Europäisches Spardiktat

Troika kürzt Griechen alle Hoffnung weg

Interview | Daniela Rom, 21. Februar 2012, 11:43

Hannes Swoboda hält nichts vom reinen Sparen, Griechenland brauche Reformen und auch wieder Hoffnung in die Zukunft

Hannes Swoboda ist kein Fan des Spardiktats, das Griechenland auferlegt wird. Der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament hat mit Kritik an der Troika aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) nicht gespart. Im Gespräch mit derStandard.at erklärt Swoboda, was er von der Idee des Inselverkaufs hält, was Griechenland wirklich braucht und welche Wege eine"alternative Troika" finden soll.

***

derStandard.at: Sie haben in den letzten Wochen und Tagen das Spardiktat der Troika für Griechenland sehr scharf kritisiert. Es sei Erpressung, ruinös für das Land, schädlich für die Gesellschaft und kontraproduktiv für die Wirtschaft. Was stört Sie am Athener Sparpaket?

Hannes Swoboda: Es stört mich, dass man die wirklichen Probleme nicht angeht. Natürlich braucht es in Griechenland Reformen und Veränderungen. Aber wenn man nur kürzt, kürzt, kürzt, gibt es irgendwann keine Kaufkraft mehr. Es gibt weniger Steuereinnahmen, und das erhöht das Defizit. Es ist eine verfehlte wirtschaftliche Politik. Eine ideologische Politik, die nicht die Probleme angeht, die es in Griechenland gibt.

derStandard.at: Was sind diese Probleme?

Swoboda: Sicherlich die Geschlossenheit mancher Wirtschaftssektoren, die wenig Wettbewerb zulassen. Das muss man angehen und aufheben. Wenn diese Geschlossenheit bleibt, dann sinken zwar die Löhne, aber es sinken nicht die Preise. Das sehen wir gerade in Griechenland. Und dann müsste man natürlich auch in gewisse Sektoren - von der Pharmaindustrie bis zur Solarenergie - investieren. Das könnte man zum Beispiel mit Hilfe der Europäischen Investitionsbank machen, müsste es aber tatkräftig angehen.

derStandard.at: Sie schlagen eine "alternative Troika" der sozialdemokratischen Fraktion vor, die einen "alternativen Weg aus der Krise" erarbeiten soll. Wie soll dieser Weg aussehen?

Swoboda: Ich habe drei Wirtschaftsexperten gebeten, Anfang März nach Griechenland zu fahren, um dort mit Wirtschaftsinstituten, den Gewerkschaften und der Arbeitgeberseite ein Programm zu erstellen, das Alternativen aufzeigt. Das aufzeigt, was neben dem Sparen noch getan werden kann und muss, welche Sektoren entwickelt werden können. Es gibt ja Potenzial. Ohne die Hoffnung, dass die Leute in Griechenland irgendwie aus ihrer fatalen Situation wieder herauskommen, werden sie sich nicht anstrengen.

derStandard.at: Verstehen Sie Ihre "alternative Troika" als Gegenprogramm zur "normalen" Troika aus EU, EZB und IWF oder als Ergänzung?

Swoboda: Was passiert ist, ist passiert, das werden wir nicht aufheben können. Jetzt geht es darum, dass man aus dieser Krise wieder herauskommt. Mit den gesetzten Maßnahmen der Troika ist diese Ergänzung viel schwieriger, weil die Kaufkraft verloren ging, die notwendig ist für einen Aufschwung. Das muss man kompensieren, indem man investiert, versucht, dass es zu einem Aufschwung kommt, weil gewisse Sektoren doch noch exportieren können. Das hängt natürlich von der gesamteuropäischen Entwicklung ab, aber auch von Griechenland. Ich bin nicht dafür, dass die Griechen jetzt nicht einhalten, was sie zugesagt haben. Aber zumindest sollte man versuchen, eine positive Wachstumspolitik zu betreiben. Vielleicht ist es dann auch möglich, dass manche der beschlossenen Maßnahmen wieder korrigiert werden. Zum Beispiel der Mindestlohn oder andere soziale Fragen.

derStandard.at: Ein Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone ist für Sie also gar kein mögliches Szenario?

