Möllemanns Tod zur Anzeige gebracht

12. Juni 2003, 19:24
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Vom Umgang der Politik mit der "letzten Ehre" - ein Kommentar der anderen von Wilhelm Hindemith

De mortuis nil nisi bene - natürlich sagen wir über die Toten nur Gutes, sonst nichts, alles klar. Doch die Art, wie sich die FDP zu Tode erschrocken zeigt, durch den aus dem Leben Gestürzten, weist mehr auf ihre höchst lebendigen Probleme mit dem Toten als auf dessen letzte Ehre hin. Die Spaßpartei hat denkwürdige Probleme mit dem von ihr erst kürzlich Geschassten und verrät ihre Angeschlagenheit noch bis in die Todesanzeige hinein: "Ein tragisches Geschehen beendete am 5. Juni 2003 ein Leben, das von großen Erfolgen und Anerkennung, aber auch von Rückschlägen gekennzeichnet war." (FAZ, 10. Juni) Die Tragik überfiel sozusagen aus heiterem Himmel ein Leben, das, insofern es erfolgreich, leider auch nicht ganz unschuldig war.

So viel Halbbewusstes zwischen den Zeilen meint noch etwas anderes. Denn auch die "Rückschläge" waren ja nicht nur kennzeichnend, sondern Absicht, ja sogar verabreicht worden, übrigens von den Unterzeichnern selbst, die hier als Mobbing People naturgemäß nicht erscheinen wollen. Dass hier aber gut vernehmlich und mehr eine Verlegenheit verborgen als eine Gelegenheit genutzt wird, merkt man dem gespreizten Stil an, der nirgends mehr hinaus, aber so rasch wie möglich vorbei will an einem tödlichen Desaster, das den neoliberalen Dampfplauderern und Dauer-Talkern ihre flotten Sprüche für eine historische Weltsekunde lang abgetrieben hat.

Wie biegt man eine von der Etikette erzwungene Versöhnlichkeit also ins Pietätvolle, ohne zugleich ans Gedruckte von Lügen zu erinnern? Das Anrüchige, Schlitzohrige bis Geschäftstüchtige in der Politik hatte Jürgen W. Möllemann zeitlebens deutlicher - gewissermaßen zwinkernd, aber dafür ungenierter - an den Tag kommen lassen als andere, die darob immer etwas pikiert taten. Viele seiner Neider hatten bedeutend weniger Stammtischtalent als er und trauten sich oft bloß nicht, das zu wagen, was ihm so große Erfolge einbrachte. Ganz gleich, ob er sich schneidig im Kreise seiner Araberfreunde ablichten ließ, ob er sich als Schalke 04-Fan, Pilstrinker, Fallschirmspringer gab oder ob er antisemitische Obertöne gegen Sharon (zu) laut werden ließ, stets hatte er die hohe Popularität solcher Outingaktionen und haidermäßigen Tabubrechereien richtig einkalkuliert.

Als Medienzampano fürchtete er grundsätzlich - auch darin dem Kärntner wesensverwandt - keine Schlammschlachten. Im Gegenteil. Aber das ist Legende. Wie bringt man diese auf letzte endgültige Sentenzen der Würde und Ehre?

Wenn Kanzler Schröder in seiner Todesanzeige schließlich auf die "besonderen Verdienste", von welchen die FDP mit keinem Wort mehr etwas wissen will, zu sprechen kommt, hat dieses Wort seinen letzten Goetheschen Nebensinn der Angeborenheit verloren, und man denkt unweigerlich sofort ans Verdienen - Cash im handgreiflichen Sinne. Schließlich textet Europas Gerd sogar noch etwas mit "Deutschland" hinein. Möllemann und Deutschland, na ja: nil nisi bene - wie gesagt: Zur Not wird auch daraus noch ein Reim.

Auch dieser volle Nationalbegriff, den man einem Oliver Kahn jederzeit gönnte, kommt in der FDP-Anzeige nicht vor. Stattdessen reden Westerwelle und seine Freunde von "politischer Heimat", die der aus unser aller Medienmitte ins Bodenlose Gestürzte bis zu Beginn dieses Jahres, ehe er daraus vertrieben wurde, in der FDP immerhin gehabt habe.

"Sein Tod macht uns betroffen." Das ist der einzige FDP-Satz, dem eine gewisse Glaubwürdigkeit nicht abgesprochen werden kann. Doch ehrlicher hieße auch der: Sein Tod hat uns im Sprachzentrum getroffen. Deshalb reden wir vorläufig wie Gelähmte und entschuldigen uns bei unseren Anhängern für Sprachprobleme, die wie Lügen aussehen, aber naturgemäß ganz anders gemeint sind. Uwe Barschels Ehrenwort erinnert diesbezüglich weniger an Möllemanns Todessturz als an Westerwelles Stil der Ehrvergessenheit. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2003)

Wilhelm Hindemith lebt als freier Jour- nalist in Berlin
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