Sklaven des Systems

20. Februar 2012, 17:29
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Kartnig im Kloster und Hochegger im Interview

Gar so eindringlich hätte "Der Standard" seinen Leserinnen und Lesern in der Montag-Ausgabe auch nicht vorenthalten müssen, dass der von ihm als "gesucht" gemeldete künftige deutsche Bundespräsident bereits gefunden war. In einem Übermaß spirituellen Vertrauens, an dem es anderen Blättern leider mangelte, setzte man offenbar nach dessen Wiener Einstiegsmotto "Gott oder die Mehrheit werden ''s fügen" mehr auf Gott, dessen Mühlen bekanntlich langsam mahlen, statt auf die Mehrheit, die in Deutschland unberechenbar sein kann, wenn sie am halbseidenen Faden der FDP hängt. Bewundernswert hingegen, wie die lang eingemahnte Selbstversetzung des deutschen Staatsoberhauptes im "Standard" mit dem Aufmacher, auch österreichische "Beamte akzeptieren Ende des strikten Versetzungsschutzes" abgefedert wurde.

Andere Wege, die große Geister nach Ablauf ihres allzu irdischen Treibens beschreiten können, wies die " Kronen Zeitung" bereits am Sonntag mit dem Aufmacher "Kartnig geht nach Urteil ins Kloster". Es handelt sich dabei aber nicht um ein ewiges Gelübde, sondern nur um eine Woche "erholen". Als inverser Trappist schwadronierte "Ex-Sturm-Präsident Hannes Kartnig im ersten Interview nach seiner Verurteilung" in dem Blatt: "Aber ich werde weiterhin auf die Straße gehen. Zu dem, was ich getan habe - der Steuerhinterziehung und den Schwarzgeldzahlungen - stehe ich, aber ein Betrüger bin ich nicht, muss mich also nicht verstecken." Da in Österreich Betrug an der Allgemeinheit, wie "Steuerhinterziehung", nicht als Betrug, sondern als Kavaliersdelikt gilt, für das man sich nicht verstecken muss, sondern mit dem man nach einer Woche klösterlicher Abgeschiedenheit stolz auf die Straße geht, gibt es allen Grund, sich in der "Krone" für "die 42 Prozesstage und das Urteil 'fünf Jahre Haft'" bedauern zu lassen. Schließlich haben sie "auch im Gesicht des einstigen 'Sonnyboys' Spuren hinterlassen". 

Wie falsch es wäre, sich in Österreich als Steuerhinterzieher zu verstecken, beweist die Anbetung eines Taxilenkers, der einst Michael Jeannée auf dem Weg zu Kartnig stolze 57 Euro an Taxe erließ, weil er die "Villa Kartnig" nicht gleich fand. "Kommt nicht infrage, der Herr. Wer den Weg zu Sturm-Präsident Kartnig nicht findet, hat keinen Fuhrlohn verdient." Erfreut, 57 Euro zu sparen, und ergriffen von so viel Verehrung bescheinigt Jeannée dem Steuerhinterzieher noch heute: "Sympathie ist ein schlechtes Almosen und ein ganz schwacher Trost. Beides indes können Sie brauchen".

Ähnlich bewundernd stand Conny Bischofberger im Interview zu Peter Hochegger. "Ein drahtiger Mann mit dunkelblauen Augen und einer zerfurchten Stirn. Heiter-gelassen sitzt er vor einem Bild ganz in Grün. Hochegger mag Grün; er ist auch an zwei 'grünen' Unternehmen beteiligt und ernährt sich biologisch. Abgesehen von seinem Gesundheitsfaible (er macht jeden Morgen Atemübungen durch die sieben Chakren) hat der Mann ein gigantisches Zahlengedächtnis, schüttelt Millionenbeträge und Jahreszahlen nur so aus dem Handgelenk."

Sapperlot aber auch. Vor der "Krone" beschränkt sich sein "gigantisches Zahlengedächtnis" auf die Mitteilung: "Ich hatte 22 Firmen, 140 Mitarbeiter, ich war die Akquisitionsmaschine der Unternehmensgruppe, ein Sklave des Systems." Das könnte auch von Kartnig sein. "Wenn man in so einem System drinnensteckt, dann denkt man nicht nach, man ist einfach ein Getriebener." Nicht nur das. "Ich war Teil einer Elite, die ihre Vorteile genutzt hat, um ständig mehr anzuhäufen und reicher zu werden. Wir waren alle gierig, wollten immer mehr." Auch er betrieb Steuerhinterziehung - auf Absprung: "Ich habe Selbstanzeige gemacht." 

Gut, wenn man sich da biologisch ernährt. Wer "jeden Morgen Atemübungen durch die sieben Chakren macht", dessen Geist wird klar: "Wir leben in einem Land der Scheinheiligen. Die Leute sind schon so was von satt auf die Politiker und deren Bauchreden." Vor allem auf jene, die ihnen von Beratern eingeträufelt werden. Als seelisch zerrissen outete sich hingegen ein Kary Nowak in einem Leserbrief an Hochegger. "Dafür, dass du mich gelehrt hast, wie sich ein Projekt fast wie von selbst finanziert, wenn wir mit den Personen reden, die davon einen Nutzen haben und es ihnen 'richtig erklären'", "bin ich dir für immer zu Dank verpflichtet ... Als du dann immer mehr zum Diener des Mammon geworden bis, habe ich das sehr bedauert." Da hilft nur: mehr Atemübungen. Oder ab ins Kloster. (Günter Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2012)

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