Swoboda: Das wäre eine Katastrophe für Griechenland und für die Europäische Union, sowohl ökonomisch für einige Banken als auch psychologisch. Alle, die jetzt in die Richtung Ausschluss aus der Eurozone spekulieren - sei es in Österreich, Deutschland oder sonst wo -, wären, wenn es wirklich dazu käme, mitverantwortlich. Weil sie durch ihr gewissenloses, ahnungsloses Reden das Vertrauen in einen möglichen Aufschwung Griechenlands zerstören. Ideen wie Inselverkauf oder Kommissare einzusetzen sind ja etwas, das einem verhinderten Neokolonialismus entspricht. Die Überheblichkeit, die da mitschwingt, ist erschreckend für ein Europa von heute.

derStandard.at: Jetzt protestieren und demonstrieren die Griechen immer wieder gegen die Sparpakete. Außerdem heißt es immer wieder, die Griechen sparen zu wenig und strengen sich auch zu wenig an ...

Swoboda: Das ist zum Teil richtig, zum Teil ist es falsch. Die Steuereinnahmen sind gestiegen, man hat gespart. Nur, wenn sich Griechenland zu Tode spart, wie soll man dann da leben? Dass es radikale Kräfte auf der linken und auf der rechten Seite gibt, die die Sache nur schlimmer machen, ist richtig. Hätte man ein vernünftigeres Programm zusammengebracht als das der Troika, hätten wir auch nicht diese Art von Demonstrationen und Widerstand. Dann würde ein Großteil der Leute einsehen, dass diese Reformen notwendig sind. Aber es geht eben um Reformen, nicht einfach um Kürzungen.

derStandard.at: Sehen Sie in dem Spardiktat der Troika auch eine Gefahr für die Demokratie - sei es derzeit in Griechenland, aber auch in Hinblick auf die anderen Schuldenländer Europas?

Swoboda: Sicher sehe ich eine Gefahr. Es kann nicht die Haltung sein, dass Europa hier zum Beispiel die Kräfte der Sozialpartner ausschaltet. Wir geben auch mit den zukünftigen Gesetzen der Europäischen Kommission sehr viele Rechte und Möglichkeiten, in die Budgethoheit einzugreifen. Wenn ich das mache, dann muss ich wirklich schauen, dass dieses Eingreifen nicht die Demokratie beiseiteschiebt. Außerdem müssen die Inhalte stimmen. Eine antisoziale und asoziale, rein auf Kürzungen und Austerität orientierte Politik stößt auf immer mehr Widerstand. Das ist das Problem für alle, die für Europa kämpfen und ein bisschen soziales Gewissen haben. Das, was Europa heute macht, entspricht in vielen Fällen einer neoliberalen - ich mag diesen Begriff ja nicht so gerne - Ideologie. Das ist nicht das, wie wir uns Europa vorstellen.

derStandard.at: Wird man Griechenland als Blaupause hernehmen können, was man alles nicht machen soll mit vielleicht Spanien, vielleicht Italien oder vielleicht Portugal?

Swoboda: Griechenland wird als Blaupause sowohl für das, was man nicht machen soll, als auch für das, was man machen soll, herhalten können. In Wirklichkeit waren die Dinge in Griechenland schon vor zehn Jahren sichtbar, in anderem Ausmaß auch in Spanien, wo es andere Probleme als das Defizit gibt. Meine Kritik ist, dass man immer nur aufs Defizit und nicht rechtzeitig auf Strukturprobleme und Wettbewerbsungleichgewichte schaut. Da muss man den Ländern helfen, das ist schon eine Lehre aus Griechenland. Man darf diese Dinge nicht einfach so laufen lassen, vor allem nicht in einer Europäischen Union und schon gar nicht in einer Eurozone. (Daniela Rom, derStandard.at, 21.2.2012)

HANNES SWOBODA ist Mitglied des Europäischen Parlaments und seit Jänner 2012 Vorsitzender der Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE).

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videoopa
00
30.3.2012, 09:51
Solidarität ja, auch wenns traurig klingt

http://youtu.be/hYAv0wLDOtQ

saunaecho
00
Sind nicht die Gläubiger schuld ?

Immer schon war absehbar, dass Griechenland korrupt und schlecht organisiert, kurz "am Sand" ist.
Wer einem Sandler Geld borgt damit er weiteren Unfug anrichten kann, der ist "blöd" und wird zurecht um sein Geld umfallen. Unser Problem sind nur unsere blöden Banken, deren Spareinlagen wir absichern müssen. Griechenland überlassen wir besser den beratungsresistenten Griechen !

Mostbluzza
10
24.2.2012, 11:07
brd gehts nicht sooo schlecht - mit 1%

staatsdefizit.

läppische 25 mrd euro im jahr.
(die könntens auch noch locker sparen mit einem minisparpaketerl oder mini-vermögenssteuer der superreichen)

österreich machts in zwei, drei jahren.
wo ist der fehler?

