Avantgardefilm startet Welttournee

20. Februar 2012, 17:49
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Die Retrospektive "Breaking Ground" würdigt 60 Jahre österreichische Experimentalfilme

Begonnen wird mit der Präsentation jetzt im Filmhaus-Kino in Wien, danach gehen die Arbeiten auf weite Reisen.

Wien - Aller Anfang ist programmatisch: "Film ist. 1 - Zeit und Bewegung" steht in dicken weißen Lettern im schwarzen Geviert der Leinwand. Es folgen historische wissenschaftliche Bewegungsstudien von Körpern und Projektilen, Menschen und Tieren. Vorwärts, rückwärts und in Zeitlupe wogen und wehen Naturgewalten. Die musikalisch vertonte Montage belegt also die Richtigkeit des Eingangsstatements. Zugleich zeugt sie aber auch davon, wie ein mit den Mitteln des Kinos verfolgtes Erkenntnisinteresse einen ästhetischen Mehrwert produziert - oder womöglich sogar der umgekehrte Fall eintritt.

Die 15-minütige Miniatur ist der erste Abschnitt von Gustav Deutschs zwölfteiligem Found-Footage-Kompendium Film ist (2002). Nunmehr eröffnet diese die umfangreiche Schau Breaking Ground. 60 Jahre experimentelles Kino aus Österreich. In insgesamt zehn Programmen sind darin 85 Einzelarbeiten von 57 Künstlern und Künstlerinnen versammelt:Die älteste, An diesen Abenden (1952), stammt von Herbert Vesely. Zu den jüngsten zählen etwa Sasha Pirkers John Lautner - The Desert Hot Springs Motel (2005), Josef Dabernigs Hotel Roccalba (2008) oder Machination 84 (2010) von Lia. Allein diese vier Beispiele - ein expressionistisches Filmpoem, eine lichtdurchflutete, experimentelle Architekturdokumentation, eine lakonisch inszenierte Verhaltensstudie und eine abstrakte, am Computer produzierte Animation - belegen schon die Vielfalt der Themen und Zugänge, der Methoden und Mittel. Zusammengestellt hat die umfangreiche Schau Brent Klinkum, international tätiger Kurator und Gründer der im nordfranzösischen Caen ansässigen Kunstvermittlungseinrichtung Transat Video. Betreut wird das Programm von Sixpackfilm. Grundlage für die rund ein Jahr währenden Sichtungen war jedoch nicht nur der Verleihkatalog der österreichischen Experimentalfilmagentur, sondern auch die Bestände von Filmarchiv, Filmmuseum und anderen. Einiges - wie der Film von Vesely oder jene von Alfred Kaiser - wurde extra für Breaking Ground restauriert.

Von Klassik bis Kommerz

Die Programme sind nicht chronologisch organisiert, sondern nach Begriffen und Tendenzen: "Action!" heißt es zu Beginn, auf Deutschs instruktiv-poetischen Opener folgen der rasende Heimatfilm Schönberg (Hiebler/Ertl, 1990) und Thomas Draschans farbenfroher Pop-Bilderreigen Yes? Oui? Ja? (2002). Es ist Platz für Klassiker des Avantgardefilms wie Peter Kubelkas metrische Komposition Arnulf Rainer (1960), für Valie Exports genderpolitischen Performance-Videoarbeiten aus den 70er-Jahren oder für subrosa, ein abstraktes, gerechnetes Farblichtspiel von Karø Goldt aus den Nullerjahren.Das zweite Programm, "Concrete Forms", trägt wiederum dem Umstand Rechnung, dass sich vor allem in den letzten Jahrzehnten viele Filmschaffende mit (moderner) Architektur, mit gebauten Strukturen und visuellen Räumen auseinandersetzen. Zwischendurch werden bunte Riesenquader von Roland Goeschl über Land und durch die Stadt getragen: Drei damals verstörende Humanic-Werbespots von Axel Corti aus den Jahren 1971 und 1973 erinnern daran, dass Werbefilme nicht nur den Rohstoff für spätere künstlerische Aneignungen liefern - manche kommerziellen Aufträge schließen das Experiment bereits mit ein. Die Breaking Ground-Schau soll auch als eine Art Update der ersten einschlägigen Durchmessung des österreichischen Avantgardefilms funktionieren, die 1994 am Art Institute von Chicago startete. Breaking Ground wird im Anschluss an die Wiener Termine (bis 27. März immer dienstags im Filmhaus-Kino) auf Tournee gehen. Erste Stationen sind das Image Forum Tokyo, die Kinetheka Ljubljana, die Anthology Film Archives in New York oder das Australian Center for The Moving Images Melbourne.

Internationaler Austausch

Unabhängig davon gastieren gleichzeitig wichtige Vertreter des nordamerikanischen Avantgardefilms in Wiener Kunstinstitutionen: In der Secession eröffnet bereits diesen Mittwoch eine Ausstellung des Kanadiers Michael Snow, die erstmals in Österreich auch dessen vielfältiges Werk abseits der Arbeiten fürs Kino in den Vordergrund rückt. An drei Abenden wird Snow außerdem mit einer Auswahl seiner Filme im Österreichischen Filmmuseum zu Gast sein. Und ab 2. März zeigt die Generali Foundation Morgan Fisher. The Frame and Beyond, eine Schau, die den Übergang des US-Filmemachers vom bewegten zum gemalten Bild ins Zentrum stellt. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 21. Februar 2012)

21. 2., Filmhaus-Kino, 19.00, 21.00

  • 60 Jahre Experimentalfilm aus Österreich, das sind unter anderem: 
performative Arbeiten wie Valie Exports "Mann & Frau & Animal" 
(1970-73), ...
    foto: sixpackfilm

    60 Jahre Experimentalfilm aus Österreich, das sind unter anderem: performative Arbeiten wie Valie Exports "Mann & Frau & Animal" (1970-73), ...

  • ... Anverwandlungen von Found Footage, "gefundenem Material", wie Peter 
Tscherkasskys "Outer Space" (1999) ...
    foto: sixpackfilm

    ... Anverwandlungen von Found Footage, "gefundenem Material", wie Peter Tscherkasskys "Outer Space" (1999) ...

  • ... und abstrakte gerechnete Arbeiten, 
musikalische Austrian Abstracts wie "subrosa" (2004) von Karø Goldt.
    foto: sixpackfilm

    ... und abstrakte gerechnete Arbeiten, musikalische Austrian Abstracts wie "subrosa" (2004) von Karø Goldt.

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