Kung Fu Fighting in der Stadt der Hyperhäuser

Doris Griesser, 21. Februar 2012, 20:38
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    foto: cody

    Modellstadt nach Brian Cody: Plätze, Parks und Straßen sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt, die Gebäude miteinander verflochten.

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    Hoch hinaus und mit der Natur: Ganz im Zeichen der Hyperbuildings steht dieser Entwurf von Studenten der Universität für angewandte Kunst Wien. Das Projekt wurde im Vorjahr an der TU Graz mit einem Energy City Award ausgezeichnet.

Die Städte der Zukunft müssen radikal neu gedacht werden: stark verdichtet, extrem grün, energieautark, mit eigener Wasser- und Nahrungsmittelversorgung und hoher Lebensqualität - Grazer Forscher wollen die Utopie wahrmachen

"Selbst wenn wir alle Häuser mit optimaler Wärmedämmung und sämtliche Dach- und Wandflächen mit Fotovoltaikanlagen versehen - unser Energieproblem wäre damit nicht gelöst", ist Brian Cody überzeugt. Als Vorstand des Instituts für Gebäude und Energie der Universität Graz befasst sich der gebürtige Ire seit vielen Jahren mit ganzheitlichen Konzepten für die Städte von morgen.

Eine Schlüsselkomponente dabei sei die urbane Dichte: "Es gibt unter den Experten keinen Zweifel mehr, dass unsere Städte dichter werden müssen", sagt Cody. Aber wann ist die optimale Dichte erreicht? Zwar sinkt mit höherer Dichte der Energieverbrauch für den Transport, doch ab einer gewissen Verdichtung brauchen die höher werdenden Gebäude wiederum mehr Energie. Da die zukunftstauglichen Städte aus Codys Ideenwerkstatt ausschließlich mit selbst erzeugter erneuerbarer Energie versorgt werden sollen, müssen die Berechnungen zudem die nötigen Flächen, etwa für Energiepflanzen, Fotovoltaikmodule oder Windkraftanlagen etc., mitberücksichtigen.

Dicht wie Manhattan

Eine komplexe Simulationsaufgabe für die Forscher, die ihnen letztlich aber eine durchaus zuverlässige Antwort lieferte: "Unseren Berechnungen zufolge bietet eine städtische Besiedlungsdichte von rund 250 Menschen pro Hektar - also ziemlich genau die Dichte von Manhattan - die optimale Basis für ein nachhaltiges Stadtkonzept", erläutert Brian Cody.

Das mag zwar energetisch die perfekte Lösung sein - wo aber bleibt dabei die Lebensqualität der rasant wachsenden städtischen Bevölkerung? "Die spielt in unseren Überlegungen und Untersuchungen eine zentrale Rolle", betont Cody. Die bedrückende Vorstellung enger, lichtloser Gebäudeschluchten mit himmelhohen Arbeits- und Schlaftürmen wischt der pragmatische Architekturvisionär umgehend vom Tisch: "Unsere sogenannten Hyperbuilding Cities sind zwar dicht, integrieren aber extrem viel Natur in die Gebäude und die dazwischenliegenden Räume."

Da diese Städte ohne externe Energie-, Wasser und sogar Lebensmittelversorgung auskommen sollen, muss natürlich viel Platz für die Energiegewinnung eingeplant werden, etwa durch energetisch verwertbare Pflanzen sowie für eine "vertikale Landwirtschaft" in Gewächshäusern. Flächen, die gleichzeitig als grüne Erholungsräume genutzt werden können und überdies für eine gute Luftqualität sorgen.

Wesentlich bei diesem neuen Stadtkonzept sei die Dreidimensionalität: "Öffentliche Plätze, Parks, Wege und Straßen sind nicht nur auf der Bodenfläche angesiedelt, sondern auf verschiedenen Ebenen", sagt Cody. "Dadurch eröffnen sich für die Bewohner völlig neue Perspektiven und Räume." Die einzelnen Gebäude seien auch keine "autarken Türme in der Wüste", sondern wie eine Zellenstruktur auf vielen Ebenen miteinander verflochten.

"Letztlich können solche Städte nur als ein geschlossenes, integriertes System funktionieren", meint Cody. "Deshalb hat es auch keinen Sinn, einzelne Aspekte isoliert voneinander zu betrachten - wir müssen vielmehr sämtliche Prozesse zusammenführen und aufeinander abstimmen."