PS: obama braucht 25 mrd pumpgeld in einer 4-tage woche.

José Atento
10
23.2.2012, 10:44
T1

Hr. Swoboda gehört leider auch zu der Fraktion, die denken, dass der Staat Wohlstand verbreiten kann oder dass er das überhaupt möchte.

Der Staat kann nur Geld des Volkes nehmen, einen Teil selbst einstecken und dann einen kleineren Teil an Freunde "verschenken", wobei das Verschenken natürlich immer mit einer Gegenleistung verbunden ist. In diesem Fall mit dem Verlust der Bürgerfreiheiten.

Sozialisten können keinen Weg aus dieser Krise finden, denn sie haben ja die Schulden zu verantworten. Das sollten wir nicht vergessen.

Die Griechen müssen jetzt einmal tief runter fallen, damit sie später wieder aufstehen können. Das wird schmerzen, aber das ist unausweichlich der Weg, den sie gehen werden.

José Atento
00
23.2.2012, 10:43
T2

Das Produzieren von heißer Luft (die Griechen sind so arm ?) hilft überhaupt nicht weiter. Besonders wenn so derart ohne Logik an die Sache herangegangen wird.

GR muss aus dem Euro raus!
GR wird dahin zurückkehren, wo sie vor dem Euro waren, bzw. es wird nach unten überschwingen.

Wenn die gescheiten Herren schon vor 10 Jahren wußten, was falsch läuft, warum hatten sie dann damals nichts unternommen?
Weil man wohl nachher immer gerne SO gescheit redet.

Roter Baron
00
23.2.2012, 10:07
interessant, das nirgendwo zu lesen ist, dass fitch einem tag nachdem griechenland 130 mrd. € bekommen hat, griechenland sofort weiter runter geraten hat

Alfalfa
00
24.2.2012, 23:12
Wenn jemand Geld bekommt,

heißt das noch lange nicht, dass der kreditwürdig ist.

CU4Talk
00
22.2.2012, 19:05

Es ist halt nicht so einfach, aber danke Hannes Svoboda für die Erklärungen. Ich denke, dass die Sozialdemokraten durchaus etwas wertvolles zur Diskussion beitragen können. Mein Europa soll das Griechenland von 2012 jedenfalls nichts sein. Das ist ja schon eher 3. Welt:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaf... .1288560-3

José Atento
00
23.2.2012, 10:50
Es ist verständlich, dass man mit den Menschen in GR mitfühlt,

Aber es hilft trotzdem nicht, dass der Weg nach unten nicht zu verhindern sein wird. Auch wenn man noch viel mehr Geld in das Fass ohne Boden wirft.

Auch die Bemühungen den GR zu helfen sind menschlich verständlich, aber sie werden nicht fruchtbar sein.
Denn alles was jetzt kurzfristig die Schmerzen reduziert ist letzten Endes einer Verzögerung der Bereinigung, die statt finden muss und damit eine Verlängerung der Schmerzen, die noch schlechter ertragbar ist.

Der Mensch kann kurfristig sehr viel Leid ertragen, aber auf längere Sicht ist der Mensch nicht leidensfähig. Auch Geduld ist nicht eine Tugend des Menschen.

Leihbischof
03
22.2.2012, 18:48
Kriegspielzeug

Warum verlangt die EU nicht eine drastische Kürzung des Verteidigungsetats?
Vielleicht, weil einige EU- Staaten sich damit eine goldene Nase verdienen?
Unterstützung einer sinnlosen Paranoia?
Innenpolitik?
Möchte wissen, was da wieder dahinter steckt. Das Thema wird offiziell "nit amol ignoriert"

fmi
41
22.2.2012, 07:54
vielleicht könnte er erklären

wer das alles bezahlen soll? Wie wollen die Sozialisten die Finanzwelt regulieren? Außer in Frankreich habe ich noch nichts gehört.
Nur bla bla

Werner Gruber
50
22.2.2012, 08:01
Sie natürlich

Ist ja nicht sein Geld. ..

max notax
52
21.2.2012, 19:09

Das Hauptproblem ist, dass linke Politiker wie Swoberl zu wenig Ahnung von Oekonomie haben und deshalb immer leicht gaengelbare Marionetten ganz anderer Hintergrundinteressen sind. Das Problem an den "Keynes-VWL" fuer SPOEler Kursen am Wochenende ist, dass man wirklich glaubt alleine mit Konsumnachfrage Reich werden zu koennen. Nein lieber Swobi, da braucht man eine Industrie fuer, die int wettbewerbsfaehige Produkte erzeugen kann. Sonst blaest die Nachfrage nur die Importe auf und man wird zum schwarzen Loch fuer Auslandskredite. Schoen fuer China und schoen fuer die Bankster, die den Griechen Geld pumpen fuer das dann der deutsche Steuerzahler haftet.

