Die Guten und die Bösen - ein Mienenspiel

26. Februar 2012, 18:56
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Hollywood-Star, Märchenonkel oder lieber Wüstenfürst: Politiker spielen mitunter gerne ein bisschen Theater - Zwei Ausstellungen in Wien widmen sich den inszenierten Fotografien von Spitzenpolitikern

Wien – Handys und Fotoapparate werden hochgestreckt, die Auslöser klicken, es wird nach Autogrammen gejagt. Wenn die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ein Bad in der jubelnden Menge nimmt, bedeutet das vor allem eines: Ich bin dem Volk nahe, die Menschen mögen mich. Als oberste Repräsentantin der Plebs muss sie trotzdem auf das Leid und die Probleme des kleinen Mannes eingehen. Wer zu abgehoben wirkt, wird durch Abwahl bestraft.

Merkels Bad in der Menge dient genauso wie das Familienfoto oder das Bei-der-Arbeit-Foto der Selbstinszenierung von Politikern. Fotos sind ein – wenn nicht sogar das mächtigste – Medium der Macht. Alles nur Theater? Wohl kaum, denn Fotos, auf denen Politiker gezeigt werden, haben eine Aussage und lassen sich in schlagkräftige Argumente wie "Ich bin sportlich, intellektuell, humorvoll ..." übersetzen. Angela Merkel ist bekannt dafür, dass nur jene Bilder die Öffentlichkeit erreichen, die die deutsche Kanzlerin nicht in unvorteilhaften Szenen zeigen.

Dem russischen Premierminister Wladimir Putin kann es hingegen gar nicht freizügig genug sein: Seinen durchtrainierten Oberkörper stellte er zur Schau, als er 2007 Tarnhosen tragend beim Angeln abgelichtet wurde. Damit suggeriert er Stärke und Macht. Putin ist ein Mann der Taten, der auch zupacken kann. Er kann aber auch den lieben Onkel geben und mit Kindern Ski fahren oder – ganz yankeelike – auf einem Pferd den harten Cowboy markieren. Das Porträt hingegen, das der britische Fotograf Platon Antoniou (geb. 1968) von Putin aufnahm, lässt den Betrachter erschaudern. Kalt und ausdruckslos starrt der russische Premier auf das imaginäre Gegenüber. Sein undurchdringlicher Blick hält allem Stand - vermutlich ein Erbe seiner Zeit beim KGB. Dieses Foto prangte auf dem Cover des Time Magazine und ist jetzt als eines von 50 Politikerporträts in der Ausstellung Platon. Gesichter der Macht bei Westlicht erstmals in Österreich zu sehen. Bewaffnet mit einer Mittelformatkamera, lichtete der griechischstämmige Fotograf Platon die Mächtigen des Weltparketts ab. Neun Monate Überzeugungsarbeit und eine Spezialerlaubnis später durfte er fünf Tage lang die Konterfeis von mehr als hundert Staats- und Regierungschefs fotografieren. Für den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez hatte er gerade einmal 15 Sekunden Zeit. Andere nehmen sich gerne einen Moment, um sich gekonnt in Szene zu setzen. Silvio Berlusconi etwa grinst, geübt wie ein Hollywood-Star, in die Kamera. Die großformatigen Bilder brillieren durch ihre Nähe zum Objekt: Man sieht jede Pore auf der Haut, kein Fältchen bleibt verborgen.

Der Mensch im Völkermörder

Platon schuf eine einmalige Porträtreihe, die jedoch polarisiert: Neben europäischen Regierungschefs wie Zapatero oder Bundespräsident Heinz Fischer finden sich auch Völkermörder wie der simbabwische Präsident Robert Mugabe oder der vergangenen Oktober getötete Wüstenfürst Muammar al-Gaddafi. Platon wollte hinter die Fassade blicken – egal ob gut oder böse – indem er das Menschliche in den Politikern suchte. Darf man demnach fragwürdige Alleinherrscher mit einem zarten Lächeln darstellen? Der iranische Präsident Ahmadi-Nejad wirkt auf dem Foto nicht wie einer, der die Auslöschung Israels fordert, sondern wie einer, der seinen Enkeln Märchen vorliest. Platon verteidigt das Bild. Es wäre zu einfach gewesen, ihn als Diktator darzustellen. Das Kunsthaus Wien verfolgt einen ähnlichen Ansatz und rückt mit der Ausstellung Head 2 Head. Politik und Image Wahlplakate aus einem Jahrhundert in den Mittelpunkt: Darunter Kennedys "A Time for Greatness" aus dem Jahr 1960 oder Obamas populäre "Change"-Kampagne 2008. Die Botschaft ist eindeutig: Wählt mich! Nur selten sind Wahlplakate und Porträts authentisch – mit Ausnahme von Wladimir Putins Agentenblick. (Michael Ortner, DER STANDARD/Printausgabe 22.2.2012)

"Platon. Gesichter der Macht", Westlicht, bis 22. 4.; "Head 2 Head", Kunsthaus Wien, ab 8. 3.

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Ausstellung: Gesichter der Macht – Staats- und-Regierungschefs vor der Kamera

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    foto: platon / westlicht

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    foto: platon / westlicht

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  • und Südafrikas Jacob Zuma.
    foto: platon / westlicht

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