Aus und vorbei mit dem Atatürk-Turnen

21. Februar 2012, 10:13
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Die türkische Regierung hat die Schülerdarbietungen zum Jugend- und Sporttag am 19. Mai gestoppt. Ein kemalistischer Abgeordneter klagt nun

Die heiße Phase wäre jetzt losgegangen. Knapp drei Monate noch bis zum großen Turnen, Exerzieren, lebende Nationalfahne bilden, jeder ein Pünktchen im großen roten Meer des Blutes. So ist das am Atatürk-Gedenktag der Jugend und des Sports am 19. Mai, oder vielmehr so war das seit 1938, und jetzt ist Schluss. Die Ausgabe 2011 war die letzte nationale Leibesübung aller Schüler im Land, so hat das Bildungsministerium abrupt dekretiert. Die Begründung im Rundschreiben an die Schulen: Kühles Wetter in den Monaten vor dem Feiertag führt zu vermehrten Krankheitsfällen unter den Schülern, die für die Darbietungen proben, lenkt die Schüler vom Unterricht ab und schafft Probleme zwischen Schulen und Eltern, deren Kinder Unwillen zeigen, an den Veranstaltungen teilzunehmen.

„Heiße Phase“ ist angesichts des angeführten Temperaturproblems also irreführend, aber so ist auch das Rundschreiben aus dem Ministerium in Ankara. Ein bisschen frische Luft und Bewegung haben ja noch keinem Schulkind geschadet. In Wirklichkeit geht es natürlich um die Ausmottung kemalistischer Sitten und Gebräuche in der Türkei. Um keine neuen Protestschreiben offizieller türkischer Stellen zu produzieren, die man dann wieder beantworten muss, wollen wir im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 19. Mai keinen Vergleich mit den Stadienveranstaltungen eines bestimmten fernöstlichen Landes bemühen oder auf den choreografischen Geist hinweisen, der den 1930er- und 1940er-Jahren eigentümlich ist. Nur so viel: Es ist die regierende konservativ-muslimische AKP, die in der Türkei nun als erste in der Lage war, den Vorhang über das nationale Kollektiv-Turnen fallen zu lassen. Und nicht allein das – im Zuge dieser gesellschaftlichen Demilitarisierung ist auch der Schulunterricht in „nationaler Sicherheit“ durch Offiziere abgeschafft worden.

Selbstverständlich hat sich ein Parlamentarier der kemalistischen CHP gefunden, der das nun ausjudizieren lässt. Namik Havutça heißt er, Abgeordneter aus Balikesir im Westen der Türkei, und klagte vor dem obersten Verwaltungsgericht. Man mag sich nicht vorstellen, was passiert, wenn die Richter noch vor dem 19. Mai zu einer Entscheidung finden, die besagt, dass die Annullierung des Jugend- und Sporttags so etwas von unrechtmäßig war: Alle wieder raus aus den Klassenzimmern, rote und weiße Trikots anziehen, auf dem Rasen recken, strecken, wie aufgezogen hin- und herschießen...

Quelle: Youtube

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