Buchneuerscheinung

Ein Buch in unruhigen Gewässern

21. Februar 2012, 17:45
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    foto: frauke finsterwalder

    Lebt in Argentinien, vielleicht auch in Florenz: Autor Christian Kracht auf literarischer Weltreise.

Kokosnuss statt Koks: Christian Krachts neuer, skandalisierter Roman "Imperium" handelt von deutscher Kolonialgeschichte und einem Aussteiger, dessen Utopie scheitert

Wien - Wahrscheinlich hat es so kommen müssen, wie es jetzt kam. Seit seinem Romandebüt Faserland (1995), in dem Christian Kracht, Jahrgang 1966, einen zugedröhnten, betuchten Junior-Ästheten quer durch das Deutschland der Schönen und Leeren fahren ließ, lösen Krachts Bücher zuverlässig eine Diskussion über die Person des Autors aus.

"Bigger than life and twice as ugly" also, wie die Herren Kracht, Blessing, Nickel, von Schönburg und Stuckrad-Barre - man nannte sie damals noch Popliteraten - 1999 in ihrem Gesprächsband Tristesse Royale (1999) meinen. Und bald schon galt Kracht den einen als schnöseliger Dandy, anderen wiederum als Rechtsokkultist. Er lebe, hört man, in Argentinien oder in Florenz - vielleicht.

Auch literarisch befindet sich Kracht auf Weltreise. Seinen Roman 1979 (2001) lässt er zur Zeit der Iranischen Revolution spielen und in Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008) fährt Lenin nicht aus dem Schweizer Exil nach St. Petersburg, sondern macht die bolschewistische Revolution gleich bei den Eidgenossen, die zur Weltmacht aufsteigen. Was offenbar keine gute Idee war, denn Kracht skizziert ein Crash-Europa, in dem seither ein 100-jähriger Krieg tobt.

Erstaunlicherweise wurde der Roman trotz aller aufgesetzten Landserlakonik und Stechschrittromantik für seine "stahlgehärtete Sprache" gelobt und in den Feuilletons wohlwollend aufgenommen. Dafür ging es nun bei Krachts neuem Roman Imperium (Kiepenheuer & Witsch) schon vor dessen Erscheinen rund. Was auch damit zu tun hat, dass sich Kracht dem verminten Gelände der deutschen (Kolonial-)Geschichte zuwendet.

Zunächst blieb es an Deck des Literaturbetriebs allerdings ebenso ruhig wie auf dem Dampfer, der Krachts Hauptfigur August Engelhardt zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Neupommern (heute ein Teil Papua-Neuguineas) im Pazifik schippert. Was anschließend im Roman Imperium geschieht, ist schnell erzählt. Wie der reale August Engelhardt (1875-1919), ein Apothekergehilfe, Vegetarier und Nudist, der aus naheliegenden Gründen das prüde Wilhelminische Deutschland verlässt, schickt sich auch Krachts Romanfigur Engelhardt an, im Pazifik der Utopie des Kokovorismus (er ernährt sich von Kokosnüssen) zu frönen und als Kokosnuss-Apostel einen Sonnenorden zu gründen. Natürlich mit fatalen Folgen: Er stirbt unterernährt, geistig umnachtet und vereinsamt auf seiner Kokosnussplantage. Im Gegensatz zum realen Engelhardt überlebt Krachts Figur, die im Roman vom Philo- zum Antisemiten wird, auch den zweiten großen Krieg. Im neuen, amerikanischen Imperium wird Engelhardt bei Kracht schließlich zum Hot-Dog-Esser.

Ein Platz an der Sonne

Der Roman, zu dem Elfriede Jelinek einen Klappentext beisteuerte, wurde euphorisch besprochen und ob seiner den "Platz-an-der-Sonne-Kolonialismus" auf die Schippe nehmenden Ironie gelobt. Tatsächlich ist der Roman von der Erzählhaltung her avanciert gemacht. Ein allwissender, das Geschehen stets kommentierender Erzähler ist mit allen Wassern gewaschen und wechselt vom Imperfekt im Verlauf des Buches mehr und mehr in die Gegenwartsform. Das Buch endet in einem " immerwährenden Präsens" und thematisiert so - auch - die Wiederkehr des Ewiggleichen.

Und weiter? Dann schrieb der Publizist Georg Diez, ein (ehemaliger?) Verlagskollege Krachts, im Spiegel eine Kritik, in der er Kracht als Edelrassisten, Demokratiefeind und "Türsteher der rechten Gedanken" zu outen versucht. Uninteressant ist Diez' Verriss in jenen Passagen, in denen er Autor mit Erzähler gleichsetzt und Kracht einige Überblendungen der Figur Engelhardt mit einer anderen Person der deutschen Zeitgeschichte - einem Oberlippenbart tragenden gescheiterten Künstler mit Größenwahn - vorwirft. Die anschließende Feuilleton-Diskussion verlief noch fruchtloser als bei den letzten "Skandalen" um Martin Walser ("Auschwitzkeule") und Christa Wolf (Stasi-Mitarbeit), die sich ebenfalls um das Verhältnis von Autoren zu totalitären Systemen drehten.

