Paparotti

Mitleidsverweigerung und Hofknicks nach Lawinenunfall des Prinzen

20. Februar 2012, 15:37
  • Artikelbild
    foto: apa/robert parigger

    Das Medieninteresse vor der Innsbrucker Universitätsklinik, in der Prinz Friso behandelt wird, ist riesig.

Ein Adeliger unter einer Lawine tritt erstaunliche Mechanismen bei Medien und Menschen los - Und das zu sehen ist nicht schön

Die Natur ist Republikanerin: Vor ihr sind alle Menschen gleich. Und dass es Ende vergangener Woche eben einen Prinzen erwischte, war Zufall: Wäre nicht der Sohn von Hollands Königin Beatrix, sondern sein bürgerlicher Begleiter in Lech von einer Lawine verschüttet worden, kaum jemanden hätte es mehr als den üblichen APA-Absatz gekratzt. Oder genauer: Die Story, wie der Prinz seinen Kameraden zu bergen versucht, wäre vermutlich durch die Yellow-Press gegangen. Mehr aber nicht.

Aber weil die Welt ist, wie sie ist, wurde aus einer für jede Familie gleich fürchterlichen Katastrophe eine staatstragende Geschichte - und ohne die Angst einer Mutter um ihr Kind oder die von zwei Kindern um den Vater in irgendeiner Weise relativieren zu wollen: Der Umgang mit dem Unglück hat und hatte auch seine grotesken Seiten.

Untertanenhaltung

Da war zum einen die Untertanenhaltung, in die das offizielle Medienösterreich ab der ersten Sekunde, in der klar wurde, dass da nicht einfach irgendein betuchter Stammgast vom Arlberg Opfer seines eigenen Freiheitsdrangs geworden war, verfiel.

Daran, dass der Prinz in der Lawine Nachrichtenrelevanz besitzt, zweifle ich ja nicht. Überrascht hat mich aber, dass etwa der ORF in der ersten "Zeit im Bild" Christian Wulff, diverse Sparpäckchen und die Massaker in Syrien hintanstellte und einen Korrespondenten live von vor der Innsbrucker Uni-Klinik berichten ließ, dass es nichts zu berichten gäbe.

Weilen

Dass sich diese Live-Einstiege (Sinngemäß war beim ersten Reportereinstieg dies zu hören: "Sie sehen, an mir fährt gerade ein Polizeiwagen vorbei. Polizei gibt es sonst auch hier - aber es fällt schon auf, dass hier jetzt mehr patrouilliert wird. In den Gängen der Klinik - in die wir nicht hinein dürfen - soll auch privates Sicherheitspersonal sein.") dann bis zur Mitternachts-ZiB zogen, ohne dass auch nur der Hauch einer Nachricht vermittelt wurde, war da eigentlich schon fast schlüssig.

Faszinierend waren die Details. Der Hofknicks in der Sprache der Berichterstattung etwa: Während sich bei einem Normalsterblichen auch indirekte Anreden wie "seine königliche Hoheit" von vornherein nicht ausgehen, ist derlei bei einem Blaublut zwar befremdlich - aber nachvollziehbar. Doch während bürgerliche Krankenhauspatienten von ihren Verwandten schlicht "besucht" oder "aufgesucht" werden, heißt es bei einem Prinzen dann, dass die "königliche Familie" am Bette "weilt". Letzteren - aber auch Prinz Friso - wird es ziemlich wurscht sein, wie Boulevard und Staatsfunk formulieren.

Generalverdacht

Ein anderer Punkt war der Generalverdacht: Praktisch zeitgleich, als der 43-Jährige Johan Friso erst- und notversorgt im Hubschrauber lag, begannen die Unterstellungen. Ein Prinz, wurde in diversen Foren gegeifert, werde rascher, besser und intensiver betreut, als ein Normalsterblicher.

Nicht, dass es keine Zweiklassenmedizin und -gesellschaft gäbe: Aber die Zeit, sich darum zu kümmern, ob der, den man da mit dem Lawinenpieps im Schnee sucht, Sandler, Nobelpreisträger, Missbrauchstäter oder Prinz ist, hat kein Bergretter dieser Welt: Da geht es um Minuten - denn die Überlebenschancen eines Verschütteten sinken ab der 15. Minute in der Lawine drastisch und schnell. Prinz Friso war nach 20 Minuten ausgegraben. Ich möchte den Online-Verunglimpfer sehen, der die Stirn hat, seine Behauptung der Besserbehandlung jenen, die gesucht und geschaufelt haben, ins Gesicht zu sagen.

