Verlorene Generation

Kolumne21. Februar 2012, 20:00
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Das Problembewusstsein darüber, dass hier eine verlorene Generation heranwächst, war bisher viel zu gering

Die ÖVP will Strafen, die SPÖ Studien. So idealtypisch ist die Reaktion der beiden Regierungsparteien auf die alarmierende Tatsache, dass etwa 75.000 junge Leute zwischen 16 und 24 gar nichts machen: keine Schule, keine Lehre, keinen Job, gar nichts. Und von den 75.000 haben circa 40 Prozent einen "Migrationshintergrund".

Das ist sozialpolitischer Sprengstoff erster Ordnung. Selbst wenn man die Sache so einschätzt, dass am Ende nur ein paar Tausend übrigbleiben, die wirklich bleibend perspektivlos sind, dann kann sich jeder halbwegs Informierte ausrechnen, welche Folgen das für die soziale Stabilität hat. Und für die Betroffenen selbst.

Die ÖVP mit ihrem katholisch-repressiven Rohrstaberlprogramm ("1500 Euro Strafe für die Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken") hat da genauso wenig eine Antwort wie die kuschelpädagogischen Sozialdemokraten und Grünen, die jetzt in noch einer Studie erforschen wollen, warum Ali und Aysche, Kevin und Jennifer nicht lesen, schreiben und rechnen können.Allerdings hat die ÖVP teilweise recht, wenn sie meint, dass ohne einen gewissen (sozialen) Druck nichts geht, und die Linksgrünen haben auch recht, wenn sie sagen, dass man nicht nur Strafe, sondern auch Betreuung und Motivation anbieten muss. Schließlich ist es hier auch angebracht, die Rolle der sonst öfters kritisierten Lehrer zu würdigen. Es gehört wirklich etwas dazu, sich Tag für Tag in einer Klasse mit lernunwilligen, gelangweilten, aufsässigen Jugendlichen zu behaupten und auch noch so etwas wie Unterricht zustande zu bringen.

Der Autor der Studie, die die jetzige Aufregung ausgelöst hat, Johann Bacher vom Institut für Soziologie der Uni Linz, verweist auf die ohnehin bekannte Ausgangslage: "Fehlender Zugang zu Bildung wird sozial vererbt", das heißt, die bildungsferne Schicht, ob nun "bodenständig" oder "migrantisch", hat kein Interesse und/oder keine Motivation, ihren Kindern Weiterbildung angedeihen zu lassen oder sie überhaupt in die Schule zu schicken. Und: "Wir haben hier die groteske Situation, dass einerseits Lehrstellen frei sind, aber keine qualifizierten Bewerber dafür da sind." Das ist die Situation. Was tun dagegen?

Studienautor Johann Bacher schlägt einen Mix von Maßnahmen vor, wie etwa individuelle Förderung der Schüler am Nachmittag, was letztlich zu einer Ganztagsschule führt. Aber auch den Jugendlichen, die bereits die Schule verlassen haben, müssten Programme angeboten werden.Sozialminister Hundstorfer will das existierende "Coaching" ausbauen. Was mit denen passiert, die die ganzen Programme, Coachings etc. einfach nicht annehmen, weiß niemand zu sagen (ich übrigens auch nicht). Klar ist nur eines: Das Problembewusstsein darüber, dass hier eine verlorene Generation heranwächst, war bisher viel zu gering. Migranten steigen in den nächsten Generationen meist sozial auf: Das ist hier ganz offenbar nicht der Fall, sondern eher das Gegenteil. Der Populismus in allen Parteien will/wollte das aber nicht sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.2.2012)

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