Brian Cody hat für die Hyperbuildings noch einen anderen Namen: "Kung Fu Buildings". Denn wie die Gebäude mit den Kräften der Natur umgehen, erinnere an die asiatische Kampfkunst Kung-Fu: "Die 'angreifenden'' Naturkräfte wie Wind oder Sonne werden aufgefangen und zum eigenen Nutzen eingesetzt", erklärt Cody. So wird beispielsweise der für sehr hohe Gebäude an sich problematische Wind gezielt zur Energieproduktion genutzt. Oder die Kraft der Sonne bei Bedarf für Kühlungszwecke eingesetzt.

Wärme wird zu Kälte

Für ein Museumsprojekt in Ägypten hat Cody gemeinsam mit den Architekten von Coop Himmelblau ein Gebäude mit einer großen Dachkonstruktion aus schwarzem Stein mit integrierter Luftführung konzipiert. "Ein solches Dach wird natürlich extrem heiß in diesem Wüstenklima. Die aufgeheizte Luft kann jedoch in einem einfachen thermodynamischen Prozess in Kälte umgewandelt werden, die zur Kühlung der Ausstellungsräume dient. Je heißer der Stein wird, desto kühler ist es also im Gebäude", berichtet Cody.

Dem Anspruch der Forscher genügt es aber nicht, energieautarke Gebäude zu entwerfen - Hyperbuildings sollen auch als Kraftwerke fungieren und einen Energieüberschuss produzieren. Damit das funktionieren kann, bedarf es allerdings innovativer Gebäudeformen: "Form follows energy" lautet demnach das Credo des praxiserprobten Wegbereiters in die architektonische Zukunft.

Für die Städte der Zukunft sei neben der physischen auch die virtuelle Infrastruktur völlig neu zu gestalten: "Die Strategien zur räumlichen Verdichtung müssen in zeitliche und digitale Verdichtungskonzepte eingebunden werden", betont Cody. Was ist darunter zu verstehen? "In einer Studie haben wir den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Formen der Telearbeit und der Gesamtenergieeffizienz von Dienstleistungsunternehmen untersucht", erklärt Cody. "Obwohl die Einführung neuer Arbeitsformen in den letzten Jahren den Energieverbrauch erhöhte, sehen wir hier ein hohes Potenzial, die Energieeffizienz einer Gesellschaft zu verbessern."

So zeigen die Ergebnisse des Forschungsprojekts, das durch das Programm "Energiesysteme der Zukunft" des Infrastrukturministeriums finanziert wurde, dass Unternehmen durch verschiedene Telearbeitsmodelle bis zu 25 Prozent Energie einsparen können. Natürlich nur dann, wenn die Arbeitsgebäude den geänderten Anforderungen entsprechend auch kleiner konzipiert, den neuen Bedürfnissen angepasst und besser ausgelastet werden. Ein zentraler Aspekt, der bei den bisherigen, eher halbherzigen Telearbeitsversuchen viel zu wenig berücksichtigt wurde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. Februar 2012)

Kommentar posten
23 Postings
manniat
01
22.2.2012, 14:54

Worin legt da jetzt der Unterschied zum Venusprojekt?

erebos
00
22.2.2012, 17:40

Muss es denn wesentliche Unterschiede geben?
Aber z.B. wir hier scheinbar eine integration von Energiegewinnung und Begrünung in die Gebäudehülle oder sogar in das Gebäude gefordert, ebenso, wie einen nachhaltigen 3 dimensionalen Stadtplan. Dinge, die im Venusprojekt scheinbar vernachlässigt werden, zugunsten formaler Willkür und geometrischer Spielereien.
Ausserdem ist Brian Cody zuzutrauen, dass die Gebäude Bauphysikalisch, Bautechnisch, CO2 Bilanztechnisch, ... auf recht sicheren Beinen stehen, während es sich im Venusprojekt scheinbar um Großstrukturen handelt, die irgendwie nicht zeitgemäß, sondern eher in den 60ern verhaftet wirken.

progo
31
22.2.2012, 14:49

Es gibt 2 Möglichkeiten ein großes Gebäude energieautark zu machen:

1) Ein Heizkessel für Gas, Öl, Holz oder Kohle im Keller
2) Ein kleiner Kernspaltungsreaktor im Keller

Selbst ein Architekt darf via google die elektrische Leistung von Photvoltaik pro m^2 suchen, diese mit der verfügbaren Fläche multiplizieren und mit dem Stromverbrauch im Gebäude vergleichen.

