Die Hamas wird auch weiterhin auf Gewalt setzen, meint der Hamas-nahe Politiker Mustafa Sawaf
"Unsere Strategie bleibt der Widerstand in allen Bereichen", erklärt
Mustafa Sawaf, stellvertretender Kulturminister im Gazastreifen und ehemaliger
Chefredakteur der Hamas-Zeitung "Filistin". "Wir sind als einziges Volk
der Welt unter Besatzung. Friedliche Demonstrationen bringen gegen
Israel nichts."
Würde die Hamas jetzt dem bewaffneten Wiederstand abschwören, wäre das ihr Ende, sagt Sawaf. Damit nimmt er den Ansichten von manchen Beobachtern den Wind aus den Segeln, die im scheinbar moderaten Kurs der politischen Hamas-Führung eine Trendwende sehen.
Mustafa
Sawaf sieht in der Abkehr vom Widerstand gegen Israel eine Gefahr für
die islamistische Hamas, die sich seit ihrer Gründung 1987 für den
bewaffneten Kampf starkgemacht hat. Kehre man diesem Dogma nun den
Rücken, könne das eine Gefahr für die Bewegung werden, meint er.
"Die
Fatah hat den bewaffneten Widerstand aufgegeben und stattdessen
Verhandlungen mit Israel geführt. Das hat ihre Popularität vermindert.
Gibt die Hamas den Widerstand auf, ist das ihr Tod. Solange es die
israelische Besatzung gibt, wird es auch Widerstand geben", sagt Sawaf.
Dennoch
würde die Hamas seiner Meinung nach die Errichtung eines
palästinensischen Staates neben Israel befürworten, entlang der
sogenannten Grenzen von 1967, die international als Grundlage für eine
Zweistaatenlösung anerkannt werden. "Doch auch wenn wir einen solchen
Staat errichten, muss man deswegen Israel nicht gleich anerkennen", sagt
er.
Keine Spaltung?
Von einer internen Spaltung der
Hamas will Mustafa Sawaf nichts wissen. "Natürlich gibt es Diskussionen.
Wir sind ja keine Diktatur. Die Hamas wird durch demokratische Gremien
geführt und nicht von Einzelpersonen."
In letzter Zeit deuten jedoch immer mehr Zeichen auf interne
Differenzen in der Hamas hin. Jüngst hatten sich etwa der politische
Hamas-Führer Khaled Meshaal und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas
(Fatah) darauf geeinigt, dass Abbas einer gemeinsamen Übergangsregerung
vorsteht. Doch die Mehrheit der Hamas-Abgeordneten im Parlament sprach sich dagegen aus.
Suche nach Legitimität
Immer offensichtlicher wird auch
die Suche nach Legitimität der Hamas-Führung im Ausland, die infolge
des blutigen Konflikts in Syrien den Anschluss an Katar und das neue
Ägypten sucht. "Ein Diktat von außen wird die Hamas aber nicht
akzeptieren", meint Sawaf. Die Hamas würde sich auch deshalb nicht auf
einen moderateren Kurs bewegen, weil sie eine religiöse Bewegung ist.
"Erst wenn sich der Koran ändert, können wir uns auch ändern", meint er.
Die
Hamas könnte nach einer erfolgreichen Versöhnung mit der Fatah auch
Teil der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) werden, die 1974
von der UNO als Repräsentantin des palästinensischen Volkes anerkannt
wurde. Das sei aber keinesfalls als Nachgeben der Hamas zu sehen,
erklärt Sawaf: "Die Hamas will die PLO neu aufbauen, auch um sie zum
Widerstand zurückzuführen. Zurzeit ist die PLO jedoch von einer Partei
dominiert (Fatah), die sinnlose Verhandlungen führt."
Um den
Vorstellungen der Hamas zu entsprechen, müsse die PLO ihre
Zusammenarbeit mit Israel aufgeben. Das würde zwar Konsequenzen für die
Bevölkerung im Westjordanland haben, sei aber letztlich notwendig. Eine
Waffenruhe der Hamas mit Israel kann sich Sawaf langfristig zwar
vorstellen, er zweifelt aber daran, dass Israel daran interessiert ist.
"Sie sind auf den Krieg fixiert", meint er.
Syrien und Iran
Die
oft diskutierte Abkehr der Hamas von Syrien und dem Iran ist laut
Mustafa Sawaf relativ zu betrachten. "Wir haben Kontakte zur syrischen
Opposition und zur Regierung. Wir können die Opposition jedoch nicht
offen unterstützen, weil das eine Gefahr für die Palästinenser in Syrien
werden könnte", erklärt er.
Die Beziehungen zum Iran werde man
weiter aufrechterhalten. "Solange der Iran im Interesse der Palästinenser
handelt." Die Beziehung zum schiitischen Regime habe aber immer schon
auf Interessen und nicht auf Ideologie beruht. "Die finanzielle
Unterstützung aus dem Iran hat jedoch nachgelassen", sagt er.
(derStandard.at, 21.2.2012)