"Das Problem wird ignoriert und banalisiert"

22. Februar 2012, 10:14
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Warum die UEFA Post bekam, sich FairPlay und das Landesamt für Verfassungsschutz für die Vor­gänge bei der Austria interessieren

Wien - Am Dienstag bekam die UEFA Post. Und zwar aus Österreich. Die Initiative "FairPlay" engagiert sich im Kampf gegen Diskriminierung im österreichischen Fußball und hat sich der Vorfälle beim Match zwischen Austria Wien und Metalist Charkiw am 15. September 2011 angenommen. Kurz nach dem zur Europa League zählenden Spiel in der Generali-Arena berichteten Augenzeugen bereits von Hitlergrüßen und antisemitischen Rufen, im Dezember tauchte schließlich ein mehrminütiges Video auf, das diese Berichte untermauerte. Auch der im Fußball-Magazin "Ballesterer" erhobene Vorwurf von Arrangements zwischen Fan-Ordnern und den TeilnehmerInnen eines Trauerumzugs für den verstorbenen, in rechtsextremen Kreisen verkehrenden Hooligan Uwe B. wurde durch die Aufnahmen bekräftigt. Ob die Gruppierung nun tatsächlich freien Zutritt zur Osttribüne hatte oder nicht, selbst der Verein gibt mittlerweile zu: Die Einlasskontrollen entsprachen an jenem Tag nicht der normalen Vorgehensweise. 

FairPlay, der ÖFB und die Bundesliga veröffentlichten Anfang Februar ein gemeinsam erarbeitetes Melde-Prozedere, das den Gang zur UEFA bei diskriminierenden Vorfällen im Rahmen internationaler Spiele vorsieht. Darin wurde explizit festgehalten, dass die Initiative nur dann aktiv wird, wenn sich der Vorfall durch harte Fakten, also Fotos oder Videos, beweisen lässt. Das besagte Video war zwar nur kurzfristig auf YouTube zu sehen, aber längst gesichert, als es nach wenigen Tagen wieder verschwand. Für FairPlay Anlass genug, aktiv zu werden. So wurde die Austria am 10. Februar gemäß der neuen Prozedur zu einer Stellungnahme innerhalb von zehn Tagen aufgefordert. Das abgegebene Statement wurde anschließend ebenso wie eine Einschätzung der Ereignisse durch FairPlay an die UEFA weitergeleitet.

FairPlay: "Ein Kampf findet nicht statt"

Dass nun auch der europäische Verband von den Vorfällen in Kenntnis gesetzt wird, könnte den nach einem Platzsturm gegen Athletic Bilbao seit 2009 unter verschärfter Beobachtung stehenden Verein beunruhigen, tut es aber nicht. "Wir versuchen nichts unter den Teppich zu kehren, aber die UEFA hat uns nach dem Match ein ordentliches Zeugnis ausgestellt. Damit ist die Sache für die UEFA erledigt", sagt Austria-Vorstand Markus Kraetschmer im Gespräch mit derStandard.at. Noch ist die UEFA-Reaktion auf den Bericht von FairPlay ausständig, der Vorsitzende der UEFA-Abteilung für soziale Verantwortung, Patrick Gasser, gibt Kraetschmer aber vorab recht. Bei entsprechender Beweislage sei es nur "rein theoretisch möglich, Fälle neu aufzurollen". Zum Zuge käme in diesem Fall Artikel 14 der "UEFA Disciplinary Regulations", die Maßnahmen reichen von einer Verwarnung bis zum Ausschluss aus dem Bewerb.

Wie auch immer die Stellungnahme der Austria gegenüber FairPlay letztendlich ausfiel, die Initiative beobachtet das Verhalten des Vereins im Kampf gegen Rechtsextremismus seit längerer Zeit mit großer Skepsis. "Das Problem wird ignoriert und banalisiert. Ein Kampf findet nicht statt. Für einen Außenstehenden werden keine klaren Signale gesetzt", meint Mitarbeiterin Elisabeth Kotvojs. Die vermeintliche Ohnmacht des Vereins führt Kotvojs auch auf eine verfehlte Strategie zurück: "Man hat auf selbstregulierende Kräfte gehofft. Es war sicherlich auch ein Fehler, das Fanprojekt nach dem Platzsturm gegen Bilbao einzustellen." In der Tat nimmt die Austria zwar an Anti-Rassismus-Aktionen teil und organisiert jährlich das Spiel gegen die aus den drei Weltreligionen bestehenden Trialog-Allstars, die öffentlich sichtbaren Reaktionen auf die wiederholt rechtsextremen Vorkommnisse fielen in den letzten Jahren aber eher spärlich aus. Viele Fans zeigen sich ob der zu vermutenden Passivität des Vereins enttäuscht.

