Sarkozy, rechtsumkehrt

Blog21. Februar 2012, 14:35
1 Posting

Der französische Präsident geht auf Konfrontation, um die Rechtswähler zurückzuerobern. Doch damit tritt er nur in die Falle, die er sich selber gestellt hat

Mit dem Rücken zur Wand stehend, kehrt Nicolas Sarkozy den Hardliner heraus - im Ton wie in der Sache. Seinen sozialistischen Rivalen François Hollande bezichtigt er regelmäßig als "Lügner". Seinen Innenminister Claude Guéant lässt er über die Überlegenheit der westlichen Zivilisation sinnieren. Dazu schlägt er zwei Volksabstimmungen vor, um Arbeitslose zur Annahme von Jobangeboten zwingen und Ausländer leichter abschieben zu können.

Der dezidierte Schwenker nach rechts hat zum Ziel, die Wähler von 2007 zurückzugewinnen und den Front National in Schranken zu halten. Ein Schwenker mehr für Sarkozy. Kaum ist er vom Sockel des Präsidenten gestiegen und einfacher Kandidat geworden, spielt er sich als Populist auf, der "das Volk gegen die Eliten" (so bei seinem letzten Wahlauftritt in Marseille) verteidigt. Zum Establishment zählt er nicht etwa sich selbst, sondern die Gewerkschaften - deren Sukkurs er jahrelang gesucht hatte. Noch früher, zu Beginn seines Mandats, hatte er sich auf die Seite der Unternehmer und Spitzenverdiener geschlagen. Dann predigte er plötzlich Marktregulierung und die "Neuordnung des Kapitalismus", bis ihn sogar Hugo Chávez im Klub der Sozialisten willkommen hieß. Eine Weile fand Sarkozy Gefallen am Umweltschutz, doch bald vergaß er die versprochene CO2-Steuer wieder.

Die politische Sprunghaftigkeit des Präsidenten ist bekannt. Auffällig ist höchstens noch die Unverfrorenheit, mit der er seine Positionen wechselt. Mit einem fast schon unerhörten Culot warf 57-jährige Gaullist in Marseille nicht sich selbst, sondern Hollande vor, ständig "das Gegenteil vom Vortag" zu predigen. Wie der Mittepolitiker François Bayrou darauf sagte, folgt Sarkozy offenbar dem französischen Ausdruck "plus c'est gros, plus ça passe" - je dicker man es bringt, desto eher geht es durch.

Heute hat Sarkozy aber ein Problem: Ça ne passe plus. Die Leute glauben ihm nicht mehr. Sie vertrauen ihm nicht mehr. Und das ist wohl das Verheerendste für einen Politiker, der sich zur Wiederwahl stellt.

Nur der Präsident selbst scheint das noch nicht gemerkt zu haben. Man muss schon ein politischer Autist ersten Grades sein, um zu übersehen, wie müde es die Franzosen sind, jede Saison einen "neuen" Präsidenten zu erleben - häufiger als der "Beaujolais nouveau" im November.

Diese Blindheit für die Stimmung im Land hat bei Sarkozy charakterliche Gründe - seine narzistische Selbstüberschätzung, aber auch seine innere Zerrissenheit. Jacques Chirac war ebenfalls Gaullist, das heißt er hatte auch eine rechts-autoritäre und eine links-soziale Ader - und dazu das Talent, von einer zur anderen zu hüpfen. Doch er verhehlte das gar nicht, er meinte vielmehr mit entwaffnender Offenheit: "Nur die Dummen ändern nie ihre Meinung." Sarkozy möchte hingegen die Welt (und sich selbst) davon überzeugen, dass er felsenfeste Prinzipien und Weltanschauungen hat - auch wenn er sie häufiger als das Hemd wechselt.

Die Franzosen nahmen ihm dies jahrelang ab, denn Sarkozy kann sehr überzeugend sein. Doch jetzt verfängt seine Masche nicht mehr. Seine ewigen Kurswechsel wecken nur noch Kopfschütteln und Ablehnung, und bei jedem neuen Versprechen, das der Präsident seiner Wählerschaft macht, kommt das Echo zurück: Warum hast du das nicht schon während der fünf Jahre im Elysée gemacht?

Sarkozy sitzt damit in der eigenen Falle: Tut er nichts, bleibt er abgeschlagen; unternimmt er etwas, wird er nicht mehr ernstgenommen.

Wird dem Zampano im Elysée dagegen noch etwas einfallen? Retten kann ihn nur noch eine richtige Heldentat. Keine bloße Maulheldentat. (derStandard.at, 21.2.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sarkozy bei einer Wahlkampfveranstaltung in Marseille.

Share if you care.