Chinesische Medizin

23. Februar 2012, 09:00
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Chinesische Medizin wird weit und breit gelobt und als Alternative zur westlichen Medizin gepriesen - Doch auch Allheilmittel haben ihre Tücken

Seit meiner Ankunft wurde ich schon von mehreren Freunden gefragt, ob ich denn nicht endlich einmal chinesische Medizin ausprobiert habe. Hatte ich bis vor kurzem noch nicht, und immer wieder erntete ich beinahe enttäuschte Reaktionen. "Nicht dass ich dir wünsche, krank zu sein, aber das ist doch sicher mal interessant ..." Ich musste hoch und heilig versprechen, dass ich, falls ich doch einmal krank werde, keinen westlichen Arzt aufsuchen würde.

Nun, irgendwann erfüllen sich alle Wünsche und jeder Körper macht einmal schlapp, wenn man konstant starker Luft- und Wasserverschmutzung, mit Schad- und Giftstoffen versetzten Lebensmitteln, allgegenwärtigem Zigarettenrauch etc. ausgesetzt ist. Und gerade bei chronischen Erkrankungen soll man es ja erst einmal mit alternativen Methoden versuchen. Ich ließ mich also von einer chinesischen Freundin zum TCM-(Traditionelle Chinesische Medizin-)Krankenhaus ihres Vertrauens begleiten.

Alles in einem Spital

In China gibt es generell wenige individuell praktizierende Ärzte mit Lizenz. Die meisten Ärzte arbeiten in Krankenhäusern, und die meisten Chinesen gehen dorthin, um ganz grundlegende Untersuchungen durchführen zu lassen, und nicht nur um schwerwiegende Probleme zu behandeln. Das ist nicht unpraktisch, denn in einem Krankenhaus sind etliche Mediziner versammelt, die alle Fachbereiche abdecken, so dass man nicht von einer Praxis zur anderen geschickt wird. Die Krankenhäuser teilen sich generell in westliche und chinesische Medizin auf; TCM beinhaltet unterschiedliche heilende Präparate sowie Massagen, Akkupunktur, Schröpfen und viele weitere Techniken.

Wie beim Wahrsager

Das TCM-Spital meiner Wahl hatte einen holzgeschnitzten riesengroßen chinesischen Eingang mit viel Rot und Gold (die Farben des Glücks respektive des Reichtums). Die Atmosphäre am Eingang flößt Hochachtung ein. Am Empfang wird man gefragt, worum es geht - für diesen verwaltungstechnischen Aufwand von fünf Sekunden werden zehn Yuan verbucht. Dann wird man zu einem Arzt geschickt. Meiner war nicht gerade der Jüngste - doch "Je älter der Arzt, desto besser!", versichert mir meine Freundin. Der Arzt schaut kaum hoch, als ich in die verglaste Untersuchungs-Kammer eintrete. Er fragt nach dem Problem, begutachtet eine Viertelsekunde lang die betreffende Stelle, beschäftigt sich viel länger mit meinem Puls und dem Zustand meiner Zunge. "Sie hat zu viel Wärme im Körper", ist seine kryptische Diagnose, die er meiner Freundin verkündet, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

Dann stellt er das Rezept aus: ein Tee aus etwa 30 verschiedenen Zutaten, von denen er keine einzige erläutert. Generell erklärt er überhaupt wenig; auch auf mein Nachfragen hin blickt er kaum auf und nuschelt nur vor sich hin. Nicht einmal meine chinesische Freundin, die schon jahrelang Erfahrung mit TCM hat, versteht irgendwas. Ich fühle mich wie beim Wahrsager. Irgendwann beginnt sie zu raten: "Du solltest nichts Kaltes trinken, nichts Scharfes, nicht rauchen ..." Doch das ist der generelle Katalog der zehn Gesundheitsgebote, nichts, was mein Problem betrifft. Innerhalb weniger Minuten stehen wir vor der hauseigenen Apotheke, zahlen gesalzene 400 Yuan und verlassen das Haus verwirrter als zuvor. Am Abend verrät mir ein anderer Freund ein weiteres Sprichwort: "Je älter der Arzt, desto teurer."

Westliche Medizin gegen chinesischen Tee

Die Schwierigkeiten beginnen damit aber erst, denn das Granulat, das ich dreimal am Tag trinken soll, ist so bitter, dass ich mich ernsthaft anstrengen muss, mich nicht zu übergeben. Folgerichtig vernichtet es meinen Magen und ich liege - ziemlich sicher gerade wegen der eingenommen Medizin -zunächst einmal krank im Bett. Um überhaupt aufstehen zu können, muss ich westliche Medizin schlucken. Ich bin ziemlich ernüchtert und wenig motiviert, den Arzt um Rat zu bitten und nachzufragen, was falsch gelaufen sein könnte. Ich habe die Befürchtung, dass er wieder nur genauso herumnuscheln wird und ich wieder hunderte Yuan für die Konsultation und weitere grauenhafte Elixiere hinblättern darf.

Ich glaube, dass TCM durchaus Vorteile hat. Millionen Chinesen und Westler schwören darauf. Doch die Rate der Fehlschläge ist unbekannt, und bei manchen Inhaltsangaben dreht sich einem nicht nur der Magen um, sondern der gesunde Menschenverstand schaltet sich ein. Egal, wie sehr man TCM lobt: Wenn auf Märkten sämtliche Körperteile von geschützten Tieren und exotische Ingredienzien verkauft werden, sollte man vorsichtig sein. Generell macht TCM nur Sinn, wenn man sich mit einem vertrauenswürdigen Arzt bespricht. Do-it-yourself-TCM ist selten erfolgreich und oft sogar gefährlich; auch nicht jede "Chinesische Massage" tut dem Körper gut. Jeder kennt Geschichten, wo man gerade nach einer verpfuschten Therapie zum (westlichen) Arzt musste, um sich wieder gesundpflegen zu lassen. Ich verzichte dieses Mal - und lasse mir bei Gelegenheit Medizin aus der Heimat bringen. (An Yan, daStandard.at, 23.2.2012)

  • In Alkohol eingelegte exotische Tiere sind der Hit bei der Do-it-yourself-TCM. Hier kann man "Schlangenelixier" kaufen.
    foto: an yan

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  • Plakate mit großflächigen Aufnahmen von abstoßenden Krankheitssymptomen wirken wahre Wunder - auf die Einnahmen des Verkäufers.
    foto: an yan

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