Blume nach 31.800 Jahren zum Blühen gebracht

20. Februar 2012, 21:06
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Forscher brachten urzeitliche, in Permafrost konservierte Pflanzen aus dem Jungpleistozän zum Blühen

Washington/Wien - Rund ein Sechstel der weltweiten Landfläche der Erde - das sind 22 Millionen Quadratkilometer - besteht aus Permafrost. Das bedeutet definitionsgemäß, dass der Boden zumindest über zwei Jahre hinweg durchgehend Minustemperaturen aufweisen muss. In Regionen wie Sibirien sind solche Boden freilich schon seit Tausenden von Jahren vereist und bewahren so manche tierischen oder pflanzlichen Überreste in erstaunlich alter Frische.

Einer der führenden Forscher, der mit neuen Methoden den Permafrost unsicher macht, ist der Däne Eske Willerslev. Er hat Methoden entwickelt, um die in gefrorenen Knochen oder Haaren konservierte DNA zu entschlüsseln, und auf diese Weise unter anderem einen 4500 Jahre alten Grönländer genetisch rekonstruiert. Zudem laufen Bemühungen, aus gut erhaltener Mammut-DNA zottelige Riesen zu klonen und wiedererstehen zu lassen.

Bei einem mehr als 30.000 Jahre alten Pflänzchen ist nun genau das gelungen, wie ein russisches Forscherteam im Fachblatt "PNAS" berichtet. Die Wissenschafter um Svetlana Yashina von zwei Instituten der Russischen Akademie der Wissenschaften in Puschtschino (südlich von Moskau) bargen das Ausgangsmaterial für ihre spektakuläre Wiederbelebung in unterirdischen Höhlen, die vor rund 32.000 Jahren von Erdhörnchen gegraben wurden und als Futterversteck genutzt wurden.

Diese Höhlen liegen 38 Meter unter der Erdoberfläche; die Temperatur des Bodens dazwischen liegt bei minus sieben Grad Celsius - und das recht konstant seit Tausenden von Jahren. Aus den Pflanzenarten, die in den Höhlen gefunden wurden und die von den Erdhörnchen gesammelt worden waren, wählten die Forscher die Art Silene stenophylla aus, die zur Gattung der Leimkräuter gehört.

Die Forscher entnahmen aus noch unreifen Früchten der Pflanze embryonales Gewebe und entwickelten im Labor daraus zunächst kleine Setzlinge. Diese pflanzten sie ein. Zum Vergleich züchteten sie auch aus den Samen von heute lebenden Pflanzen der gleichen Art Nachkommen.

Die erste Generation der Pflanzen, die aus den Samen der zum Leben erweckten S. stenophylla erzeugt wurde, machte alle Entwicklungsschritte ihrer Mutterpflanzen durch und zeigte auch die gleichen äußerlichen Eigenschaften. Ihre Gestalt allerdings unterscheide sich deutlich von heute vorkommenden Versionen von S. stenophylla.

Depot uralter Lebensformen

Die wiedererweckten Pflanzen aus dem sogenannten Jungpleistozän, das vor 126.000 begann und vor 11.700 Jahren endete, sind die zurzeit ältesten bekannten mehrzelligen Organismen des Planeten, schreiben die Forscher in ihrem Artikel und weisen auf die weitreichende Bedeutung ihres Experiments hin.

Yashina und ihre Kollegen betonen zudem, wie bedeutend Permafrostböden als Depots für Leben seien, das längst von der Erde verschwunden schien. Sie verweisen zudem darauf, dass es neben Sibirien auch in Alaska ganz ähnliche Bedingungen gebe, die weitere uralte Lebensformen konserviert haben könnten. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2012)

  • S. stenophylla, der älteste Organismus des Planeten.
    foto: yashina

    S. stenophylla, der älteste Organismus des Planeten.

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