Achim Benning

"Meine Burgtheater-Arbeit wird totgeschwiegen"

Interview | 22. Februar 2012, 17:22
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    Beförderte mit zahlreichen Uraufführungen die Karriere Václav Havels: Achim Benning.

In einem Band mit aufschlussreichen Essays und Schriften rekapituliert Theatermann Achim Benning die Tumulte während seiner Burgtheater-Ära

Wien - Die soeben erschienene Textkompilation "In den Spiegel greifen" (Edition Steinbauer), eine Sammlung geschliffener Reden und Essays, ermöglicht Einblicke in eine merkwürdig verblasste Ära des Wiener Burgtheaters: Von 1976 bis 1986 versuchte sich Direktor Achim Benning als behutsamer Modernisierer, der rasch ins Fadenkreuz selbsternannter Traditionsbewahrer geriet. Ein Gespräch über die Erinnerungskultur mit Ronald Pohl.

Standard: In Ihren Schriften obwaltet ein grüblerischer Ton: Sie bekennen sich darin zur Skepsis. Haben Sie sich mit den zahlreichen Ungerechtigkeiten, die die Beurteilung Ihrer Burgtheater-Direktion betreffen, abgefunden?

Benning: Da würde ich einen der wenigen von mir geschätzten Politiker zitieren: Fred Sinowatz mit dem Satz, dass alles sehr kompliziert ist. Und das Komplizierte muss man historisch relativiert verstehen. Unsere Skepsis galt dem Hosianna-Optimismus, dass man mit dem Theater die Welt verändern könne. Meine Betonung der Skepsis entspringt dieser Oppositionshaltung. Der Zweifel ist der Ausdruck des jeweiligen Textes, der zeitgebunden entstand.

Standard: Aber Sie bekennen sich zum Motiv?

Benning: Es ist kein Ausdruck der Verbitterung, ich bin mit meiner Berufszeit sehr im Reinen, obwohl das wieder zu geschwollen klingt. Ein Wort wie "verkannt" wäre mir ein zu barocker, zu üppiger Begriff. Dass man sich mit unserer Arbeit nicht auseinandergesetzt hat, bleibt ein Faktum bis heute. Wenn man dagegen gewesen wäre, auch ideologisch-theoretisch - das wäre ja etwas gewesen. Man hat sie bloß ignoriert.

Standard: Ihre Theaterarbeit an der Burg wurde unterlaufen?

Benning: Als ich 1980 in einer Kainz-Medaillen-Rede gegen gewisse Teile des Wiener Journalismus unmissverständlich Stellung bezog, gab es keine Reaktion. Keiner schrieb: Was fällt diesem Schnösel ein? Nichts, null. Nun war in einer Zeitung, wie damals üblich, der Abdruck der Rede vorgesehen. Die wurde gesperrt und kam nie. Alles ging in Watte unter. Auseinandersetzung, Widerspruch hätten ja eine gewisse Befriedigung erzeugt. Aber dieses "Wegsumpern" war seltsam. Die Reaktion kam einigermaßen verspätet. Dieselben, die uns vorher wie linke Lümmel behandelt hatten, bezeichneten uns nun als Reaktionäre, und das völlig unreflektiert. Gewissen Leuten wäre das heute, im Nachhinein, peinlich. Daher wird unsere Arbeit an der Burg weiterhin totgeschwiegen.

Standard: Sie meinen die Arbeitsbiografien einzelner Kulturjournalisten, die fröhlich in die Ära Peymann hinüberglitten?

Benning: Und auch die vielen posthumen Václav-Havel-Freunde. Wir haben uns um Havel noch und noch gekümmert an der Burg, und keiner seiner heutigen dicken Freunde ist uns damals irgendwie näher aufgefallen. Wir wurden als "Linksfaschisten" von denjenigen Leuten bezeichnet, die heute sagen: mein Freund Václav!

Standard: Ihre Direktionsarbeit wurde nicht nur vom damaligen FPÖ-Chef Peter, sondern interessanterweise auch von Erhard Busek wüst geschmäht. Wie erklären Sie sich das im Nachhinein? Busek war es, der das Wort "Faschismus" gegen Sie im Mund führte ...

Benning: Das ist dokumentiert. Busek war als Oppositionspolitiker dazu angehalten, Opposition zu betreiben, und nicht zur Gänze hinter Friedrich Peter zu verschwinden. Ich sehe das aus der Logik der damaligen Konstellation heraus. Als ich Václav Havel später einmal fragte, was denn der unangenehme Teil seiner Präsidentschaft sei, sagte er: Das Schlimmste sind die neuen Freunde! Die seien ganz schwer zu schaffen.