Stattdessen wertloses esoterisches Geschwurbel für das Forum Alpbach.

erebos
00
22.2.2012, 17:43
Da haben sie etwas grundlegend missverstanden.

Ein Gebäude ist nicht Energieauthark, wenn immer wieder Energieträger wie Gas, Öl, usw. angeliefert werden müssen.
Auch ein Kernreaktor muss hin und wieder mit Brennstoff bestückt werden. Man könnte es dann evt. gelten lassen, wenn das Gerät über ein paar Jahrzehnte ohne Nachschub auskommt.

redflatliner
01
22.2.2012, 15:24
stimmt nicht

das ist zb ein schönes beispiel

http://www.velux.at/ueber_vel... lighthouse

voralberger büro übrigens... und keine klötzchen.. geht eben anders auch...

progo
00
22.2.2012, 16:21

Das ist

1.) ein Einfamilienhaus

2.) Wird auch zu diesem Haus ein Stromkabel führen müssen, wenn man eine Waschmaschine und einen Computer betreiben will.

erebos
00
22.2.2012, 17:46

Nicht unbedingt. Wenn die Solaranlage genügend produziert und es ein gutes Energiespeichersystem gibt können auch alle Geräte im Haus damit betrieben werden.

Zinsenfeger
01
22.2.2012, 13:28
Das versprechen uns die Architekten bereits seit einem halben Jahrhundert!

Bekommen haben wir mittelmässige bis grauenhafte Investorenarchitektur.

erebos
00
22.2.2012, 17:51

Wie sie richtig bemerkt haben liegt das an den Investoren und nicht an den Versprechen der Architekten (von denen jedoch niemand irgendetwas versprochen hat, sondern nur den besseren Weg entwerfen und präsentieren)
Aber sehen sie, das scheitert ja nicht nur an der Profimaximierung der Investoren und Manager, sondern schon bei der ANgst der Bevölkerung sich auf innovative Wohn und Lebenskonzepte einzulassen.
da wird von den Nutzern überhaupt nichts gefordert, ausser vielleicht ja nichts Neues und wehe die Farbe wird irgendwo rissig oder der Fahrstuhl geht mal nicht.

redflatliner
00
22.2.2012, 12:44
in vorarlberg

dürfens die modelle der neuen einfamilenhäuser scheinbar nur noch it duplo steinen bauen... so scheints jedenfalls wenn man durhs ländle fährt...giebel haben nur noch fertigteilhäuser keine architektenhäuser..

higgs - wozu?
12
22.2.2012, 11:04

ein alptraum

erebos
30
22.2.2012, 12:11

Mal wieder Voruteile, mangelnde Bildung und fehlender Überblick bei ihnen? Tun sie doch etwas dagegen oder haben sie sich schon daran gewöhnt immer solchen Unsinn von sich zu geben?

redflatliner
00
22.2.2012, 14:37
n eim gegenteil

mir gefällt moderne architektur sogar sehr.. .aber die immer sich wiederholenden klötzchen die eigentlich seit den 30iger nicht mehr neu sind... und jeder hinterhofarhcitekt einfach drauf hat. ich hab manchmal das gefühl das nix neues mehr passiert seit der ersten hälfte des letzten jahrhunderts... design ist dasselbe...
hab genug arhcitektne im bekanntenkreis.. alle möbel die bei denen rumstehen wurden von 1920 - 1940 entworfen.. was ist bitte danach passiert.. ?

erebos
00
22.2.2012, 18:00

Danach ist sehr viel passiert, nur zum Einen hat die Bevölkerung nicht mal diue 30er verkraftet, zum Anderen wurden enorm viele Fehler gemacht, auch, weil eben nicht jeder Architekt überhaupt kapiert hat, worum es in den 30ern ging, sondern einfach Schächtelchen zusammenschustert und glaubt er/sie wäre Corbusier selbst, - von den Profitzwängen grösserer Investarchitektur mal ganz abgesehen.
Eine Le Corbusier Liege zu haben oder einen Rietveld ist im Anbetracht der Geschichte der Architektur nicht verwunderlich, denn die Moderne bezeichnet einen, wenn nicht gar den wesentlichen Durchbruch in Architektur und Design. Aber sie haben schon recht, wenn es nicths anderes, moderneres gibt wirkt das ganze schon etwas verstaubt.

