Man sollte aufhören, überhaupt vom "Militärschlag" zu reden
Israel ärgert sich über die jüngsten Interviews US-Offizieller und
US-Analysten, in denen ein israelischer Militärschlag auf iranische
Atomanlagen als mehr oder weniger nicht machbar bezeichnet wird - und
das könnte eine gute Nachricht sein: Denn es könnte bedeuten, dass
Israel noch immer auf den Druck setzt, der durch eine militärische
Drohung auf den Iran ausgeübt wird, und diesen Druck nicht geschmälert
sehen will. Würde die israelische Regierung ihre Angriffspläne bereits
konkretisieren, dann käme ihr eine gewisse iranische Sorglosigkeit
zupass.
Der israelische Ärger könnte allerdings auch heißen, dass eine
öffentliche kritische Debatte deshalb unerwünscht ist, weil sie auch in
Israel die öffentliche Zustimmung zu einem Angriff schwächt, der bereits
in Planung ist. Umso wichtiger wäre jedoch eine radikale Offenlegung
aller möglichen Szenarien. Gerade die jüngste Vergangenheit im Nahen
Osten ist gespickt mit Fällen, in denen die verantwortlichen Politiker
auf ihre eigenen Prognosen, wie denn dieses und jenes verlaufen werde,
hereinfielen.
Das eklatanteste Beispiel ist natürlich der Irakkrieg
2003, aber auch Israels Libanonkrieg 2006 fällt in diese Kategorie. In
diesem Sinne sollte man etwa damit aufhören, überhaupt vom "Militärschlag" zu reden. Es wäre eine längere militärische Operation,
ein Krieg, der sich auch nicht auf den Iran beschränken, sondern dessen
Verbündete im Libanon, Syrien und Gaza einbeziehen würde. (DER STANDARD-Printausgabe, 22.02.2012)