Für uns hielt damals Fred Sinowatz als Unterrichtsminister den Kopf hin. Ein bemerkenswerter, modern denkender Mann. Nur in der Würdigung der Ära Kreisky kam er so gut wie nie vor. Man musste ja den Eindruck gewinnen, die Kulturpolitik wäre allein von Kreisky zusammen mit André Heller und Peter Turrini gemacht worden. Das Ganze war ein merkwürdiger Vorgang. Personen wandelten sich derart, dass man sie mit dem, was sie zehn, 20 Jahre vorher vertreten hatten, gar nicht mehr in Zusammenhang bringen konnte. Es ist umso merkwürdiger, wenn dieses Phänomen Personen betrifft, die auf ein gewisses intellektuelles Niveau Wert legen. Österreich stand damals auch unter der Wirkung von Ereignissen wie dem Ungarn-Aufstand. Umfragen belegten, dass die Österreicher den Umgang mit Dissidenten gar nicht gut hießen. Die Menschen befürchteten wohl, die Ostblockstaaten könnten schlechte Laune bekommen.

Standard: Fiel die Beurteilung Ihrer Arbeit der österreichischen Innenpolitik zum Opfer?

Benning: Diese merkwürdige Verschiebung ist nur zeitgebunden zu verstehen. Es ist, wenn Sie auf mein Buch schauen, darin auch keine Rezeptur für heutiges Theatermachen enthalten. Als 1978, 1979 die Kampagne der "Kronen Zeitung" gegen uns ihren Höhepunkt erreichte, wurden die Kinder in den Schulen damit belastet. Die Burg werde linksideologisch unterwandert, weil wir Elias Canettis "Komödie der Eitelkeit" spielten. In Rezensionen stand sinngemäß: Warum kritisiert dieser bulgarische Autor Verhältnisse in Österreich, die er nicht kennt?

Standard: Und als er dann 1981 den Nobelpreis bekam?

Benning: Wurde er unser Canetti, der große österreichische Autor. Ich könnte niemals so viel essen, wie ich damals kotzen wollte. (Ronald Pohl, DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2012)

Achim Benning (77), gebürtiger Magdeburger, leitete als inszenierender Direktor nicht nur zehn Jahre das Burgtheater, sondern von 1989 bis 1992 auch das Zürcher Schauspielhaus.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 52
1 2
Pyg Malia
10
25.2.2012, 13:59
Manche Herrren

scheinen hier alterssentimentale Erinnerungen an ihre Jugend mit der Theatergeschichte zu vermengen. Klingenberg brachte die Burg zurück auf die europäische Bühne, er holte z. B. Strehler, ließ Bernhards "Jagdgesellschaft" uraufführen. Benning hat den Klingenbergschen Bestand jahrelang verwaltet, selbst jedoch künstlerisch nichts Besonderes entwickelt oder initiiert (vom erweiterten Blick auf Osteuropa abgesehen). Das - und keine politischen oder medialen Kampagnen - ist der Grund, warum seine Intendanz heute so gut wie vergessen ist.

mollwitz
01
23.2.2012, 15:54

und was sagt unser anti-bernhard dani kehlmann dazu?

johann potakowskyj1
 
40
23.2.2012, 15:35
Er war der erste "Linke"

Er fühlt sich unterschätzt?
Und er würde niemals auf die Idee kommen, dass er sich überschätzt?
Klaus Peimann, bei dem hatte das wenigstens Sinn gemacht. Da gab es aufregende Kultur und ergreifende Inszenierungen.
Benning war der erste, der zwischen linken Kulturschaffenden und Künstlern einen tiefen Graben grub.
Die Konflikte konzentrierten sich auf auf personelle Streitereien mit einem Ensemble, dass sich dagegen noch zu wehren versuchte und intern von Christenverfolgung sprach.
Ansonst ... künstlerisch leider sehr uninteressant. Er sollte sich dafür genieren.

cipf
 
60
23.2.2012, 15:28

[...] Fred Sinowatz als Unterrichtsminister den Kopf hin. Ein bemerkenswerter, modern denkender Mann [...]

Jössas. Der Altersbl*dsinn umschwebt bereits den Herrn Benning.

lamby69
 
01
23.2.2012, 14:25
bennings mailadresse ????

wäre interessant, die mail (oder andere post-)adresse von a. benning zu erfahren. ich würde ihm gern persönlich mitteilen, wie SEHR ich ihn schätze und wie SEHR ich z. b. herrn busek verachte...!
eben jeden so, wie er es verdient.

