Gaza-Politiker: "Gibt die Hamas den Widerstand auf, ist das ihr Tod"

Blog21. Februar 2012, 19:37
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Die Hamas wird auch weiterhin auf Gewalt setzen, meint der Hamas-nahe Politiker Mustafa Sawaf

"Unsere Strategie bleibt der Widerstand in allen Bereichen", erklärt Mustafa Sawaf, stellvertretender Kulturminister im Gazastreifen und ehemaliger Chefredakteur der Hamas-Zeitung "Filistin". "Wir sind als einziges Volk der Welt unter Besatzung. Friedliche Demonstrationen bringen gegen Israel nichts."

Würde die Hamas jetzt dem bewaffneten Wiederstand abschwören, wäre das ihr Ende, sagt Sawaf. Damit nimmt er den Ansichten von manchen Beobachtern den Wind aus den Segeln, die im scheinbar moderaten Kurs der politischen Hamas-Führung eine Trendwende sehen.

Mustafa Sawaf sieht in der Abkehr vom Widerstand gegen Israel eine Gefahr für die islamistische Hamas, die sich seit ihrer Gründung 1987 für den bewaffneten Kampf starkgemacht hat. Kehre man diesem Dogma nun den Rücken, könne das eine Gefahr für die Bewegung werden, meint er.

"Die Fatah hat den bewaffneten Widerstand aufgegeben und stattdessen Verhandlungen mit Israel geführt. Das hat ihre Popularität vermindert. Gibt die Hamas den Widerstand auf, ist das ihr Tod. Solange es die israelische Besatzung gibt, wird es auch Widerstand geben", sagt Sawaf.

Dennoch würde die Hamas seiner Meinung nach die Errichtung eines palästinensischen Staates neben Israel befürworten, entlang der sogenannten Grenzen von 1967, die international als Grundlage für eine Zweistaatenlösung anerkannt werden. "Doch auch wenn wir einen solchen Staat errichten, muss man deswegen Israel nicht gleich anerkennen", sagt er.

Keine Spaltung?

Von einer internen Spaltung der Hamas will Mustafa Sawaf nichts wissen. "Natürlich gibt es Diskussionen. Wir sind ja keine Diktatur. Die Hamas wird durch demokratische Gremien geführt und nicht von Einzelpersonen."

In letzter Zeit deuten jedoch immer mehr Zeichen auf interne Differenzen in der Hamas hin. Jüngst hatten sich etwa der politische Hamas-Führer Khaled Meshaal und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (Fatah) darauf geeinigt, dass Abbas einer gemeinsamen Übergangsregerung vorsteht. Doch die Mehrheit der Hamas-Abgeordneten im Parlament sprach sich dagegen aus.

Suche nach Legitimität

Immer offensichtlicher wird auch die Suche nach Legitimität der Hamas-Führung im Ausland, die infolge des blutigen Konflikts in Syrien den Anschluss an Katar und das neue Ägypten sucht. "Ein Diktat von außen wird die Hamas aber nicht akzeptieren", meint Sawaf. Die Hamas würde sich auch deshalb nicht auf einen moderateren Kurs bewegen, weil sie eine religiöse Bewegung ist. "Erst wenn sich der Koran ändert, können wir uns auch ändern", meint er.

Die Hamas könnte nach einer erfolgreichen Versöhnung mit der Fatah auch Teil der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) werden, die 1974 von der UNO als Repräsentantin des palästinensischen Volkes anerkannt wurde. Das sei aber keinesfalls als Nachgeben der Hamas zu sehen, erklärt Sawaf: "Die Hamas will die PLO neu aufbauen, auch um sie zum Widerstand zurückzuführen. Zurzeit ist die PLO jedoch von einer Partei dominiert (Fatah), die sinnlose Verhandlungen führt."

Um den Vorstellungen der Hamas zu entsprechen, müsse die PLO ihre Zusammenarbeit mit Israel aufgeben. Das würde zwar Konsequenzen für die Bevölkerung im Westjordanland haben, sei aber letztlich notwendig. Eine Waffenruhe der Hamas mit Israel kann sich Sawaf langfristig zwar vorstellen, er zweifelt aber daran, dass Israel daran interessiert ist. "Sie sind auf den Krieg fixiert", meint er.

Syrien und Iran

Die oft diskutierte Abkehr der Hamas von Syrien und dem Iran ist laut Mustafa Sawaf relativ zu betrachten. "Wir haben Kontakte zur syrischen Opposition und zur Regierung. Wir können die Opposition jedoch nicht offen unterstützen, weil das eine Gefahr für die Palästinenser in Syrien werden könnte", erklärt er.

Die Beziehungen zum Iran werde man weiter aufrechterhalten. "Solange der Iran im Interesse der Palästinenser handelt." Die Beziehung zum schiitischen Regime habe aber immer schon auf Interessen und nicht auf Ideologie beruht. "Die finanzielle Unterstützung aus dem Iran hat jedoch nachgelassen", sagt er. (derStandard.at, 21.2.2012)

  • Ein Hamas-Graffiti im Gazastreifen. Hamas ist das Akronym für "Islamische Widerstandsbewegung" (Harakat al-muqawma al-islamiyya).
    foto: andreas hackl

    Ein Hamas-Graffiti im Gazastreifen. Hamas ist das Akronym für "Islamische Widerstandsbewegung" (Harakat al-muqawma al-islamiyya).

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