"Das Schlimmste an Ammoniak ist der Geruch"

Interview22. Februar 2012, 14:40
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Chemiker Peter Lieberzeit über den Einsatz von Ammoniak, ob es gefährlich ist und wie es in der Natur abgebaut wird

"Die Wiener Feuerwehr evakuiert nicht zum Spaß ein Hotel", sagt der Chemiker Peter Lieberzeit zu derStandard.at über den Ammoniakunfall Dienstagabend in Wien. Trotzdem ist Ammoniak in kleinen Mengen "relativ harmlos". Warum es dennoch ein gutes Kühlmittel ist und weshalb es keine Gefahr für die Umwelt darstellt, erklärte er Marie-Theres Egyed.

derStandard.at: Können Sie erklären, was genau passiert ist?

Lieberzeit: Ich vermute, dass in der Großkühlanlage ein Leck in einer der Kühlschlangen aufgetreten ist. Alle Kühlsysteme beinhalten ein Kältemittel, das unter höherem Druck steht. In diesem Fall ist das Ammoniak, und der ist ausgetreten.

In einem Kühlsystem wird das normalerweise flüssige Kältemittel expandiert, verdampft und dann wieder komprimiert. Wenn sich ein Gas ausdehnt bzw. beim Verdampfen kühlt es sich ab. Ammoniak liegt hier sowohl gasförmig als auch flüssig vor, aber es tritt nur als Gas aus, da es bei Raumdruck bereits bei minus 33 Grad Celsius verdampft.

derStandard.at: Wie wird Ammoniak verwendet?

Lieberzeit: Ammoniak ist ein sehr gutes Kühlmittel, das in den 1950er und auch in den 1960er Jahren bei Hauskühlschränken eingesetzt wurde. Es wurde wegen des strengen Geruchs und der Giftigkeit bei einem Gebrechen ersetzt, bei Haushaltskühlschränken wurde es durch FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) als Kühlmittel abgelöst. FCKW werden aber vor allem aus Kostengründen nicht bei Großkühlanlagen eingesetzt: Diese können besser kontinuierlich überwacht werden, damit kann Ammoniak eingesetzt werden. Auch Umweltgründe spielen eine Rolle. FCKW haben den Vorteil, dass sie geruchslos und für den Menschen ungiftig sind, aber wie wir inzwischen wissen, ruinieren sie die Ozonschicht. Daher werden sie seit Mitte der 90er Jahre durch Kohlenwasserstoffe oder perfluorierte Verbindungen ersetzt.

derStandard.at: Welche Gefahr birgt Ammoniak für Menschen?

Lieberzeit: Er ist ätzend und er ist alkalisch, also basisch. In kleinen Mengen ist Ammoniak relativ harmlos. Man kann aber Schleimhautverätzungen bekommen, wenn man mehr davon einatmet. Weil Ammoniak gut wasserlöslich ist, löst es sich in der feuchten Oberfläche der Schleimhäute im oberen Atemtrakt und kann dort zu Schädigungen führen. Nur bei größeren Mengen kann es in die Lunge kommen und dort Verätzungen oder auch ein Lungenödem auslösen. Der "Vorteil" ist, dass es in sehr geringen Mengen schon sehr unangenehm riecht.

derStandard.at: Wie gefährlich war der Unfall?

Lieberzeit: Es ist schwierig zu beurteilen, ich will keine Ferndiagnose stellen. Dazu bräuchte ich Daten, wie viel genau ausgetreten ist. Aber die Wiener Feuerwehr evakuiert nicht zum Spaß ein Hotel.

derStandard.at: Was passiert mit dem ausgetretenen Ammoniak?

Lieberzeit: Das wird weggewaschen. Im Handel ist Ammoniak eine wässrige Lösung, in den Kühlsystemen wird aber die Reinsubstanz eingesetzt. Es steigt zuerst in die Atmosphäre, löst sich in kondensierten Feuchtigkeitstropfen und wird dann beim nächsten Regen stark verdünnt ausgewaschen. So kommt es ins Kanalsystem oder in den Boden, das spielt dann keine Rolle mehr. Die Natur verträgt diesbezüglich sehr viel.

derStandard.at: Ist das ausgetretene Ammoniak umweltschädlich?

Lieberzeit: Nein, das Ammoniak-Gas ist sehr gut wasserlöslich und landet irgendwann in der Kläranlage. Unsere Abwässer sind durch die Mengen an Waschmittel sowieso alkalisch (basisch). Wenn es neutralisiert ist, bildet es Ammoniumsalze, die in der Natur ja auch weit verbreitet sind und auch als Dünger eingesetzt werden. Solange es nicht im Boden das Säure-Basen-Verhältnis durcheinanderbringt, passiert mit Ammoniak sehr wenig. Für die Umwelt ist es daher in kleineren Mengen unkritisch und aus der Atmosphäre wird es schnell ausgewaschen. Das Schlimmste an Ammoniak ist der Geruch, das riecht man schon in geringsten Konzentrationen.

derStandard.at: In welchen anderen Bereichen wird Ammoniak verwendet?

Lieberzeit: Als Ausgangsmaterial für Kunstdünger oder bei Streusalz, auch in Haarfärbemitteln ist Ammoniak enthalten. Den stechenden Geruch kennt man aber auch von Salmiakgeist oder von Viehställen. In modernen Putzmitteln ist es kaum mehr vorhanden, das hängt wahrscheinlich auch mit dem Geruch zusammen. Ammoniak ist eine der großen massenproduzierten Grundchemikalien. In der Kunstdüngerproduktion werden große Mengen von Ammoniak gebraucht, es ist auch eine wichtige technologische Chemikalie. Es ist eine der Grundlagen der chemischen Industrie und des modernen industrialisierten Lebens. Es ist eher ein Massenprodukt als eine Haushaltschemikalie. (derStandard.at, 22.2.2012)

Peter Lieberzeit, aufgewachsen in Vorarlberg, ist Professor für Analytische Chemie an der Universität Wien und derzeit Vorstand des Instituts für Analytische Chemie. Er beschäftigt sich in erster Linie mit der Entwicklung chemischer Sensoren für die Anwendung in Umwelt-, Prozess- und Bioanalytik.

Nachlese: Nach Ammoniakunfall zehn Arbeiter aus Firma im Spital

  • "Ammoniak ist eine der großen massenproduzierten Grundchemikalien", sagt Peter Lieberzeit, es sei eher ein "Massenprodukt als eine Haushaltchemikalie".
    foto: privat

    "Ammoniak ist eine der großen massenproduzierten Grundchemikalien", sagt Peter Lieberzeit, es sei eher ein "Massenprodukt als eine Haushaltchemikalie".

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