Pyg Malia
22
23.2.2012, 12:37
Dass Benning damals

als "subversiv" oder gar "links" stigmatisiert werden konnte, sagt wenig über ihn, umso mehr über die damalige, wesentlich von der "Kronen Zeitung" betriebene Stimmungsmache aus (genauso, wie es dann eine explizite Stimmungsmache in der Ära Peymann gab).
Videos von Aufführungen aus jener Zeit zeigen sorgfältige, aber nicht besonders aufregende oder gar innovative Inszenierungen.
Außerdem: Alle, die hier jammern, sollten längst an der Josefstadt oder im Theater an der Wien glücklich geworden sein.

Ein österreichischer Europäer
02
23.2.2012, 13:53
"Videos" der damaligen Zeit aus heutiger Perspektive zu betrachten

und dann beurteilen zu wollen, ob das Gezeigte "aufregend" oder "innovativ" sei, ist absurd. Theater wird für die jeweilige Zeit gemacht, nur aus der jeweiligen Zeit heraus ist es zu sehen, nicht ex post.
Und welche "Videos" sollen das sein? Wo sind die?
Ich kenne jedenfalls kein Video von Horst Zankls erregender Deutung von Raimunds "Das Mädchen aus der Feenwelt" - das war der Beginn der szenischen Neubetrachtung Raimunds. Ebenso keine Videos gibt es von Johannes Schaafs Schnitzler "Der einsame Weg", von Hans Neuenfels' "Victor oder Die Kinder an der Macht" und "Franziska", von Jonathan Millers "Sommernachtstraum", von Noeltes "Tartuffe", von Axers "Die Schwärmer". Dressen inszenierte "Clavigo", Langhoff "Der Pflug und die Sterne", ...

krikri
01
23.2.2012, 16:13

von axers grandiosen schwärmern gibts eine videoaufzeichnung

Ein österreichischer Europäer
05
23.2.2012, 14:10
Weitere wesentliche oder kontroversiell aufgenommene Aufführungen:

Schnitzlers "Komödie der Verführung" inszeniert von Zankl, ausgestattet von Hans Hollein und Karl Lagerfeld (!), Canettis "Komödie der Eitelkeit" durch Hans Hollmann und mit dem uralten Paul Hörbiger, Dresens "Ein Puppenheim" und "Maß für Maß", Terry Hands' "Troilus und Cressida" und "Wie es euch gefällt", Hans Lietzaus "Othello", Peter Palitzsch' "Hedda Gabler" und "Egmont", Manfred Wekwerths "Wallenstein", Benno Bessons "Der neue Menoza", Angelika Hurwicz' "Professor Bernhardi", Dieter Giesings "Frühlings Erwachen" und "Musik", Jurij Ljubimovs "Verbrechen und Strafe". Außerdem Arbeiten von Lindtberg, Savary, Jürgen Bosse, Kehlmann. Und viel Bemerkenswertes von Benning.
Das war europäische Spitzenklasse, nicht deutsche Regionalliga...

mirko burijan.
01
24.2.2012, 23:59
... und nicht zu vergessen: benning hat aufträge an ö zeitgenoss/inn/en, zenker, jelinek, vergeben, auch jandl und mayröcker aufgeführt.

@havel: das burgtheater hat zur unterstützung der dissidenten literatur in der damaligen CSSR ein gastspiel in prag gemacht und überhaupt die verbindungen zum kreis um havel gehalten.

benning hat einen intellektuellen, analytischen zugang zu den dingen auch des theaters, im gegensatz zu den marktschreiern pasterk, peymann und thomas bernhard, der knapp nicht burgtheaterdirektor wurde und das ö ressentimentgehabe bestens bedient hat.

die stimme des intellekts ist bekanntlich leise und verschafft sich auch in diesem fall hoffentlich irgendwann gehör. man braucht in ö oft nichts als ernsthaftigkeit und eine haltung, die sich bestimmten anbiederungen verweigert, um sich tief verhasst zu machen.

krikri
00
23.2.2012, 16:15

dresens barbaren von gorki nicht zu vergessen

Pyg Malia
00
23.2.2012, 14:34
Es gibt

sehr viele unbekannte Film- und Videoaufnahmen von Theateraufführungen aus den 70er und 80er Jahren, die in Archiven vor sich hin dümpeln. Es gibt aber auch Dramaturgen und Regisseure, die sich einen privaten Abzug gesichert haben und einem manchmal Einblick gewähren. Langsam, sehr langsam werden diese Bestände gesichtet und in höchst überschaubaren Mengen auf DVD herausgebracht.
Was Sie über die Diskrepanz von Video- und Bühnenerlebnis schreiben, stimmt natürlich. Dennoch bleibe ich - etwa angesichts zeitgleicher Aufführungpraxen in Bochum oder Berlin - bei meiner Einschätzung der Ära Benning.