The very Best of Comical
01
22.2.2012, 12:33

Hinten nach mit der Architektur? Selbst bei Tieren wird in Käfighaltung in halbwegs zivilisierten Ländern inzwischen auf einen gewissen Platzbedarf geachtet. Nur bei der Haltung des Tieres Mensch geht man in die Gegenrichtung.
Gerade für Graz sind die Visonen von Hyperbuildings nicht einmal das Papier bzw. die aufgewendeten Bits wert, da man es ja nicht einmal derzeit schafft größere Gebäude auf dem weichen Schotteruntergrund ohne einsetzende Sanierungsspirale zu realisieren. Von den klimatischen Gegebenheiten im Grazer Talkessel ganz zu schweigen. Hyperbuildings werden auch keine Revolution im Mobilitätsverhalten erzielen, das ist nämlich schon jetzt mit den Hochhaus- und Verdichtungsanstrengungen nach hinten losgegangen.

erebos
00
22.2.2012, 18:05

Diese Visionen zu hoher Dichte und komplexen, grossen Gebäuden ist ja auch nicht neu. Was die Japanischen Architekten da in den 60ern entworfen haben sind z.B. wesentliche Vorläufer. Oder das, was ein Ken Yeang seit Jahrzehnten propagiert.
Aber die themen müssen nunmal auf den Tisch und nach aktuellem Wissensstand neu gedacht und/oder adaptiert werden.
Was dann in der Folge, meist aus kostengründen, aber auch der grundsätzlichen Angst der Bevölkerung vor Neuerungen daraus gemacht wird steht auf einem anderen Blatt.

opti
00
22.2.2012, 06:11
Le Corbusier

könnte da auch genannt werden?

Zinsenfeger
01
22.2.2012, 13:24

Er und einige Dutzend anderer Väter der Moderne.

The very Best of Comical
25
21.2.2012, 23:11
Schöne Forderung

Noch schöner, wenn der Herr Professor sich seine Naturvorstellungen in Nobelwohnlage erträumt: geräumige Villa am Waldesrand mit Pool im Garten.

Es ist zum Kotzen, dass diejenigen, die den Städten einen Stempel aufdrucken wollen und Forderungen nach Gestaltung aufstellen in 9 von 10 Fällen abseits der eigenen Forderungen residieren.

erebos
00
22.2.2012, 12:15

Do as I say, not as I do!
Was notwendig ist, ist oft nicht dass, was man sich ungeachtet aller tatsächlichen Mittel auch für sich selbst wünscht.
ich würde auch lieber in einer Villa am Waldesrand wohnen, - den 1.Bezirk in 10 min zu Fuss erreichbar. Mit einem Berg zum Schifahren und einem tropischen Strand vor der Haustür.
;)

Bodypainter
02
21.2.2012, 22:57

Liebe studenten der angewandten! In der Theorie sind viele Ideen natürlich nett (zb Straßen in der Luft) in der Praxis schaffen es ned mal Coop himmelblau 3 Gebäude mit einer skyloop Lösung zu verbinden (hier ist der Mensch das Problem). Die Öko towers sind nett, aber denkt bitte auch an Balkone. Die Zukunftsvision wurde übrigens schon mal gebaut (Harry Glücks Wohnpark Alterlaa), was fehlt ist die Verfeinerung bzw das visuelle Update/Remix.

erebos
10
22.2.2012, 12:17

Machen sie sich mal keine Sorgen, daran wird natürlich gedacht. Was dann die zwänge der Realität draus machen steht auf einem anderen Blatt. Aber wenn man dem Geist gleich dei Ketten anlegt, werden unsere Visionen nich allzu weit von unseren Alpträumen entfern liegen.

Fairy Tail
32
21.2.2012, 21:18
Zur Info:

Das heisst gongfu und gongfu ist keine Kampfkunst.

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