Mitleidsverweigerung und Hofknicks nach Lawinenunfall des Prinzen

20. Februar 2012, 15:37
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Ein Adeliger unter einer Lawine tritt erstaunliche Mechanismen bei Medien und Menschen los - Und das zu sehen ist nicht schön

Die Natur ist Republikanerin: Vor ihr sind alle Menschen gleich. Und dass es Ende vergangener Woche eben einen Prinzen erwischte, war Zufall: Wäre nicht der Sohn von Hollands Königin Beatrix, sondern sein bürgerlicher Begleiter in Lech von einer Lawine verschüttet worden, kaum jemanden hätte es mehr als den üblichen APA-Absatz gekratzt. Oder genauer: Die Story, wie der Prinz seinen Kameraden zu bergen versucht, wäre vermutlich durch die Yellow-Press gegangen. Mehr aber nicht.

Aber weil die Welt ist, wie sie ist, wurde aus einer für jede Familie gleich fürchterlichen Katastrophe eine staatstragende Geschichte - und ohne die Angst einer Mutter um ihr Kind oder die von zwei Kindern um den Vater in irgendeiner Weise relativieren zu wollen: Der Umgang mit dem Unglück hat und hatte auch seine grotesken Seiten.

Untertanenhaltung

Da war zum einen die Untertanenhaltung, in die das offizielle Medienösterreich ab der ersten Sekunde, in der klar wurde, dass da nicht einfach irgendein betuchter Stammgast vom Arlberg Opfer seines eigenen Freiheitsdrangs geworden war, verfiel.

Daran, dass der Prinz in der Lawine Nachrichtenrelevanz besitzt, zweifle ich ja nicht. Überrascht hat mich aber, dass etwa der ORF in der ersten "Zeit im Bild" Christian Wulff, diverse Sparpäckchen und die Massaker in Syrien hintanstellte und einen Korrespondenten live von vor der Innsbrucker Uni-Klinik berichten ließ, dass es nichts zu berichten gäbe.

Weilen

Dass sich diese Live-Einstiege (Sinngemäß war beim ersten Reportereinstieg dies zu hören: "Sie sehen, an mir fährt gerade ein Polizeiwagen vorbei. Polizei gibt es sonst auch hier - aber es fällt schon auf, dass hier jetzt mehr patrouilliert wird. In den Gängen der Klinik - in die wir nicht hinein dürfen - soll auch privates Sicherheitspersonal sein.") dann bis zur Mitternachts-ZiB zogen, ohne dass auch nur der Hauch einer Nachricht vermittelt wurde, war da eigentlich schon fast schlüssig.

Faszinierend waren die Details. Der Hofknicks in der Sprache der Berichterstattung etwa: Während sich bei einem Normalsterblichen auch indirekte Anreden wie "seine königliche Hoheit" von vornherein nicht ausgehen, ist derlei bei einem Blaublut zwar befremdlich - aber nachvollziehbar. Doch während bürgerliche Krankenhauspatienten von ihren Verwandten schlicht "besucht" oder "aufgesucht" werden, heißt es bei einem Prinzen dann, dass die "königliche Familie" am Bette "weilt". Letzteren - aber auch Prinz Friso - wird es ziemlich wurscht sein, wie Boulevard und Staatsfunk formulieren.

Generalverdacht

Ein anderer Punkt war der Generalverdacht: Praktisch zeitgleich, als der 43-Jährige Johan Friso erst- und notversorgt im Hubschrauber lag, begannen die Unterstellungen. Ein Prinz, wurde in diversen Foren gegeifert, werde rascher, besser und intensiver betreut, als ein Normalsterblicher.

Nicht, dass es keine Zweiklassenmedizin und -gesellschaft gäbe: Aber die Zeit, sich darum zu kümmern, ob der, den man da mit dem Lawinenpieps im Schnee sucht, Sandler, Nobelpreisträger, Missbrauchstäter oder Prinz ist, hat kein Bergretter dieser Welt: Da geht es um Minuten - denn die Überlebenschancen eines Verschütteten sinken ab der 15. Minute in der Lawine drastisch und schnell. Prinz Friso war nach 20 Minuten ausgegraben. Ich möchte den Online-Verunglimpfer sehen, der die Stirn hat, seine Behauptung der Besserbehandlung jenen, die gesucht und geschaufelt haben, ins Gesicht zu sagen.

Ach ja, klar: Ein Prinz wird rascher ausgeflogen und im Krankenhaus besser versorgt. Wie das funktionieren soll, ist mir freilich nicht ganz klar: Fliegt ein Rettungshubschrauber noch Wurstsemmeln holen, wenn der Mann unter der Sauerstoffmaske kein Krönchen trägt? Werden Defibrilator und andere Instrumente oder lebensrettende Maßnahmen nach der Herkunft eines frisch eingelieferten Patienten angewandt und eingesetzt? Oder verwechselt da so manch demokratischer Antiroyalist, was auf einer Intensivstation passiert, mit den Annehmlichkeiten von Wahlmenü, Einzelzimmer und lustigem Schwesterncasting in Privatspitälern - wenn keine Lebensgefahr mehr besteht? Möge der vortreten, der derlei nicht bloß mit Schaum vor dem Mund, sondern auch mit Fakten untermauern kann.

Gleichheitsgrundsatz im Schnee

Dass alle Menschen vor der Lawine und auch vor der Bergrettung gleich sind - wie unter anderem auf derStandard.at einige selbst schon aus dem Schnee Geborgene bestätigten -, bedeutet aber längst nicht, dass sie und ihre Verwandten dann das gleiche Recht auf Mitleid und Anteilnahme hätten. Es gäbe da, las ich in einem Posting auf Facebook, sehr wohl Unterschiede: "Wenn Prinzen & Co. von Lawinen verschüttet werden, geht mir das nicht mehrspurig an der Abt. für Proktologie vorbei, nein, ich muss das einfach ganz ausdrücklich begrüßen und wünsche mir, es gäbe mehr solcher antimonarchistischen Lawinen!" Sogar die Frage, was denn die Angst von Königin Beatrix um ihren Sohn im Kern von der der Supermarktverkäuferin Susi Maier um ihren Sohn, den Installateur Martin, unterscheide, wusste der Poster zu beantworten: "Man kann das nun mal nicht losgelöst betrachten, denn dieser vermeintlich ganz normale Mensch und seine Zugehörigkeit zu einem Anachronismus namens Königshaus bilden eine organische Verbindung."

Sorry, aber bei dieser kruden Logik, die für Mitgefühl und Mitleid eine strenge, vom Standort der Wiege abhängig gemachte, soziale Höchstgrenze einzieht, kann und will ich nicht mit. Aber vermutlich sind wirklich nur vor den Naturgewalten alle Menschen gleich. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 20.2.2012)

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    Das Medieninteresse vor der Innsbrucker Universitätsklinik, in der Prinz Friso behandelt wird, ist riesig.

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