In Salzburg wird Karin Brandauers filmische Adaption der berühmten Sozialstudie "Die Arbeitslosen von Marienthal" gezeigt
Salzburg - Schon immer waren Erwerbslosenzahlen Konjunkturen unterworfen, die
speziell in Zeiten von Krisen für ein Anwachsen der industriellen "Reservearmee"
sorgen. Zu einer explosionsartigen " Freisetzung von Arbeitskräften" kam es in
den späten 1920er- und 1930er-Jahren im Zuge der schweren Weltwirtschaftskrise.
Damals wurde auch das Phänomen Arbeitslosigkeit erstmals von
Sozialwissenschaftern genauer untersucht.
Zu den Pionieren gehören drei österreichische Forscher der Uni Wien, Marie
Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel, die mit Die Arbeitslosen von
Marienthal 1933 die erste sozialpsychologische Studie überhaupt vorlegten.
Ursprünglich war eine Analyse des Freizeitverhaltens geplant, schließlich ging
das Trio in den niederösterreichischen Ort Marienthal, wo eine große
Textilfabrik zugesperrt hatte. Mit der Folge, dass praktisch alle Anwohner
arbeitslos geworden waren. Für ihre Studie entwickelten die jungen
Intellektuellen eine damals neuartige Methodik, die bis heute
qualitativ-quantitative Sozialforschung definiert: Interviews, Fragebögen, die
Auswertung von Tagebuchnotizen, Briefen sowie statistischer Daten. Revolutionär
waren auch die Ergebnisse.Anders als marxistische Theoretiker mutmaßten,
korreliert Arbeitslosigkeit nicht mit politischer Radikalisierung nach links,
vielmehr erzeugt sie Apathie und Hoffnungslosigkeit. Diese Erkenntnisse haben
nichts von ihrer Richtigkeit verloren. 1988 adaptierte Regisseurin Karin
Brandauer die Sozialstudie unter dem Titel Einstweilen wird es Mittag für
das Fernsehen: als Dokumentarspiel mit ruhigen Bildern, in denen auch der
Kontrast zwischen dem bürgerlichen und dem (sub-)proletarischen Milieu
thematisiert wird. Filmvorführung mit Diskussion. (Gerhard Dorfi, DER STANDARD - Printausgabe, 21. Februar 2012)