Vereinsinterne Konsequenzen

Ohne vereinsinterne Konsequenzen blieben die Vorfälle aber nicht. "Bei den Ordnerdiensten ist es vor dem Start ins Frühjahr zu personellen Veränderungen gekommen, auch aufgrund des Videos", berichtet Kraetschmer. "Der eine oder andere hat seine Arbeit als Ordner nicht erfüllt." Freien Zutritt soll es aber auch in der Partie gegen Charkiw für niemanden gegeben haben, wenngleich Kraetschmer Fehler des Vereins einräumt: "Der Gruppierung wurde ein Kartenkontingent ausgestellt, die Leute sind nicht durch die Drehkreuze, sondern als Pulk in das Stadion gegangen. Eine Aktion, die so nie hätte passieren dürfen und nicht mehr passieren wird." Mit Anton Pieler wurde zudem ein neuer Fanbeauftragter installiert, er ist auch für Genehmigungen von Bannern und Choreografien verantwortlich.

Seit Jänner ist die Austria auch Mitglied der in Basel ansässigen "Scort Foundation", die junge Menschen in schwierigen Lebensumständen unterstützen soll. Auch der deutsche Bundesligist Werder Bremen nimmt an diesem Partnerschaftsprogramm teil, die Austria erhofft sich hier weitere Möglichkeiten zum Austausch von Know-how in sozialen Fragen. Werder gilt in Bezug auf Rechtsextremismus nicht gerade als konfliktscheu: Im vergangenen Dezember wurde der NPD-Funktionär Jens Pühse als Vereinsmitglied ausgeschlossen. "Durch diese Entscheidung setzen wir ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus", wird Vereinspräsident Klaus-Dieter Fischer auf der Webseite von Werder zitiert. Fans in Kleidung der bei Rechtsextremisten beliebten Marke "Thor Steinar" werden von geschultem Ordner-Personal am Eingang des Weser-Stadions abgewiesen.

Anspruch, Wirklichkeit und Lücke

Der Verein macht von seinem Hausrecht Gebrauch, die in der Satzung verankerten Werte des Vereins sollen respektiert werden, rechtsextreme Symbolik ist im Stadion unerwünscht. Zudem sorgt das seit 1981 existierende "Fan-Projekt Bremen" für eine Sensibilisierung unter Jugendlichen. "Wir wollen darauf aufmerksam machen, in welche Gefahren sie sich begeben. Es gilt, ihr Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Rechtsextremismus menschenfeindlich ist", erzählt Sozialwissenschaftler und Projekt-Mitarbeiter Thomas Hafke im Gespräch mit derStandard.at. Das Projekt wird über Kommune, Land und TV-Gelder der Liga finanziert. Die Zusammenarbeit mit Werder sei hervorragend, "der Verein ist wirklich an sozialen Themen und der Bekämpfung von Rechtsextremismus interessiert", sagt Hafke.

Für Kraetschmer gilt Werder auch hier als Vorbild. Nun hatten Außenstehende aber bisher das Gefühl, dass sich die Austria nur den Gesetzen, nicht aber dem eigenen Leitbild verpflichtet fühlt. Ob nun SS-Totenköpfe auf Shirts der Fangruppe "Unsterblich", ein Banner im Design des rechtsextremen Netzwerks "Blood and Honour", Unterstützung für die rechte spanische Ikone Josué Estébanez de la Hija oder der Adler der deutschen Reichskriegsflagge mit FAK-Logo, die Antwort der Vereinsführung blieb stets unverändert: Man verwies auf die behördliche Verantwortung, Wiederbetätigung zu ahnden. Die Leitlinie des Vereins seien die Gesetze. Mittlerweile klingt dies etwas anders: "Wer Kleidung mit rechtsextremer Symbolik trägt, darf, egal ob rechtswidrig oder nicht, nicht ins Stadion, es gibt klare Richtlinien an den Ordnerdienst. Wir wollen weder solche Leute noch deren Geld. Das Gesetz ist nur der Mindestrahmen", so Kraetschmer. Dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine große Lücke klafft, ist auch ihm nicht entgangen, auch deshalb sei es zur Reorganisation im Ordnerdienst gekommen. Auch weitere Schulungen des Personals sind angedacht.

