Die mutmaßliche Entführung eines hochrangigen syrischen Überläufers
durch den türkischen Geheimdienst bringt die Regierung in Ankara in
Erklärungsnot. Hussein Harmush, ein Oberstleutnant der syrischen Armee
und Mitbegründer der Freien Syrischen Armee, war im Juni vergangenen
Jahres mit seiner Frau und seinen Kindern in die Türkei geflüchtet. Ende
August wurde er offenbar von Agenten des türkischen Geheimdienstes MIT
wieder zurück nach Syrien gebracht. Außenminister Ahmet Davutoglu wies
früh Gerüchte über eine Entführung zurück. Jetzt ließ die türkische
Justiz aber fünf Agenten verhaften.
Harmush soll nach Informationen einer syrischen NGO im Jänner in Syrien
erschossen worden sein. Seine Frau, die türkischen Medienberichten
zufolge weiter in einem der Flüchtlingslager an der Grenze lebt, brachte
die Ermittlungen zu dem Entführungsfall ins Rollen. Harmush war Ende
August 2011 gefilmt worden, als er in das Auto eines türkischen Agenten
bugsiert wurde, von dem nur die Initialen Ö. S. bekannt gemacht wurden.
Reueerklärung im Staats-TV
Zwei Wochen später wurde Harmush im syrischen Staatsfernsehen
vorgeführt, wo er erklärte, dass er zwar desertiert, aber enttäuscht von
den "leeren Versprechen" syrischer Oppositioneller in der Türkei wieder
zurückgekehrt sei; die syrische Armee habe zudem nie den Befehl
erhalten, auf Zivilisten zu schießen, behauptete er.
Spekulationen über eine Entführung des syrischen Offiziers und ein
Tauschgeschäft waren sofort aufgetaucht. MIT-Chef Hakan Fidan soll neuen
Medienberichten zufolge im vergangenen Dezember nach Hatay für ein
Gespräch mit dem dortigen Gouverneur geflogen sein. Dies wird nun als
Versuch verstanden, die Behörden zur Vertuschung des Fall Harmush zu
drängen. Offen ist, wer die Entführung anordnete, und wer im
Geheimdienst und im Außenministerium davon wusste. (DER STANDARD-Printausgabe, 22.02.2012)