Gaucks Gegner bringen sich in Stellung

21. Februar 2012, 18:11
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Joachim Gauck, Kandidat für die Präsidentenwahl, löst in Deutschland nicht nur Begeisterung aus

Jetzt ist er schon fast ein Heiliger, spottet man in Berlin. Die Zustimmung zu Joachim Gauck, der am 18. März von CDU/CSU, FDP, Grünen und SPD zum deutschen Bundespräsidenten gewählt werden soll, wächst täglich. 54 Prozent wollen ihn als Bundespräsidenten, hieß es in der Bild am Sonntag, am Dienstag überbot das ZDF mit 69 Prozent Zustimmung. Doch nun, wo Gauck gemeinsamer Kandidat von Regierung und Opposition (außer den Linken) ist, werden auch immer mehr kritische Töne laut. So stören den grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele Gaucks Aussagen über die Occupy-Bewegung. "Inzwischen beklagen selbst die härtesten Kapitalisten Übermacht und Machtmissbrauch des Finanzsystems.

Wie kann Herr Gauck den Protest dagegen auf der Straße ,unsäglich albern' nennen?", fragt Ströbele.Einen Schritt weiter geht Grünen-Integrationssprecher Memet Kilic. Er kündigte an, Gauck nicht zu wählen. Er fühle sich durch Gaucks "Äußerungen zu Sarrazin vor den Kopf gestoßen". Gauck hatte Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin (SPD) "Mut" bescheinigt. In seinem umstrittenen Buch Deutschland schafft sich ab vertritt Sarrazin die These, es fehle Migranten aus muslimischen Ländern an Bereitschaft zur Integration. Gauck meinte den "Mut", ein brisantes Thema anzusprechen. Hängen blieb, dass er sich nicht genügend von Sarrazins Thesen distanzierte. Dies habe bei Migranten Irritationen ausgelöst, sagt der Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat.Für Aufregung sorgen auch Aussagen Gaucks, die er bei einer vom

Standard organisierten Diskussion in der Reihe "Europa im Diskurs" im Wiener Burgtheater machte. Im Dezember 2010 erklärte Gauck dort: "Sie müssen wissen, dass etwa die Speicherung von Telekommunikationsdaten nicht der Beginn eines Spitzelstaates ist." Zur Veröffentlichungen von Botschaftsdepeschen durch Wikileaks sagte Gauck, es handele sich um gestohlenes Material. "Das kann ich nicht akzeptieren, dass das gefeiert wird, das ist ein elementarer Verlust von Recht." Dies wird nun von vielen Medien aufgegriffen und vor allem im Internet heftig diskutiert. Die Piratenpartei, die für Freiheit im Internet eintritt, lehnt Gauck deshalb ab. Sollte die Linke als Gegenkandidaten den Kabarettisten und Kapitalismuskritiker Georg Schramm aufstellen, werden ihn die Piraten womöglich unterstützen. Schramms Kandidatur ist aber noch offen.Probleme anderer Natur hat der CSU-Abgeordnete Norbert Geis. Den schwarzen Hardliner stört, dass Gauck seit zwölf Jahren mit der Journalistin Daniela Schadt in "wilder Ehe" lebt, und rät zur Hochzeit: "Es dürfte wohl im Interesse des Herrn Gauck selbst sein, seine persönlichen Verhältnisse so schnell als möglich zu ordnen, damit insoweit keine Angriffsfläche geboten wird." (DER STANDARD-Printausgabe, 22.02.2012)

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    Bei einer Preisverleihung 2009 ist Gauck scheinbar im Visier eines DDR-Grenzsoldaten. Seit seiner Nominierung zum Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten wird der Blick auf ihn kritischer.

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