Büchse der Pandora wurde in den 1930er-Jahren schon geöffnet, als in Planica die erste Schanze gebaut wurde, die Flüge über 100 Meter zuließ. Seit dem 101-m-Satz von Josef Bradl am 15. März 1936 in Slowenien wird nach neuen Rekorden gegiert. Der internationale Skiverband (Fis) kann sich dem nicht verschließen, obwohl er die Bestweiten nicht offiziell als Rekorde führen will.

Geführt werden sie natürlich dennoch - die 154 Meter, die der Eisenerzer Reinhold Bachler am 12. März 1967 in Vikersund erreichte, die 203 Meter, die der Finne Toni Nieminen am 17. März 1997 in Planica flog, oder die 246,5 Meter, die der Norweger Johan Remen Evensen am 11. Februar des Vorjahres in Vikersund, im Auslauf der neuesten Flugschanze der Welt, stand. Ebenda, rund 100 Kilometer südlich von Oslo, hebt heute, Donnerstag (18, ORF 1) mit der Qualifikation die 22. Skiflug-WM an. Evensen ist nicht dabei. Der 26-Jährige hat seine Karriere am Montag aus gesundheitlichen Gründen beendet. Dass ihn der österreichische Trainer der Norweger, Alexander Stöckl, nicht für die WM nominiert hatte, spielte keine Rolle.

Dass Evensens Bestmarke am Wochenende überboten wird, gilt als wahrscheinlich. Schließlich wurde die erst im Vorjahr fertiggestellte Anlage extra dafür im Sommer nochmals adaptiert. Den mehr als zehn Millionen Euro teuren Bau des Rekordbakkens hatte erst eine Regeländerung der Fis möglich gemacht. Erst seit drei Jahren darf der maximale Höhenunterschied zwischen Schanzentisch und Auslauf 135 Meter statt bloß 130 Meter betragen.

Der Vikersundbakken protzt mit einer Hillsize von 225 Metern. Der kritische Punkt liegt bei 195 Metern, wobei bei flugtauglichen Wetterbedingungen diese Marke nur insofern kritisch sein dürfte, als sie wohl in der Qualifikation erreicht werden muss, damit man am Freitag und Samstag an den vier Durchgängen des Einzelbewerbes teilnehmen kann. Am Sonntag wird dann ein Mannschaftsbewerb aufgeführt.

Als Team könnte Österreich zum dritten Mal en suite Gold gewinnen. Allerdings wirkt das Quartett des ÖSV - Thomas Morgenstern, Martin Koch, Andreas Kofler und Gregor Schlierenzauer - nach den Niederlagen in Willingen (gegen Norwegen) und beim Fliegen in Oberstdorf (gegen Slowenien) nicht unantastbar. Im Einzel zählen Oberstdorf-Sieger Koch und auch Schlierenzauer zu den Mitfavoriten, obwohl sich der Weltmeister von 2008 und Primus der Szene (elf Siege bei 23 Versuchen) am vergangenen Wochenende mit Rang sieben im Einzel und einem veritablen Absturz im Mannschaftsbewerb selbst Rätsel aufgab. Dass ihm der neue Bakken in Vikersund liegt, bewies Schlierenzauer mit seinen beiden vor Evensen und dem Schweizer Simon Ammann gefeierten Weltcupsiegen im Vorjahr.

Titelverteidiger Ammann, der Norweger Anders Bardal und andere übliche Flugverdächtige wie der Tscheche Robert Kranjec oder der Japaner Daiki Ito komplettieren die Favoritenliste. Den Gedanken an die 250 Meter weisen sie alle von sich. "Ein Weltrekord muss passieren", sagt Österreichs Coach Alexander Pointner. (lü, DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2012)

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