José Atento
00
23.2.2012, 10:55
Interessant ist,

dass es doch tatsächlich Wirtschaftswissenschafter gibt, die behaupten, dass D oder Ö schuld sei, dass GR nicht mehr konkurrenzfähig sei - gestern im ORF (Club 2) gesehen.

Es ist schon unglaublich, was manche Theoretiker da für Schwachsinn von sich geben (dürfen). Gut, noch sind wir ein "freies" Land.

andreas wreiser
 
00
21.2.2012, 19:04
Die Neoklassische Theorie von Merkel & Co. führt in die Japanische Deflationsfalle

Durch das Kaputtsparen wird auch Europa in diese Falle gehen.

http://www.youtube.com/watch?fea... 6kw#t=399s

José Atento
00
23.2.2012, 11:00
"Deflation" an sich ist eine psotive Entwicklung,

die den Wohlstand erhöht.

NUR in einer überschuldeten Welt wie dieser ist die "Deflation" Teufelszeug.
Wobei wir schon seit Jahrzehnten keine Deflation (schrumpfende Geldmenge) mehr gehabt haben.
Im Gegenteil, die Inflation (Ausweitung der Geldmengen) läuft auf Hochtouren. Die Sparer und Gläubiger werden sukzessive enteignet.

Davon hat sichtlich noch kaum jemand Angst ?
Weil den Geldsäcken kann man ja ihr angebliches "Schwarzgeld" wegnehmen, wenn es nach linker Diktion geht.

rosso2
50
21.2.2012, 19:01
bei den Griechen wird nix helfen

welche Wirtschaft wollen die auf die Beine stellen??Nicht einmal ihre Oliven sind was wert ich habe immer nur Betrug und Beschiss erlebt.Man sollte die Türken zur Verwaltung heranziehen ,die haben das 500 Jahre gut gemacht,Griechenland zur Türkei und Mazedonien Bulgarien und den Rest auch gleich samt Albanien.Die Levantiner sollen unter sich bleiben.

José Atento
00
23.2.2012, 11:02
Wir sind Europa

Die Nationalismen sollten verschwinden, aber ich vermute das wird 100 oder 200 Jahre dauern, denn auch in USA dauerte es ungefähr so lange, bis sie zu den Vereinigten Staaten wurden.

BeMo
00
22.2.2012, 12:10
wohl...

1 Tag Ausgang ? ...

Debian
10
21.2.2012, 19:00
Vorschläge für Swoboda-Troika!

Ich würde den Griechen sagen wir in Österr. haben soviele gute Leute. Wir können euch eine Linke und eine Rechte Troika schicken:

Linke: Androsch, Gusenbauer, Vranitzky, Edlinger.

Rechte: Gorbach, Grasser, Scheibner.

Und jetzt stellt euch vor, das würde klappen. Wir Österreicher hätten wieder was, worauf wir stolz sein könnten:

José Atento
00
23.2.2012, 11:03
Wir sollten ihnen beide Seiten schicken,

und sie sollten sie dort behalten, denn das wäre ein Segen für Österreich.

wosgibtsneix
00
21.2.2012, 18:51
Wie hat schon Lech Walesa gesagt:

Ich bin dafür und gleichzeitig dagegen.

DrSigmundFreud
 
03
21.2.2012, 18:48

swoboda hat da einiges nicht mitbekommen...
die griechenlandhilfe ist als hilfe für das großkapital konzipiert und nicht als hilfe für die griechen

</ lustig>
12
21.2.2012, 18:17
Die sozialistische Idee verlangt europaweite Solidarität.

Daher fordere ich:
.) Harmonisierung bei der Steuergesetzgebung
.) Harmonisierung bei der Sozialgesetzgebung

Bei den Steuern sind wir schon Spitze, da wird's wohl eine Nivellierung nach unten geben, aber bei den Sozialausgaben ist noch viel Spielraum...

Dingsbums1
53
21.2.2012, 17:58
Sie Sozialisten in diesem Lande werden nie verstehen ...

dass "Schulden machen" das Problem und nicht die Problemlösung ist.

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