Interessant wird Diez' Kritik aber in einem zweiten Strang, den er unseligerweise mit der Imperium-Kritik verknüpft. Diez befasst sich mit der bislang unbeachteten 2011 erschienenen Schrift Five Years (Wehrhan Verlag), die den Mailverkehr zwischen Kracht und dem amerikanischen Künstler David Woodward dokumentiert.

Woodward und seine Obsession für totalitäre Ästhetik sind bekannt, so geht es im Mailwechsel unter anderem um die Restauration der Siedlung Nueva Germania, die Ende des 19. Jahrhunderts von einer völkisch orientierten Gruppierung in Paraguay gegründet wurde. Zuweilen tauscht man sich auch darüber aus, wie man die Samen der nordkoreanischen Pflanze Kimjongilia beschaffen könnte. Zu vielem, was Woodward schreibt, schweigt sich Kracht aus, nur einmal - der Amerikaner bietet für Krachts Magazin Der Freund ein Porträt des Holocaustleugners Ernst Zündel an -lehnt Kracht mit der Begründung ab, es handle sich um ein "zionistisches Magazin".

Länger schon kokettiert Kracht mit einer von ihm wahrscheinlich für exzentrisch gehaltenen Anti-Political-Correctness-Haltung. Am Image eines Zeitgeschichte ästhetisierenden Autors hat er mitgebastelt, und es ist erstaunlich, dass er nun sehr "bedrückt" seine Deutschland-Lesereise absagt. Inzwischen hat sich Krachts Verleger Helge Malchow im Spiegel zu Wort gemeldet. Es gelte zu betonen, schreibt er, "dass dieser Erzähler alles ist - nur nicht Christian Kracht." Damit ist über das Niveau der Debatte alles gesagt. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe 22.2.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 36
1 2
Pyg Malia
02
22.2.2012, 19:00
Georg Diez

ist ein sprachlich und gedanklich uninspirierter Feuilletonist, der in Deutschland von einem Magazin zum anderen taumelt. Das ihn keine(r) hält, wundert mich nicht. Der von ihm verfasste Band über Martin Kusej in der "Edition Burgtheater" war so quälend zu lesen, das ich ihn beiseite legen musste. Die Beweisführung gegen Kracht im Spiegel ist von ähnlich plattem, reisserischem Niveau.

boquitas pintadas
 
21
22.2.2012, 14:15
kann mir bitte jemand die Begriffe

Landserlakonik und Stechschrittromantik erschliessen? bei mir stellt sich keine assoziative Kette ein, welche spezielle Lakonik bzw. Romantik ist da gemeint?

lessismore
00
23.2.2012, 19:41

Cf. Klaus Theweleit, "Männerphantasien".

readymate
22
22.2.2012, 16:06
Sie müssen halt

Ihrer Phantasie und Ihrem Assoziationsvermögen mehr freien Lauf lassen, sonst werden S' nie über Kochbücher hinauskommen...!

.

Kontrahent1
01
22.2.2012, 14:10
'Deutsche Kolonialgeschichte'?

Das wird aber ein dünnes Bändchen!

Sabellicus
11
22.2.2012, 11:09
Schade,dass wieder eine interessante Geschichte (die der Kokovoren) verloren gegangen ist...

Die Geschichte von August Engelhardt und seinen "Jüngern" wäre eine tolle Vorlage, um wie z.B. bei "Herr der Fliegen" in Form eines klaustrophobischen Kammerspiels den Zusammenprall von Idealismus, Ideologie und Machtmißbrauch zu porträtieren. Leider ist dieser Ansatz m.A.n. zugunsten einer Verkaufszahlen-steigernden Polemik geopfert worden. Allerdings braucht es nicht viel, um zu wissen, dass die deutsche Presse auf solche Themen mit einem (vor dem historischen Background nachvollziehbaren) Beißreflex reagiert. Um sich solchen Inhalten zu widmen, muss mann oder frau als AutorIn wirklich etabliert und über jeden Zweifel erhaben sein. Kracht ist das nun leider nicht. So war es eigentlich nur logisch, dass das Buch scheitern musste.

