Joachim Gauck, Kandidat für die Präsidentenwahl, löst in Deutschland nicht nur Begeisterung aus
Jetzt ist er schon fast ein Heiliger, spottet man in Berlin. Die
Zustimmung zu Joachim Gauck, der am 18. März von CDU/CSU, FDP, Grünen
und SPD zum deutschen Bundespräsidenten gewählt werden soll, wächst
täglich. 54 Prozent wollen ihn als Bundespräsidenten, hieß es in der
Bild am Sonntag, am Dienstag überbot das ZDF mit 69 Prozent Zustimmung.
Doch nun, wo Gauck gemeinsamer Kandidat von Regierung und Opposition
(außer den Linken) ist, werden auch immer mehr kritische Töne laut. So
stören den grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele Gaucks
Aussagen über die Occupy-Bewegung. "Inzwischen beklagen selbst die
härtesten Kapitalisten Übermacht und Machtmissbrauch des Finanzsystems.
Wie kann Herr Gauck den Protest dagegen auf der Straße ,unsäglich albern'
nennen?", fragt Ströbele.Einen Schritt weiter geht
Grünen-Integrationssprecher Memet Kilic. Er kündigte an, Gauck nicht zu
wählen. Er fühle sich durch Gaucks "Äußerungen zu Sarrazin vor den Kopf
gestoßen". Gauck hatte Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin (SPD) "Mut"
bescheinigt. In seinem umstrittenen Buch Deutschland schafft sich ab
vertritt Sarrazin die These, es fehle Migranten aus muslimischen Ländern
an Bereitschaft zur Integration. Gauck meinte den "Mut", ein brisantes
Thema anzusprechen. Hängen blieb, dass er sich nicht genügend von
Sarrazins Thesen distanzierte. Dies habe bei Migranten Irritationen
ausgelöst, sagt der Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan
Kolat.Für Aufregung sorgen auch Aussagen Gaucks, die er bei einer vom
Standard organisierten Diskussion in der Reihe "Europa im Diskurs" im
Wiener Burgtheater machte. Im Dezember 2010 erklärte Gauck dort: "Sie
müssen wissen, dass etwa die Speicherung von Telekommunikationsdaten
nicht der Beginn eines Spitzelstaates ist." Zur Veröffentlichungen von
Botschaftsdepeschen durch Wikileaks sagte Gauck, es handele sich um
gestohlenes Material. "Das kann ich nicht akzeptieren, dass das gefeiert
wird, das ist ein elementarer Verlust von Recht." Dies wird nun von
vielen Medien aufgegriffen und vor allem im Internet heftig diskutiert.
Die Piratenpartei, die für Freiheit im Internet eintritt, lehnt Gauck
deshalb ab. Sollte die Linke als Gegenkandidaten den Kabarettisten und
Kapitalismuskritiker Georg Schramm aufstellen, werden ihn die Piraten
womöglich unterstützen. Schramms Kandidatur ist aber noch offen.Probleme
anderer Natur hat der CSU-Abgeordnete Norbert Geis. Den schwarzen
Hardliner stört, dass Gauck seit zwölf Jahren mit der Journalistin
Daniela Schadt in "wilder Ehe" lebt, und rät zur Hochzeit: "Es dürfte
wohl im Interesse des Herrn Gauck selbst sein, seine persönlichen
Verhältnisse so schnell als möglich zu ordnen, damit insoweit keine
Angriffsfläche geboten wird." (DER STANDARD-Printausgabe, 22.02.2012)