In Italien übernahm vor 100 Tagen der parteilose Wirtschaftsprofessor Mario Monti das Ruder von Silvio Berlusconi
Nein, wie ein Regierungschef wirkt Mario Monti nicht. Wären da nicht
seine Leibwächter, würde man ihn eher für den Mann von nebenan halten.
Dem Zug entsteigt er unauffällig mit Lodenmantel und Aktentasche, den
gepanzerten Audi hat er rasch durch ein älteres Lancia-Modell ersetzt.
Dieser Mann schätzt Understatement. 100 Tage genügten seiner Regierung,
um Italien die Gewissheit der Wende zu vermitteln, um Europas
drittgrößte Volkswirtschaft aus den Niederungen von Bunga Bunga zu neuer
internationaler Glaubwürdigkeit zu führen.Ein Markenzeichen des Ökonomen
ist seine Unaufgeregtheit, nichts vermag den Premier aus seiner
stoischen Ruhe zu bringen. Ungerührt spult er sein Reformprogramm
herunter und stellt sogar Steuererleichterungen für die niedrigste
Einkommensstufe in Aussicht: 20 statt 23 Prozent.
"Wer kommt 2013?"
Ob an der Wall Street, in der Londoner City oder an der Mailänder Börse:
Mit Beharrlichkeit wirbt Monti um Vertrauen in die Wirtschaft. Höflich
beantwortet er alle Fragen - bis auf eine. "Wer folgt 2013 auf Monti?",
wollte ein prominenter Investor in New York wissen. Dann werde ein
gewählter Politiker den Reformkurs fortsetzen, so der Premier.
Daran bestehen freilich berechtigte Zweifel. In Rom wächst die
Gewissheit, dass auf Monti kein anderer folgen wird als Monti. Der
Quereinsteiger hat die Parteien zum Schattendasein verdammt.
Während der Premier trotz Sparpakets und massiver Opfer 60 Prozent der
Bevölkerung hinter sich weiß, sind die Parteien massiv bedroht: Ihnen
vertrauen nur noch neun Prozent der Italiener. Ein Drittel will nicht
mehr wählen, 40 Prozent können sich mit keiner Partei identifizieren.
Und Silvio Berlusconis PDL sinkt auf die 20-Prozent-Marke, die Allianz
mit der Lega ist zerbrochen. Berlusconi musste versprechen, für die
Gemeinde- und Provinzwahlen im Mai nicht aufzutreten.
In vielen italienischen Regionen hofft man auf einen "Gauck-Effekt".
Auch die Linke setzt Hoffnungen in "aufgeklärte Bürger": Michele
Emiliano, linker Bürgermeister von Bari, schockierte seine Partei mit
dem Vorschlag einer Bürgerliste, reichend von links bis zu Gianfranco
Finis "Drittem Pol".
Wie auch immer die geplante Reform des Wahlrechts ausfällt, eines gilt
als sicher: Keine Altpartei kann eine klare Mehrheit erringen. Was also
liegt näher, als "Italiens Joachim Gauck" für eine weitere Amtszeit zu
verpflichten?
Den Bankrott des herkömmlichen Parteiensystems machte am Mittwoch ein
Zufall deutlich: Just als Berlusconi bei Monti weilte, um ihn seiner
Unterstützung zu versichern, kündigten in Mailand die Richter für
Samstag das Urteil im Korruptionsprozess Mills an. Der Cavaliere muss
erstmals mit einer Verurteilung rechnen.
Von solchen Niederungen ist der seit 42 Jahren verheiratete
Familienvater Monti weit entfernt: Ab sofort sind die
Vermögensverhältnisse aller Regierungsmitglieder im Internet abrufbar. (DER STANDARD-Printausgabe, 23.02.2012)