Furioser Aufstieg eines stillen Herrn

Analyse22. Februar 2012, 17:07
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In Italien übernahm vor 100 Tagen der parteilose Wirtschaftsprofessor Mario Monti das Ruder von Silvio Berlusconi

Nein, wie ein Regierungschef wirkt Mario Monti nicht. Wären da nicht seine Leibwächter, würde man ihn eher für den Mann von nebenan halten. Dem Zug entsteigt er unauffällig mit Lodenmantel und Aktentasche, den gepanzerten Audi hat er rasch durch ein älteres Lancia-Modell ersetzt.

Dieser Mann schätzt Understatement. 100 Tage genügten seiner Regierung, um Italien die Gewissheit der Wende zu vermitteln, um Europas drittgrößte Volkswirtschaft aus den Niederungen von Bunga Bunga zu neuer internationaler Glaubwürdigkeit zu führen.Ein Markenzeichen des Ökonomen ist seine Unaufgeregtheit, nichts vermag den Premier aus seiner stoischen Ruhe zu bringen. Ungerührt spult er sein Reformprogramm herunter und stellt sogar Steuererleichterungen für die niedrigste Einkommensstufe in Aussicht: 20 statt 23 Prozent.

"Wer kommt 2013?"

Ob an der Wall Street, in der Londoner City oder an der Mailänder Börse: Mit Beharrlichkeit wirbt Monti um Vertrauen in die Wirtschaft. Höflich beantwortet er alle Fragen - bis auf eine. "Wer folgt 2013 auf Monti?", wollte ein prominenter Investor in New York wissen. Dann werde ein gewählter Politiker den Reformkurs fortsetzen, so der Premier.

Daran bestehen freilich berechtigte Zweifel. In Rom wächst die Gewissheit, dass auf Monti kein anderer folgen wird als Monti. Der Quereinsteiger hat die Parteien zum Schattendasein verdammt.

Während der Premier trotz Sparpakets und massiver Opfer 60 Prozent der Bevölkerung hinter sich weiß, sind die Parteien massiv bedroht: Ihnen vertrauen nur noch neun Prozent der Italiener. Ein Drittel will nicht mehr wählen, 40 Prozent können sich mit keiner Partei identifizieren. Und Silvio Berlusconis PDL sinkt auf die 20-Prozent-Marke, die Allianz mit der Lega ist zerbrochen. Berlusconi musste versprechen, für die Gemeinde- und Provinzwahlen im Mai nicht aufzutreten.

In vielen italienischen Regionen hofft man auf einen "Gauck-Effekt". Auch die Linke setzt Hoffnungen in "aufgeklärte Bürger": Michele Emiliano, linker Bürgermeister von Bari, schockierte seine Partei mit dem Vorschlag einer Bürgerliste, reichend von links bis zu Gianfranco Finis "Drittem Pol".

Wie auch immer die geplante Reform des Wahlrechts ausfällt, eines gilt als sicher: Keine Altpartei kann eine klare Mehrheit erringen. Was also liegt näher, als "Italiens Joachim Gauck" für eine weitere Amtszeit zu verpflichten?

Den Bankrott des herkömmlichen Parteiensystems machte am Mittwoch ein Zufall deutlich: Just als Berlusconi bei Monti weilte, um ihn seiner Unterstützung zu versichern, kündigten in Mailand die Richter für Samstag das Urteil im Korruptionsprozess Mills an. Der Cavaliere muss erstmals mit einer Verurteilung rechnen.

Von solchen Niederungen ist der seit 42 Jahren verheiratete Familienvater Monti weit entfernt: Ab sofort sind die Vermögensverhältnisse aller Regierungsmitglieder im Internet abrufbar. (DER STANDARD-Printausgabe, 23.02.2012)

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    Gleiche Szenerie, neuer Akteur: Nicht Silvio Berlusconi, sondern Mario Monti empfängt nun ausländische Gäste im Park der Villa Madama in Rom.

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