Joachim Gauck ist Merkels Meisterwerk

Kommentar der anderen20. Februar 2012, 19:19
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Warum die Kanzlerin Grund hat, sich ins Fäustchen zu lachen: Bald wird der konservativste Bundespräsident gewählt, den Deutschland je hatte - Von Malte Lehming

Oh ja, mein ist die Rache, spricht Angela Merkel. Der Schalk sitzt ihr im Nacken, und sie lacht sich ins Fäustchen. Joachim Gauck als Bundespräsident! Das ist genial. Und ein Triumph. Dass nun der eine oder andere denken mag, sie hätte vor zwanzig Monaten aufs falsche Pferd gesetzt, sei reumütig und klein - geschenkt.

Gauck ist Merkels Meisterwerk. Aktiv unterstützt von SPD und Grünen, wird bald der konservativste Bundespräsident gewählt, den Deutschland je hatte. Überdies kann die Kanzlerin, die geschickt die Legende hatte verbreiten lassen, bis zum Schluss quasi gegen ihn gewesen zu sein, ihr Hände, bei allem, was passiert, in Unschuld waschen. - Erinnern wir uns: Nach dem überraschenden Rücktritt von Horst Köhler war damals zunächst die Springer-Presse (Welt) mit dem Namen Gauck vorgeprescht, gefolgt von Spiegel und FAZ. Dann sprang Jürgen Trittin auf den fahrenden Zug, gefolgt von Sigmar Gabriel. Gemeinsam brachten sie Merkel in die Bredouille: Soll sie, trotz eigener Mehrheit in der Bundesversammlung, dem Vorschlag der Opposition folgen? Sie entschied sich, um diese Peinlichkeit zu vermeiden, für Christian Wulff. Das war ein Fehler, wie man heute weiß.Doch jetzt macht sie diesen Fehler nicht nur rückgängig, sondern quält gleichzeitig die Opposition. Denn SPD und Grüne kommen von Gauck nicht mehr runter. Das wissen sie auch, jedenfalls tun sie so, obwohl den Öko-Sozen bei dem bloßen Gedanken an die erste große Rede des konservativen, freiheitsliebenden, tiefgläubigen Antikommunisten die Beine vor Panik schlackern und ihnen der kalte Schweiß übers Gesicht läuft. Sie hatten es ja damals gar nicht ernst gemeint, wollten nur Merkel ein bisschen piesacken. Insgeheim wussten sie immer, dass Gauck zu ihnen passt wie Sprengstoff zum Zünder.Nun fliegt der Bluff auf, Merkel sei Dank. Und Gabriel und Trittin lernen am eigenen Leib die Weisheit des Sprichworts kennen: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.Im vergangenen Oktober, als weltweit Hunderttausende gegen die Macht der Märkte auf die Straßen gingen und die "Occupy"-Bewegung von sich reden machte, trat Gauck bei einer Veranstaltung der Zeit in Hamburg auf. Die Antikapitalismusdebatte sei "unsäglich albern", sagte er, sprach von "Irrtum" und "romantischen Vorstellungen". Mit Blick auf die Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 warnte er vor einer Protestkultur, "die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht". Auch den Ausstieg aus der Atomkraft nach Fukushima sah er kritisch. Solche Entscheidungen dürfe man nicht von der "Gefühlslage der Nation" abhängig machen. Die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst sei " abscheulich".Ja, so kennt man den Pastor und Bürgerrechtler. Gauck beklagt sich über "eine vor 20 Jahren nicht vorstellbare antikapitalistische Welle in Deutschland", steht als Transatlantiker stets eng an der Seite der USA, setzt sich für die Vertriebenen und den Afghanistankrieg ein, schimpft auf die Montagsdemos gegen Hartz IV (" töricht und geschichtsvergessen"), sagt nach der Finanzkrise: "Wer ausgerechnet der Wirtschaft die Freiheit nehmen will, wird mehr verlieren als gewinnen." Und zur Integrationsdebatte: "Es gibt Viertel mit allzu vielen Zuwanderern und allzu wenigen Altdeutschen". Thilo Sarrazin attestierte er im Übrigen viel Mut.Das sind doch eindeutig prägnantere Formulierungen als "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland". Da sage noch jemand, die Bundespräsidentenposse sei beendet. Sie fängt gerade erst an! Und sie fängt an, richtig interessant zu werden. (Malte Lehming/DER STANDARD Printausgabe, 21.2.2012)

Malte Lehming ist leitender Redakteur beim Berliner "Tagesspiegel", in dem dieser Text zuerst erschienen ist.

  • "Ohrfeige für Merkel" oder "Triumph"? - Die journalistischen Lesarten 
der Nominierung Joachim Gaucks (links) für das Bundespräsidentenamt 
könnten unterschiedlicher kaum sein.
    foto: epa/pedersen

    "Ohrfeige für Merkel" oder "Triumph"? - Die journalistischen Lesarten der Nominierung Joachim Gaucks (links) für das Bundespräsidentenamt könnten unterschiedlicher kaum sein.

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