Der Vater Staat
32
22.2.2012, 10:39
Kracht im SPIEGEL

Ja, die Kritik im SPIEGEL war nicht so der Hit, handwerkliche Fehler und ziemlich platt. Kracht dürfte trotzdem ein verblasener Kotzbrocken sein, der mit bräunlicher Provokation kokettiert ... in erster Linie ist er ein schlechter, manieristischer Autor.

byronlord
00
23.2.2012, 16:01

für so viel antipathie ziemlich wenig argumentation, aber ok, dann taxieren wir jetzt die autoren nach ihrer politischen couleur...

unkenrufe
22
22.2.2012, 08:49
ein lars von trier der literatur?

interessant wäre es dann zu beobachten, welche entwicklung der autor im fall eines tatsächlichen politischen rechtsrechtsrucks einnimmt. von vorneherein unterstellen würde ich ihm nichts.

luquas
03
22.2.2012, 05:40

Na, jetzt wird er sich doch einen vernünftigen Friseur leisten können ;-)

Liebe Österreicher und Österreicher
01
22.2.2012, 02:45
unterhaltsam

immer wieder unterhaltsam, dem Fühljeton zuzusehen, wenn es einen krachten lässt.
Dass es dabei "dufte!" zugeht, Ehrensache!

dd_san
62
22.2.2012, 00:41

Diez' Kritik im Spiegel ist durchaus nachvollziehbar. Er stellt nicht nur Krachts neuen Roman, sondern sein gesamtes Werk in Betracht und fragt sich, was diesen Autor wohl bewegt, dauernd solcherart Themen zu bedienen. Über den E-Mail-Verkehr mit Woodard versucht er sich ein Bild zu machen. Auch wenn man vielleicht nicht alle Schlüsse gutheißen kann, wirft es trotzdem ein fahles Licht auf den Autor.
Warum Kracht wohl diese braun-faschistischen Themen so faszinieren? Warum ist er so dünnhäutig und stellt sich der Diskussion nicht? Und warum stellt sich ausgerechnet eine ganze Armada an linker Literatur-Schickeria auf seine Seite, für die ansonsten alles was nach Ewiggestrig riecht aber gleich sowas von Wäh ist?

byronlord
00
22.2.2012, 08:48

an welchem punkt ist diez' kritik für dich nachvollziehbar?

dd_san
00
22.2.2012, 13:54

An diesem Punkt: An Krachts Faszinosum für Totalitäres, Militaristisches und Faschistisches ...

byronlord
02
22.2.2012, 15:51

also sollte solche themen für autoren tabu sein? man sollte faszination eben nicht mit affirmation verwechseln. das hat diez getan und du eben auch.

dd_san
00
23.2.2012, 10:55

Zwischen Faszination und Affirmation ist mir die Trennlinie zu dünn ...

byronlord
01
22.2.2012, 00:31

kracht ist ein grandioser autor und für meinen geschmack gegenwärtig wohl der spannendste.
was hier als "skandal" hochgebetet wurde, war in tat und wahrheit nur die wohltemperierte hysterie der journaille. die einzige, unsägliche gegenstimme stammt von diez. alle anderen haben einerseits nicht ungern und andererseits mit gutem grund darauf heftig reagiert.
kracht mit rechtem gedankengut zu assoziieren, nur weil er sich ästhetisch (und eben nicht ethisch-moralisch) mit solchen themen auseinandersetzt, ist, als würde man den großen diktator von chaplin als rechtslastig taxieren.

Yukio Wakizashi
02
21.2.2012, 21:07

Wenn man nicht einmal den Namen von David Woodard richtig schreiben kann, dann ist ueber das Niveau dieses Artikels auch schon einiges gesagt.

YW

Bürger Europas
02
21.2.2012, 20:40
Mir alles egal.

Ich lese das Buch und finde es bis jetzt nicht schlecht.
https://www.amazon.de/dp/346204... K6A35EA71&

From the Balcony
00
21.2.2012, 19:35
hmm, (Marc Buhl) Das Paradies des August Engelhardt

hab ich gelesen ist die gleiche Geschichte ?

Marc Buhl hat dem Nudisten, Lebensreformer und Kokosnussverehrer August Engelhardt mit diesem Roman ein würdiges Denkmal gesetzt....

http://www.perlentaucher.de/buch/36488.html

Storyteller
01
22.2.2012, 08:05

Ja, die propagierte Kokovorie Engelhardt's. Leider musste er immer wieder nicht kokovor zwangsernährt werden. Aber was für ein schöner schrulliger Aussteigertraum das ist.

byronlord
00
22.2.2012, 00:34

kracht bezieht sich auf dieselbe historische person des august engelhardt, nimmt sich aber die freiheit davon abzuweichen.

From the Balcony
00
22.2.2012, 01:00

marc buhl weicht natürlich auch von der historischen person / geschichte ab.
hab es nur interessant gefunden das 2 autoren zur gleichen zeit ein bucht über die gleiche person geschrieben haben.
werd es auch lesen, bin schon gespannt...

(°)(°)
20
21.2.2012, 19:28
Die richtige Version der Geschichte:

"Das Paradies des August Engelhardt" von Marc Buhl.

byronlord
10
22.2.2012, 00:36

wenn du was "richtigeres" suchst, bist du bei marc buhl sicher richtig. sprachlich aber kein vergleich zu krachts genialer, affektierter umsetzung.

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