Ein österreichischer Europäer
00
23.2.2012, 17:14
Da muss man hoffen, dass die Trägermedien

gut aufbewahrt wurden. Sonst sieht man dichtes Schneetreiben.

nebenerwerbsposter
43
23.2.2012, 09:40
das burgtheater gibt's noch?

wär mir gar nicht aufgefallen, und noch weniger abgegangen...

Josef Speckbacher
24
23.2.2012, 08:16
Benning war der letzte grosse Burgtheater Intendant

...danach kamen Kaisers neue Kleider mit nur ganz wenigen Sternschnuppen! Unterliegt leider auch der Politik diesen Posten zu besetzen. Vielleicht sollte man doch das Publikum seine Intendanten aussuchen lassen! Dann wären auch die Auslastungszahlen höher und der Kulturauftrag besser erfüllt!

nebenerwerbsposter
21
23.2.2012, 12:05

wenn sie das publikum befragen, würde die hütte wahrscheinlich noch immer am michaelerplatz stehen und schlecht riechen...

Werner Gruber
141
23.2.2012, 07:55
Ach gottchen ...

... das Burgtheater haben sie ruiniert. Auch gut. Nachdem bürgerliche Menschen des Lesens fähig sind, ist das Theater nicht so wichtig.
Inzwischen füllt mans halt mit Schülervorstellungen oder lässt die Produktionen wie im Volkstheater unter Ausschluss der Öffentlichkeit vonstatten gehen.
Natürlich hat Benning das eingeleitet. Zu Recht ist er heute vergessen. Wie Peymann, wie Schlingensief, wie Fassbinder.
"Der deutsche Film ist tot"? Fassbinder ist tot und der deutsche Film feiert im Fernsehen fröhliche Urständ.
Diese "Erneuerer" merken jetzt, dass die Gesellschaft gerne vergessen möchte und rudern jetzt verzweifelt herum.
Wie halt auch der Herr Benning ...

Thun23
 
05
23.2.2012, 15:07
Mein lieber Schwan, soviel Ignoranz und

Dummheit musz doch irgendwie schmerzen. Alles andere waere ungerecht.

byron sully
05
23.2.2012, 15:06

bin zwar zu jung, um die ära benning mitbekommen zu haben, aber in summe liest sich ihr posting wie ein dümmliches rechtskonservatives pamphlet.

Werner Gruber
61
23.2.2012, 15:09
Rechtskonservativ ...

... ist das Bleibende. Das Beständige.
Linkskonservativ ist das immer wiederkehrend Scheiternde (es gab genug empirische Versuche, sozialistische Gesellschaften zu errichten, die ohne Ausnahme in Massenelend endeten).
Rechtskonservativ ist daher der falsche Begriff um ihn mit dem Wort "dümmlich" zu verbinden.
Ja, rechtskonservativ stimmt.

Cooper the Bloom1
 
04
24.2.2012, 00:53
Sowohl der Nationalsozialismus wie auch der

Ständestaat vom Herrn Dollfuß, der ja von den Rechtskonservativen ganz offen, im Gegensatz zu Herrn Hiltler, der ja versteckt verehrt wird, waren ja empirische Versuche, die glücklicherweise gescheitert sind - aber leider erst, nachdem sie im Massenelend geendet sind.

Werner Gruber
00
24.2.2012, 06:01
Der Nationalsozialismus. ..

... war eine Proletenideologie. Deswegen hieß er auch. ..sozialismus.

Isogseich Eini
00
25.2.2012, 22:10
Der Nationalsozialismus eine "Proletenideologie"?

Die Machtergreifung durch die Nazis wurde durch Industrielle, Generäle und Bankiers erst ermöglicht. Alles keine Proletarier ...

20111
01
23.2.2012, 20:12
Alter Fisch stinkt

ohne linkskonservtiv zu sein, das Rechtskonservative, das Beständige hat es noch nie zu etwas gebracht, sonst wär es ja beständig.

byron sully
02
23.2.2012, 15:19

das beständige und bleibende in kombination mit ideologischen scheuklappen und mangel an aufgeschlossenheit und toleranz.

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