Die Retrospektive "Breaking Ground" würdigt 60 Jahre österreichische Experimentalfilme
Begonnen wird mit der Präsentation jetzt im Filmhaus-Kino in
Wien, danach gehen die Arbeiten auf weite Reisen.
Wien - Aller Anfang ist programmatisch: "Film ist. 1 - Zeit und Bewegung"
steht in dicken weißen Lettern im schwarzen Geviert der Leinwand. Es folgen
historische wissenschaftliche Bewegungsstudien von Körpern und Projektilen,
Menschen und Tieren. Vorwärts, rückwärts und in Zeitlupe wogen und wehen
Naturgewalten. Die musikalisch vertonte Montage belegt also die Richtigkeit des
Eingangsstatements. Zugleich zeugt sie aber auch davon, wie ein mit den Mitteln
des Kinos verfolgtes Erkenntnisinteresse einen ästhetischen Mehrwert produziert
- oder womöglich sogar der umgekehrte Fall eintritt.
Die 15-minütige Miniatur ist der erste Abschnitt von Gustav Deutschs
zwölfteiligem Found-Footage-Kompendium Film ist (2002). Nunmehr
eröffnet diese die umfangreiche Schau Breaking Ground. 60 Jahre
experimentelles Kino aus Österreich. In insgesamt zehn Programmen sind darin
85 Einzelarbeiten von 57 Künstlern und Künstlerinnen versammelt:Die älteste,
An diesen Abenden (1952), stammt von Herbert Vesely. Zu den jüngsten
zählen etwa Sasha Pirkers John Lautner - The Desert Hot Springs Motel
(2005), Josef Dabernigs Hotel Roccalba (2008) oder Machination 84
(2010) von Lia. Allein diese vier Beispiele - ein expressionistisches Filmpoem,
eine lichtdurchflutete, experimentelle Architekturdokumentation, eine lakonisch
inszenierte Verhaltensstudie und eine abstrakte, am Computer produzierte
Animation - belegen schon die Vielfalt der Themen und Zugänge, der Methoden und
Mittel. Zusammengestellt hat die umfangreiche Schau Brent Klinkum, international
tätiger Kurator und Gründer der im nordfranzösischen Caen ansässigen
Kunstvermittlungseinrichtung Transat Video. Betreut wird das Programm von
Sixpackfilm. Grundlage für die rund ein Jahr währenden Sichtungen war jedoch
nicht nur der Verleihkatalog der österreichischen Experimentalfilmagentur,
sondern auch die Bestände von Filmarchiv, Filmmuseum und anderen. Einiges - wie
der Film von Vesely oder jene von Alfred Kaiser - wurde extra für Breaking
Ground restauriert.
Von Klassik bis Kommerz
Die Programme sind nicht chronologisch organisiert, sondern nach Begriffen
und Tendenzen: "Action!" heißt es zu Beginn, auf Deutschs instruktiv-poetischen
Opener folgen der rasende Heimatfilm Schönberg (Hiebler/Ertl, 1990) und
Thomas Draschans farbenfroher Pop-Bilderreigen Yes? Oui? Ja? (2002). Es
ist Platz für Klassiker des Avantgardefilms wie Peter Kubelkas metrische
Komposition Arnulf Rainer (1960), für Valie Exports genderpolitischen
Performance-Videoarbeiten aus den 70er-Jahren oder für subrosa, ein
abstraktes, gerechnetes Farblichtspiel von Karø Goldt aus den Nullerjahren.Das
zweite Programm, "Concrete Forms", trägt wiederum dem Umstand Rechnung, dass
sich vor allem in den letzten Jahrzehnten viele Filmschaffende mit (moderner)
Architektur, mit gebauten Strukturen und visuellen Räumen auseinandersetzen.
Zwischendurch werden bunte Riesenquader von Roland Goeschl über Land und durch
die Stadt getragen: Drei damals verstörende Humanic-Werbespots von Axel Corti
aus den Jahren 1971 und 1973 erinnern daran, dass Werbefilme nicht nur den
Rohstoff für spätere künstlerische Aneignungen liefern - manche kommerziellen
Aufträge schließen das Experiment bereits mit ein. Die Breaking
Ground-Schau soll auch als eine Art Update der ersten einschlägigen
Durchmessung des österreichischen Avantgardefilms funktionieren, die 1994 am Art
Institute von Chicago startete. Breaking Ground wird im Anschluss an die
Wiener Termine (bis 27. März immer dienstags im Filmhaus-Kino) auf Tournee
gehen. Erste Stationen sind das Image Forum Tokyo, die Kinetheka Ljubljana, die
Anthology Film Archives in New York oder das Australian Center for The Moving
Images Melbourne.
Internationaler Austausch
Unabhängig davon gastieren gleichzeitig wichtige Vertreter des
nordamerikanischen Avantgardefilms in Wiener Kunstinstitutionen: In der
Secession eröffnet bereits diesen Mittwoch eine Ausstellung des Kanadiers
Michael Snow, die erstmals in Österreich auch dessen vielfältiges Werk abseits
der Arbeiten fürs Kino in den Vordergrund rückt. An drei Abenden wird Snow
außerdem mit einer Auswahl seiner Filme im Österreichischen Filmmuseum zu Gast
sein. Und ab 2. März zeigt die Generali Foundation Morgan Fisher. The Frame
and Beyond, eine Schau, die den Übergang des US-Filmemachers vom bewegten
zum gemalten Bild ins Zentrum stellt. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 21. Februar 2012)
21. 2., Filmhaus-Kino,
19.00, 21.00