Mit PeterLichts Molière-Neudichtung des "Geizigen" zieht eine Komödie ins Wiener Schauspielhaus
Mit Darsteller Johannes Zeiler sprach Margarete Affenzeller über Zinswachstum und Louis de Funès.
Wien - Der Kölner Musiker und Autor PeterLicht hat sich in Zeiten der
Bankenkrise an Molières Geizigen erinnert und eine Überschreibung
vorgenommen. In dieser ist die Titelfigur Harpagon kein
nervös-geldgieriger Griesgram, sondern ein erleuchteter Geldwächter,
dessen Sparsinn gar tugendhaft erscheint. Vor zwei Jahren hatte Der
Geizige - Ein Familiengemälde Uraufführung. Die österreichische
Erstaufführung (Regie: Bastian Kraft; 23. 2.) richtet das Schauspielhaus
aus - mit Johannes Zeiler in der Titelrolle.
Standard: Ist Geiz auch positiv?
Zeiler: Geiz ist auch hier keine Tugend. Aber PeterLichts Stück bildet
die heutige Kluft zwischen den Generationen sehr gut ab: Die Generation,
die jetzt heranwächst, wird nie mehr die Möglichkeit haben, so viel Geld
zu erarbeiten, dass sie sich etwas Großes kaufen kann. Diese Kinder sind
aber mit einer Generation konfrontiert, die, sagen wir, von Beginn der
1980er-Jahre an sehr wohl noch viel Geld anhäufen konnte. Die
Gegenüberstellung von Passivem, also Geldwert und Immobilien, und
Aktivem, der Jugend - diese spiegelt sich hier sehr gut wider.
Standard: Haben Kinder nicht das Recht, nach dem Geld der Eltern zu
verlangen?
Zeiler: Ich denke, ja. Wenn es ein gewisses Vermögen gibt, sollte das
die nachfolgende Generation auch haben können.
Standard: Geht es nach den Bankern, so sollte das Geld stets "arbeiten".
Sparen als seelenruhiges Anhäufen in einer Kassette, wie es Harpagon
tut, ist passé. Ist der "Geizige" ein Affront gegen die
Banker-Mentalität?
Zeiler: Ja. Gleichzeitig ist es aber wieder eine sehr sinnliche
Darstellung von Geld. Harpagon sagt: "Der Zins trägt das Echo in sich.
Der Zins wächst über sich hinaus." Das Gebilde beginnt zu schimmern, und
es scheint ein Licht hervor, und dort ist dann Gott. In dieser
Verbindung von Religion, Emotion und Geld ist das Reich des Harpagon
angesiedelt. Irgendwann wird die Schallmauer durchbrochen, und alles
fällt in sich zusammen - wie 2008. Trotz des Crashs aber, so sagt
Harpagon, bleibt etwas bestehen, nämlich ein sinnhaftes Leben. Und das
meint entweder Geld-Anhäufen oder Kredit-Abbezahlen. Diese Beschäftigung
gibt dir Sinn.
Standard: Die Komödie ist am Theater leichter zu bedienen als im Film,
haben Sie gesagt. Warum?
Zeiler: Weil man sich am Theater besser auf das eigene Handwerk
verlassen kann. Ein Unterschied ist auch, dass es im Film selten gute
Komödien gibt. Es gibt ja den Geizigen auch als Film mit Louis de Funès.
Die haben das geschickt gemacht und es im Theaterhaften belassen.
Standard: Haben Sie Anleihen bei Louis de Funès genommen?
Zeiler: Es gibt ein, zwei Momente in der Inszenierung, wo ich das machen
kann. Aber PeterLichts Harpagon ist ja ein Geiziger im
asketisch-philosophischen Sinn. Bei uns kippt Harpagon gar in eine Art
fernöstliche Erleuchtung, die bei Molière gar nicht vorkommt.
Standard: Die Komödie lebt von den Charakteren, das Drama von der
Handlung, sagt man. Was macht Ihren Harpagon also aus?
Zeiler: Ich bin ausstaffiert mit einem großen Pelzmantel, der
symbolisiert nicht nur Reichtum, sondern auch etwas Wildes und
Verlebtes, es ist ein Kojotenmantel, kein Hermelin. Ich habe eine
Glatze, die Kahlheit, Brutalität und Askese reinbringt. Die Figuren sind
- à la Commedia dell'Arte - in ihrer Maske stark gezeichnet.
Standard: Sie möchten mehr Film machen, habe ich gelesen. Fühlen Sie
sich nach der Titelrolle in Alexander Sokurows "Faust" im Film besser
aufgehoben?
Zeiler: Ich möchte sehr wohl den Schwung, der durch den Faust-Film
gekommen ist, nützen. Trotzdem ist aber das Theaterspielen für mich so
eine Art Wurzelbetreuung. Das Theater ist die Wurzel schlechthin. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe 22.2.2012)
Johannes Zeiler, 1970 in der Steiermark geboren, ist Theater- und
Filmschauspieler, jüngst mit einem Hang zu Titelrollen: Er gab im
Vorjahr den "Faust" in Alexander Sokurows gleichnamigem Film. Am
Schauspielhaus war er "Kreisky" und spielt dort nun den "Geizigen" nach
Molière.
Premiere am 23. 2.