"Mails an Gott und die Welt"

Empfehlungen in puncto Hausrecht will die Exekutive dem Verein nicht geben. "Die Austria ist ein Wirtschaftsunternehmen, das entscheiden kann, wen sie ins Stadion lässt", sagt Erich Zwettler, Leiter des Wiener Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Als er sein Amt 2010 antrat, nannte Zwettler auch die Bekämpfung des Rechtsextremismus im Wiener Fußball als Schwerpunkt. Dabei sei einerseits präventive Arbeit bei den Fanklubs zu leisten, andererseits ein konsequentes Ahnden von Delikten notwendig. Ob es besorgniserregend sei, dass ein amtsbekannter Austria-Fan angeblich am Mail-Verteiler des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik stand? "Das sind Dinge, die noch im Stadium der Ermittlung sind. Außerdem muss man sich anschauen, was das inhaltlich bedeutet. Dieser Breivik hat an Gott und die Welt Mails verschickt. Das heißt aber noch nicht, dass jeder Kontakt zu ihm hatte", so Zwettler zu derStandard.at. Breivik hat sein Manifest an rund 1.000 Empfänger verschickt.

Auch die Häufung rechtsextremer Vorfälle in der Generali-Arena kommentiert Zwettler trocken: "Ein quantitatives Argument spielt hier überhaupt keine Rolle. Es ist jeder Einzelfall zu vermeiden und, wenn er passiert, zu verfolgen. Die Menge der Vorfälle spielt für die polizeiliche Strategie keine Rolle. Das ist aus unserer Sicht völlig irrelevant." Die Kooperation mit der Austria verlaufe gut, vor dem Spiel gegen Charkiw wurde mit dem Verein gesprochen, es sei aber "nicht verboten, einen Trauermarsch abzuhalten. Das muss man auch einmal sehr deutlich sagen." Nach wie vor glaubt Zwettler an das Ziel, den Rechtsextremismus aus den heimischen Stadien komplett zu verbannen: "Wir müssen den Weg weiterverfolgen, nicht wegschauen und konsequent Anzeigen erstatten. Man muss auf ein Fußballspiel gehen können, ohne Leute wahrzunehmen, die den deutschen Gruß machen." Dazu sei die Exekutive aber auch auf Beweise angewiesen, die bei Gesängen in einem vollen Stadion nicht einfach zu erbringen sind. Das Ausforschen der Tatverdächtigen sei hingegen weniger das Problem, "das kann man durch technische Methoden herbeiführen".

Ermittlungen gegen unbekannt

Damit sind natürlich auch Videoaufnahmen gemeint wie jene vom Match gegen Metalist Charkiw, die zumindest einen gut erkennbaren Fan deutlich beim Hitlergruß zeigt. Hilfreich sollte zudem sein, dass laut Austria Wien jeder Besucher der Osttribüne dank ID-Card per Namen und Foto erfasst wird. Die Staatsanwaltschaft Wien bestätigte gegenüber derStandard.at, dass wegen eines Verstoßes gegen das Verbotsgesetz ermittelt wird. Vorläufig gegen unbekannt. (derStandard.at, 22.2.2012)

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    Markus Kraetschmer: "Wer Kleidung mit rechtsextremer Symbolik trägt, darf, egal ob rechtswidrig oder nicht, nicht ins Stadion."

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    Erich Zwettler: "Man muss auf ein Fußballspiel gehen können, ohne Leute wahrzunehmen, die den deutschen Gruß machen."

  • Vorbild Werder Bremen: "Vielfalt verhindert Diskriminierung". Mehr Fotos zu den Aktivitäten finden Sie hier.
    foto: fan-projekt bremen e.v.

    Vorbild Werder Bremen: "Vielfalt verhindert Diskriminierung". Mehr Fotos zu den Aktivitäten finden Sie hier.

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