"Hintertürchen" im Nationalparkgesetz

20. Februar 2012, 19:20
  • Die Glocknergruppe ist das Herzstück des Nationalparks Hohe Tauern. Ob ihr Schutz bis zum Erdmittelpunkt reicht, ist nur einer der strittigen Punkte in der Salzburger Landesregierung.
    foto: standard/neuhold

    Die Glocknergruppe ist das Herzstück des Nationalparks Hohe Tauern. Ob ihr Schutz bis zum Erdmittelpunkt reicht, ist nur einer der strittigen Punkte in der Salzburger Landesregierung.

Das Salzburger Nationalparkgesetz würde eine stärkere ökonomische Nutzung der Hohen Tauern ermöglichen, befürchten Naturschützer und SPÖ

Salzburg - Wie weit darf man den Nationalpark Hohe Tauern wirtschaftlich nutzen? Diese Kernfrage steht hinter einem aktuellen Disput zwischen Naturschutzbund und der ressortzuständigen Landesrätin Tina Widmann (ÖVP). Der Naturschutzbund verlangt in einem Schreiben an Widmann, jene von der Nationalparkverwaltung organisierten Schneeschuhwanderungen einzustellen, bei denen die Gäste mit Motorschlitten wieder ins Tal gebracht werden.

Widmann freilich denkt gar nicht daran: Das würde nämlich das Ende vieler "Naturerlebnisprogramme" bedeuten, mit denen die Menschen für die Nationalparkidee begeistert werden sollen.

Eine ähnliche Haltung zum Tourismus in Österreichs größtem Nationalpark offenbart Widmann auch im Entwurf für ein neues Nationalparkgesetz, mit dem die EU- Natura-2000-Richtlinie in das Gesetz aufgenommen werden soll. Neben dem Ziel des Naturschutzes sind auch ein Erhaltungs- und ein Bildungsziel gesetzlich festgeschrieben. Laut diesem Bildungsziel solle " einem möglichst großen Kreis von Menschen ein Naturerlebnis ermöglicht werden".

Schutz aufgeweicht

Kritik daran gibt es beispielsweise von Landesumweltanwalt Wolfgang Wiener. Scheinbar unauffällige Formulierungen würden den Schutz in den Kern- und Außenzonen aufweichen und eine intensivere touristische als auch landwirtschaftliche Nutzung ermöglichen.

Auch Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) kritisiert eine Reihe von Formulierungen in dem Entwurf. Vor allem im "Bildungsziel Naturerlebnis" sehen die Kritiker eine Aufweichung des Schutzes zugunsten des Tourismus. "Völlig aus der Luft gegriffen", sagt dazu Widmann. Wenn ein Bewilligungsverfahren eingeleitet werde, so müssten alle Zielvorgaben eingehalten werden - also auch der Naturschutz. Deshalb brauche es auch keine Prioritätenreihung der Schutzziele.

"Öffentliches Interesse"

Allerdings erregt auch ein Passus, der die Außenzonen des Nationalparks betrifft, das Misstrauen der Naturschützer und der SPÖ. Demnach liege die Erhaltung der Biodiversität durch eine "nachhaltige land- und forstwirtschaftliche Nutzung im öffentlichen Interesse". Damit könnte mehr landwirtschaftliche Nutzung in den Außenzonen möglich werden, so die Befürchtung.

Die Formulierung "öffentliches Interesse" sei in der Naturschutzwelt negativ belastet, sagt dazu Nationalparkdirektor Wolfgang Urban. Viele Projekte seien ja mit dem Argument des öffentlichen Interesses trotz einer Verletzung der Naturschutzbestimmungen durchgesetzt worden.

Unterirdischer Schutz

Ebenfalls strittig ist der unterirdische Schutz der 805 Quadratkilometer Nationalpark auf Salzburger Boden - quasi von der Oberfläche bis zum Erdmittelpunkt. Eine Tunnelbahn, wie sie etwa von Bad Gastein auf das Schareck geplant war, wäre damit nicht mehr umsetzbar.

Burgstaller will genau diesen Punkt aber noch mit dem Koalitionspartner ÖVP verhandeln. "Burgstaller möchte sich ein Hintertürchen für die Stollenbahn offenlassen", kritisiert Widmann ihrerseits den Versuch der Landeshauptfrau, den Nationalparkschutz aufzuweichen. (Thomas Neuhold und Stefanie Ruep, DER STANDARD-Printausgabe, 21.2.2012)

Share if you care
10 Postings
Nationalpark

Take only pictures!

Leave only footprints!

Das würde nämlich das Ende vieler "Naturerlebnisprogramme" bedeuten

Der Wirtschaft ist keine Ausrede zu blöd. Wer es nicht schafft selbst irgendwo hinaufzugehen, der sowieso im Dorfwirtshaus besser aufgehoben. Motorschlitten haben in einem Nationalpark absolut nicht's verloren.

besonders in nationalparks sollte das prinzip "by fair means" gelten. mit motorschlitten abholen lassen passt da überhaupt nicht dazu und sollte umgehend abgestellt werden.
demnächst lasse ich mich dann auch vom glockner mit dem hubschrauber abholen weil ich verschlafen habe.

Naja der Name "NationalPARK"...

...impliziert ja schon eine Nutzung und Erschließung als Park. Unter gewissen Voraussetzungen, die man disktutieren kann, aber die Erschließung von Naturerlebnissen durch Motorisierte Fahrzeuge gehört meines Erachtens in einem kontrolliertem Umfang schon auch dazu. Was anderes wäre es, wäre das Gebiet als "Naturreservat" ausgewiesen.

Wobei zB ein WindPARK (eine Ansammlung von Windkraftanlagen) nichts mit einem "Park" zutun hat.

Sehen Sie sich mal an, was in der Wikipedia unter "Park" zu lesen ist.

Ein Windpark trifft zwar im übertragenden Sinne auch irgendwie zu, aber Worte haben in userer Sprache halt nicht immer nur eine einzige Bedeutung.

Nationalparks haben weltweit eines Gemeinsam: Schöne Fleckchen Erde, die man der Allgemeinheit nicht vorenthalten will, aber deren Zerstörung durchbestimmte Schutzmaßnahmen verhindert werden soll. Mit naturbelassen, unberührten Naturrefugien haben sie meist wenig gemein. Fast immer sind Nationalparks entsprechend bewirtschaftete Touristenattraktionen.

Diese werden entsprechend erschlossen, auch motorisiert. Ist auf der ganzen Welt üblich - kann man natürlich kontrovers diskutieren.

Die Seilbahn auf das Schareck scheiterte an den Windböen.

Die Stollenbahn sollte kein Risiko darstellen.

Ohne selbstgebastelte Heizlüfter ganz sicher!

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

böse

;)

In eine Stollenbahn ...

... bringt mich sowieso keiner freiwillig, nachdem ich mal die Zugspitzbahn wider besseres Wissen erlebt habe: Fluchtmöglichkeit nullkommanull.

Mit dem Skidoo ins Tal zu donnern geht neuerdings als "Naturerlebnis" durch?
Hübsch hässlich.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.