Depression hat Griechenland fest im Griff

22. Februar 2012, 14:07
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Trotz größten Staatsschuldenschnitts der Geschichte ist Griechenland noch nicht über den Berg, Fitch stuft von CCC auf C herab

Brüssel - Griechenland ist trotz des größten Staatsschuldenschnitts aller Zeiten aus Sicht seiner Geldgeber noch lange nicht über den Berg. In einer vertraulichen Analyse warnten der Internationale Währungsfonds (IWF), die Europäische Zentralbank (EZB) und die EU-Kommission, die Schulden könnten leicht wieder aus dem Ruder geraten, und die wirtschaftliche Erholung werde Jahre dauern.

Tatsächlich rechnet Griechenland für dieses Jahr mit einem höheren Budgetdefizit. Die Lücke werde wohl 6,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukt betragen, hieß es auf der Webseite des griechischen Parlaments am Dienstag. Ursprünglich hatte Athen für 2012 nur 5,4 Prozent angepeilt. Das Ziel wurde aufgrund der Verschärfung der Rezession korrigiert. Die griechische Regierung geht zurzeit davon aus, dass die Wirtschaft 2011 um 6,9 Prozent geschrumpft ist. Für das laufende Jahr wird mit einem weiteren Minus zwischen vier und fünf Prozent gerechnet. Damit wird 2012 zum fünften Rezessionsjahr in Folge.

Die Euro-Finanzminister hatten in der Nacht auf Dienstag das neue Milliarden-Hilfspaket auf den Weg gebracht. Es sieht bis 2014 Kredite und andere Hilfen im Umfang von 130 Milliarden Euro vor. Ziel ist es, den Schuldenberg des Landes von derzeit mehr als 160 Prozent des BIP bis 2020 auf 120,5 Prozent zu verkleinern.

Vor Einladung an die Banken

In Athen wird indes unter Hochdruck ein Spargesetz nach dem anderen verabschiedet. Die offizielle Einladung an die Banken zum Schuldenschnitt steht kurz bevor. Die griechische Regierung hat das Gesetz für einen möglichen Zwangs-Schuldenschnitt auf den Weg gebracht. Es sieht vor, dass die privaten Gläubiger zum Forderungsverzicht gezwungen werden könnten, falls die Beteiligung am freiwilligen Schuldenschnitt zu niedrig ausfällt. Mit der Mehrheit von 199 der 300 Abgeordneten will die Regierung von Ministerpräsident Lucas Papademos das Gesetz am Donnerstag verabschieden.

Erleichterung aber kein Jubel

Im Land selbst wurde die Einigung der Euro-Finanzminister auf das neue Hilfspaket mit Erleichterung, aber ohne Jubel aufgenommen. "Das Übereinkommen von Brüssel bedeutet für die Griechen in der Schuldenkrise die einstweilige Rettung, aber sie gibt keinen Anlass zum Feiern", schrieb die angesehene Online-Zeitung tovima.gr. Mehrere große Zeitungen in Athen hatten ihren Redaktionsschluss verschoben, um die Entscheidung der Euro-Finanzminister noch in die Blätter aufnehmen zu können.

"Es geschieht nicht alle Tage, dass einem Land 100 Milliarden Euro Schulden erlassen und Kredite von 130 Milliarden Euro gewährt werden", schrieb die linksliberale Zeitung "Ta Nea". Das Übereinkommen markiere für Griechenland den Beginn einer neuen Ära: "Auf das Land kommen neue Opfer und neue Schwierigkeiten zu, aber es hat eine neue Perspektive und eine neue Chance erhalten, die es zu nutzen gilt."

Harsche Zeiten

Ein bisschen Hoffnung also trotz der zunehmenden Probleme im Alltag - mit einer steigenden Zahl an Obdachlosen etwa. Die Finanz- und Schuldenkrise sorgt dafür, dass die Armut in Griechenland langsam, aber sicher außer Kontrolle gerät. 20 Prozent mehr Obdachlose haben die Behörden im Jahr 2011 gezählt, je nach Jahreszeit macht das bis zu 25.000, die ohne Unterkunft sind.

Die Suppenküchen Athens beklagen Rekordzuläufe, 15 Prozent mehr Bürger sind auf kostenlose Mahlzeiten angewiesen, immer mehr Kinder gesellen sich dazu. Und es sind nicht mehr allein die Stammkunden, die mit Decken und Suppe über Wasser gehalten werden müssen. Viele neue Arme sind hier. Kinder, Familien, die berühmte Mittelschicht, hat es heftig erwischt. Griechenland muss aber weiter sparen. Die Folgen sind noch offen.

Fitch korrigiert von CCC auf C

Der US-Ratingriese stuft indes Griechenlands Bonität heute von CCC auf C herab. Der Haircut von 53,5 Prozent kombiniert mit der Ankündigung Griechenlands, alle private Investoren mit speziellen Klauseln (CAC) zum Mitmachen zu zwingen, führe dazu, dass der Umtausch der Griechenland-Papiere als "notleidend" einzustufen seien (Distressed debt exchange). Das Rating C für Griechenland, die letzte Stufe vor der Insolvenz (D), zeige an, dass eine Zahlungsunfähigkeit in naher Zukunft sehr wahrscheinlich ist, so die Bonitätswächter. (Reuters/red, derStandard.at, 22.2.2012)

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    Das Hilfspaket ist geschnürt - das Land deswegen noch lange nicht gerettet.

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