Kartnig im Kloster und Hochegger im Interview
Gar so eindringlich hätte "Der Standard" seinen Leserinnen und Lesern in
der Montag-Ausgabe auch nicht vorenthalten müssen, dass der von ihm als
"gesucht" gemeldete künftige deutsche Bundespräsident bereits gefunden
war. In einem Übermaß spirituellen Vertrauens, an dem es anderen
Blättern leider mangelte, setzte man offenbar nach dessen Wiener
Einstiegsmotto "Gott oder die Mehrheit werden ''s fügen" mehr auf Gott,
dessen Mühlen bekanntlich langsam mahlen, statt auf die Mehrheit, die in
Deutschland unberechenbar sein kann, wenn sie am halbseidenen Faden der
FDP hängt. Bewundernswert hingegen, wie die lang eingemahnte
Selbstversetzung des deutschen Staatsoberhauptes im "Standard" mit dem
Aufmacher, auch österreichische "Beamte akzeptieren Ende des strikten
Versetzungsschutzes" abgefedert wurde.
Andere Wege, die große Geister nach
Ablauf ihres allzu irdischen Treibens beschreiten können, wies die "
Kronen Zeitung" bereits am Sonntag mit dem Aufmacher "Kartnig geht nach
Urteil ins Kloster". Es handelt sich dabei aber nicht um ein ewiges
Gelübde, sondern nur um eine Woche "erholen". Als inverser Trappist
schwadronierte "Ex-Sturm-Präsident Hannes Kartnig im ersten Interview
nach seiner Verurteilung" in dem Blatt: "Aber ich werde weiterhin auf die
Straße gehen. Zu dem, was ich getan habe - der Steuerhinterziehung und
den Schwarzgeldzahlungen - stehe ich, aber ein Betrüger bin ich nicht,
muss mich also nicht verstecken." Da in Österreich Betrug an der
Allgemeinheit, wie "Steuerhinterziehung", nicht als Betrug, sondern als
Kavaliersdelikt gilt, für das man sich nicht verstecken muss, sondern
mit dem man nach einer Woche klösterlicher Abgeschiedenheit stolz auf
die Straße geht, gibt es allen Grund, sich in der "Krone" für "die 42
Prozesstage und das Urteil 'fünf Jahre Haft'" bedauern zu lassen.
Schließlich haben sie "auch im Gesicht des einstigen 'Sonnyboys' Spuren
hinterlassen".
Wie falsch es wäre, sich in Österreich als
Steuerhinterzieher zu verstecken, beweist die Anbetung eines
Taxilenkers, der einst Michael Jeannée auf dem Weg zu Kartnig stolze 57
Euro an Taxe erließ, weil er die "Villa Kartnig" nicht gleich fand. "Kommt nicht infrage, der Herr. Wer den Weg zu Sturm-Präsident Kartnig
nicht findet, hat keinen Fuhrlohn verdient." Erfreut, 57 Euro zu
sparen, und ergriffen von so viel Verehrung bescheinigt Jeannée dem
Steuerhinterzieher noch heute: "Sympathie ist ein schlechtes Almosen und
ein ganz schwacher Trost. Beides indes können Sie brauchen".
Ähnlich
bewundernd stand Conny Bischofberger im Interview zu Peter Hochegger.
"Ein drahtiger Mann mit dunkelblauen Augen und einer zerfurchten Stirn.
Heiter-gelassen sitzt er vor einem Bild ganz in Grün. Hochegger mag
Grün; er ist auch an zwei 'grünen' Unternehmen beteiligt und ernährt
sich biologisch. Abgesehen von seinem Gesundheitsfaible (er macht jeden
Morgen Atemübungen durch die sieben Chakren) hat der Mann ein
gigantisches Zahlengedächtnis, schüttelt Millionenbeträge und
Jahreszahlen nur so aus dem Handgelenk."
Sapperlot aber auch. Vor der "Krone" beschränkt sich sein "gigantisches Zahlengedächtnis" auf die
Mitteilung: "Ich hatte 22 Firmen, 140 Mitarbeiter, ich war die
Akquisitionsmaschine der Unternehmensgruppe, ein Sklave des Systems." Das
könnte auch von Kartnig sein. "Wenn man in so einem System drinnensteckt,
dann denkt man nicht nach, man ist einfach ein Getriebener." Nicht nur
das. "Ich war Teil einer Elite, die ihre Vorteile genutzt hat, um ständig
mehr anzuhäufen und reicher zu werden. Wir waren alle gierig, wollten
immer mehr." Auch er betrieb Steuerhinterziehung - auf Absprung: "Ich habe
Selbstanzeige gemacht."
Gut, wenn man sich da biologisch ernährt. Wer
"jeden Morgen Atemübungen durch die sieben Chakren macht", dessen Geist
wird klar: "Wir leben in einem Land der Scheinheiligen. Die Leute sind
schon so was von satt auf die Politiker und deren Bauchreden." Vor allem
auf jene, die ihnen von Beratern eingeträufelt werden. Als seelisch
zerrissen outete sich hingegen ein Kary Nowak in einem Leserbrief an
Hochegger. "Dafür, dass du mich gelehrt hast, wie sich ein Projekt fast
wie von selbst finanziert, wenn wir mit den Personen reden, die davon
einen Nutzen haben und es ihnen 'richtig erklären'", "bin ich dir für
immer zu Dank verpflichtet ... Als du dann immer mehr zum Diener des
Mammon geworden bis, habe ich das sehr bedauert." Da hilft nur: mehr
Atemübungen. Oder ab ins Kloster. (Günter Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2012)