Ankara im Zwielicht nach Entführung eines syrischen Deserteurs

21. Februar 2012, 18:04
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Die mutmaßliche Entführung eines hochrangigen syrischen Überläufers durch den türkischen Geheimdienst bringt die Regierung in Ankara in Erklärungsnot. Hussein Harmush, ein Oberstleutnant der syrischen Armee und Mitbegründer der Freien Syrischen Armee, war im Juni vergangenen Jahres mit seiner Frau und seinen Kindern in die Türkei geflüchtet. Ende August wurde er offenbar von Agenten des türkischen Geheimdienstes MIT wieder zurück nach Syrien gebracht. Außenminister Ahmet Davutoglu wies früh Gerüchte über eine Entführung zurück. Jetzt ließ die türkische Justiz aber fünf Agenten verhaften.

Harmush soll nach Informationen einer syrischen NGO im Jänner in Syrien erschossen worden sein. Seine Frau, die türkischen Medienberichten zufolge weiter in einem der Flüchtlingslager an der Grenze lebt, brachte die Ermittlungen zu dem Entführungsfall ins Rollen. Harmush war Ende August 2011 gefilmt worden, als er in das Auto eines türkischen Agenten bugsiert wurde, von dem nur die Initialen Ö. S. bekannt gemacht wurden.

Reueerklärung im Staats-TV

Zwei Wochen später wurde Harmush im syrischen Staatsfernsehen vorgeführt, wo er erklärte, dass er zwar desertiert, aber enttäuscht von den "leeren Versprechen" syrischer Oppositioneller in der Türkei wieder zurückgekehrt sei; die syrische Armee habe zudem nie den Befehl erhalten, auf Zivilisten zu schießen, behauptete er.

Spekulationen über eine Entführung des syrischen Offiziers und ein Tauschgeschäft waren sofort aufgetaucht. MIT-Chef Hakan Fidan soll neuen Medienberichten zufolge im vergangenen Dezember nach Hatay für ein Gespräch mit dem dortigen Gouverneur geflogen sein. Dies wird nun als Versuch verstanden, die Behörden zur Vertuschung des Fall Harmush zu drängen. Offen ist, wer die Entführung anordnete, und wer im Geheimdienst und im Außenministerium davon wusste. (DER STANDARD-Printausgabe, 22.02.2012)

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