Königin Angela

Gastkommentar22. Februar 2012, 09:14
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Deutschland agiert aus wirtschaftlicher Sicht wie Großbritannien unter Königin Victoria. Nur: Was damals Indien war, ist heute China. Eine riskante Strategie, sollte der asiatische Riese straucheln - Von Stefano Casertano

In einer Kolumne für die "Financial Times" hat Wolfgang Münchau kürzlich einen provokanten Vorschlag gemacht: Was wäre, wenn Deutschland aus der Eurozone austritt und sich künftig wie ein BRIC-Staat (Brasilien, Russland, Indien, China) verhält? Der Vorstandschef von Linde, Wolfgang Reitzle, hat das erst kürzlich wieder gefordert. Der Tenor von Münchaus Artikel kann so zusammengefasst werden: Deutschland will nicht mehr die Führung in Europa übernehmen, weil wir nicht mehr bereit sind, den dafür notwendigen Preis zu bezahlen.

Der Rückzug Deutschlands aus der Eurozone ist keine Option mehr - er ist bereits in vollem Gange. Münchau schreibt, dass bereits im Laufe dieses Jahres China zu Deutschlands wichtigstem Handelspartner werden wird - noch vor Frankreich. Der Fokus Deutschlands liegt nicht mehr auf Europa, sondern in Asien. Gerade erst ist die deutsche Kanzlerin von ihrer fünften Chinareise seit 2005 zurückgekehrt - eine ähnliche Polittouristenschwemme gibt es sonst nur zwischen Berlin und Washington.

Entfremdung Deutschlands

Die langsame wirtschaftliche Erholung Europas beschleunigt die Entfremdung Deutschlands. Nach einem wirtschaftlichen Einbruch 1993 konnte sich das deutsche BIP-Wachstum schnell wieder auf dem französischen/italienischen/spanischen Niveau einpendeln, genauso wie auch zu Anfang der 1980er Jahre. Dieses Mal sieht die Lage anders aus: Deutschlands Wachstum im Jahr 2010 betrug 3,6 Prozent, deutlich mehr als Spanien (0,1 Prozent) und Frankreich (1,5 Prozent). Im vergangenen Jahr hat sich diese Schere weiter geöffnet. Einigen Schätzungen zufolge dürfte die deutsche Wirtschaft um drei Prozent gewachsen sein, während der Rest Europas sich an der Ein-Prozent-Marke abkämpft.

Teilweise kann diese Diskrepanz mit der neuen deutschen Ostanbindung erklärt werden: Wenn die Zulieferer aus China kommen, leiden Deutschlands europäische Nachbarn. Und auch in die entgegengesetzte Richtung ist ein Trend erkennbar: In den ersten elf Monaten 2011 hat die EU Waren im Wert von 112 Milliarden Euro nach China exportiert - Deutschland ist für 48 Prozent davon verantwortlich. Wenn China sich als neuer wichtigster Handelspartner etabliert, ist das für den Rest Europas nicht von Vorteil. Daher kommt auch der Eindruck in einigen schuldengeplagten Ländern, dass Deutschland sich an der Krise bereichert: Der schwache Euro befeuere die deutsche Exportwirtschaft, Verantwortung innerhalb Europas wolle Berlin jedoch nicht übernehmen.

Deutschland verhält sich wie das viktorianische England. Die größte Sorge hierzulande ist, dass Schulden abbezahlt werden und die Krise nicht zu teuer wird. China ist für Deutschland, was Indien für die Briten war. Und genauso wie im England des 19. Jahrhunderts basiert Deutschlands Stärke auf einer starken Handelsbilanz, einer gesunden Industrie und der Schlüsselposition innerhalb einer Währungsunion. Durch den Goldstandard hat die Bank of England damals den weltweiten Währungsmarkt dominiert - heute wird diese Rolle innerhalb der Eurozone von der EZB in Frankfurt gespielt.

Die Strategie funktioniert, solange es China gut geht

Wir sollten beide Seiten der Medaille beleuchten. Deutschland ist überzeugt, dass sich die Glaubwürdigkeit der Eurozone an Berlin misst. Zum Ende der 1990er Jahre herrschte ein wirtschaftliches Chaos in Europa - doch die Europäisierung des Frankfurter Finanzspielplatzes verschob den Fokus von Spekulation hin zu Reformen. Doch das bedeutet nicht, dass andere nicht für ihre Fehler geradestehen sollten: Warum hat Spanien in eine Hypothekenblase investiert? Warum hat Griechenland sein Staatsdefizit verschwiegen? Warum ist Italien im Bunga-Bunga-Sumpf versunken, sodass am Ende nur noch Berlusconi etwas zu lachen hatte?

Die deutsche Hinwendung gen Osten könnte daher eine kluge Entscheidung sein, solange China seine Dynamik nicht verliert. Deutsche Autohersteller können ein Lied davon singen: Mit als Erste bauten sie Fabriken in China - und sind heute nicht mehr aus dem dortigen Markt wegzudenken. Die Expansion von Fiat in die USA wird nicht mit dem Erfolg von VW in China mithalten können. Die große Frage ist, ob dieses "viktorianische Modell" auch langfristig Stabilität für Deutschland schafft. Die kommenden Monate werden es zeigen. (Stefano Casertano, derStandard.at, 22.2.2012)

Autor

Stefano Casertano, The European, ist Senior Fellow am Brandenburgischen Institut für Gesellschaft und Sicherheit. Er hat an der Columbia University und der Universität Potsdam studiert und ist Kolumnist für das italienische Portal Linkiesta.it und die Finanza & Mercati.

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