Krise treibt Tauschhandel in Spanien an

21. Februar 2012, 18:54
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Madrid - "Sesam öffne Dich" - so heißt ein kleiner Secondhandladen im Zentrum Madrids, in dem Geld unerwünscht ist. Hier bezahlt man nicht mit Barem oder mit Karte. Hier wird getauscht. Vollgestopft mit Kleidung, Büchern, CDs und Elektrogeräten, ist das Geschäft eine wahre Fundgrube für Menschen, bei denen das Geld in der Wirtschaftskrise nicht mehr ganz so locker sitzt.

Noch ist der Laden mit seinen täglich etwa 20 Kunden eine Kuriosität. Doch im Internet boomen Tauschbörsen. Hier findet man ziemlich alles, was das Herz begehrt: Autos, Möbel und Eigentumswohnungen werden ebenso angeboten wie Sprach- und Kochkurse. Während dem schuldengeplagten Land der Rückfall in die Rezession droht und die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau verharrt, ist mit dem Tauschhandel eine regelrechte Parallel-Wirtschaft entstanden.

Abrete Sesamo

Emanuela Scena eröffnete "Abrete Sesamo" im Dezember 2010. Spanien steckte bereits in der Krise. "Uns gefiel der Gedanke, dass der Name an Ali Babas Schatzkammer erinnert", sagt sie. Es habe gedauert, bis ihr Konzept bei den Kunden angekommen sei. "Aber jetzt verstehen sie es."

Zum Beispiel Sabino Liebana. 2010 beglich der Unternehmer seine 600 Euro Gewerbemiete in Madrid mit den Waren, die er sonst über das Web verkauft: Drucker, Tinte, Computer. Die habe er seinem Vermieter etwas günstiger überlassen. "Aber niemals unter dem Einkaufspreis."

Wegen Liquiditätsproblemen dürften wohl immer mehr Firmen auf das Tauschprinzip zurückgreifen, vor allem im Dienstleistungsbereich, sagt Liebana. In den vergangenen sechs Monaten habe er etwa ein Dutzend solche Transaktionen getätigt, etwa für Werbung oder Web-Design. Meist sei er über die Tauschbörse acambiode.com gegangen.

Portal mit 310.000 Kunden

Gegründet 2001, hat das Portal heute weltweit 310.000 Kunden, überwiegend in spanischsprachigen Ländern sowie Portugal und Italien. Es handelt es sich um kleinere Unternehmen oder Selbstständige quer aus allen Geschäftsbereichen. Jeden Monat kämen 2000 bis 3000 hinzu, sagt der Chef Jaime Martinez. Allein in Spanien sind es 67.000.

Wie solche Transaktionen besteuert werden? Entscheidend sei der Wert des Geschäfts, sagt Luis Gonzalez, Sprecher der spanischen Steuerbehörde. Dafür gebe es klare gesetzliche Vorschriften, die basierten " größtenteils auf dem Marktpreis". Weiter will er sich nicht äußern. (Reuters, DER STANDARD, Printausgabe, 22.2.2012)

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    Tauschen tut man überalle, auch auf deutschen Fußballfeldern verschwitzte Leiberl (im Bild). In Spanien hat sich mittlerweile eine Art Parallel-Wirtschaft entwickelt. Nur nicht zum Leiberl-Tauschen.

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