Ach ja, klar: Ein Prinz wird rascher ausgeflogen und im Krankenhaus besser versorgt. Wie das funktionieren soll, ist mir freilich nicht ganz klar: Fliegt ein Rettungshubschrauber noch Wurstsemmeln holen, wenn der Mann unter der Sauerstoffmaske kein Krönchen trägt? Werden Defibrilator und andere Instrumente oder lebensrettende Maßnahmen nach der Herkunft eines frisch eingelieferten Patienten angewandt und eingesetzt? Oder verwechselt da so manch demokratischer Antiroyalist, was auf einer Intensivstation passiert, mit den Annehmlichkeiten von Wahlmenü, Einzelzimmer und lustigem Schwesterncasting in Privatspitälern - wenn keine Lebensgefahr mehr besteht? Möge der vortreten, der derlei nicht bloß mit Schaum vor dem Mund, sondern auch mit Fakten untermauern kann.

Gleichheitsgrundsatz im Schnee

Dass alle Menschen vor der Lawine und auch vor der Bergrettung gleich sind - wie unter anderem auf derStandard.at einige selbst schon aus dem Schnee Geborgene bestätigten -, bedeutet aber längst nicht, dass sie und ihre Verwandten dann das gleiche Recht auf Mitleid und Anteilnahme hätten. Es gäbe da, las ich in einem Posting auf Facebook, sehr wohl Unterschiede: "Wenn Prinzen & Co. von Lawinen verschüttet werden, geht mir das nicht mehrspurig an der Abt. für Proktologie vorbei, nein, ich muss das einfach ganz ausdrücklich begrüßen und wünsche mir, es gäbe mehr solcher antimonarchistischen Lawinen!" Sogar die Frage, was denn die Angst von Königin Beatrix um ihren Sohn im Kern von der der Supermarktverkäuferin Susi Maier um ihren Sohn, den Installateur Martin, unterscheide, wusste der Poster zu beantworten: "Man kann das nun mal nicht losgelöst betrachten, denn dieser vermeintlich ganz normale Mensch und seine Zugehörigkeit zu einem Anachronismus namens Königshaus bilden eine organische Verbindung."

Sorry, aber bei dieser kruden Logik, die für Mitgefühl und Mitleid eine strenge, vom Standort der Wiege abhängig gemachte, soziale Höchstgrenze einzieht, kann und will ich nicht mit. Aber vermutlich sind wirklich nur vor den Naturgewalten alle Menschen gleich. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 20.2.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 155
1 2 3 4
Dragomir
62
21.2.2012, 13:07

Hätte die Königsfamilie oder irgendwer hier im Forum Mitleid mit mir, gänge ich verschüttet?

Lappe ohne Rentier
01

"gangerte" heißt das!

sonja1978
00
24.2.2012, 19:29

JA!

Ich bin Triple A
01
21.2.2012, 15:02

Ich hätte Mitleid mit Dir.

Dragomir
05
21.2.2012, 13:10

günge

McEntire
04
21.2.2012, 14:58

gönge

nino808
00
21.2.2012, 16:00

gäöünge

Dragomir
00
21.2.2012, 12:02

Alle Menschen sind gleich

Dragomir
00
21.2.2012, 15:32

alle Menschen sind gleich viel wert

linker Schlechtmensch
00
21.2.2012, 14:49
Zum

Glück sind wir alle verschieden, sonst wären wir alle Wiener.

Walter Kaiser.
00
25.2.2012, 09:58
Zum Glück sind wir alle verschieden, sonst hätten wir alle Komplexe :-)

Just N. Opinion
01
21.2.2012, 19:06
Zum Glück ist der Prinz bei dem Unglück nicht verschieden.

Chien de Pique
01
21.2.2012, 13:57

Eher sind absolut alle absolut verschieden, inkl. eineiiger Zwillinge. Man kann künstlich punktuelle Gleichheiten schaffen, zB an bestimmten Rechten.

Hofknicks und Mitleidsverweigerung nach Lawinenunfall des Prinzen?
Mitleidsverweigerung und Hofknicks nach Lawinenunfall des Prinzen?

peter schmidt
 
07
21.2.2012, 10:57
Es mag in Österreich Unterschiede bei der Behandlung zwischen arm und reich geben.

IM Bereich der Notfallmedizin also bei einem Unfall oder einem Herzinfarkt oder ähnlichem ist jedoch der sprichwörtliche Obdachlose mit dem Milliardär völlig gleichgestellt.

War lange beim ROten Kreuz. Es gibt einfach keinen Unterschied. DIe Geschwindigkeit, die eingesetzten Geräte das eingesetzte Personal etc.etc. Es ist wirklich gleich.

Jeder andere wäre auch in dieselbe Klinik gekommen und bei den gleichen Ärzten mit den gleichen Geräten und Medikamenten behandelt worden.

Natürlich kann man sich z.b. bei einer Rehab wenn man wirklich viel Geld hat dann noch Extras leisten. ABer das ist hier nicht das Thema.

Lappe ohne Rentier
00
Beim Roten Kreu, ASB oder sonstigem Rettungsbetreibern vielleicht.

Aber im Spital ist dann endlich Schluss mit lustig und gleicher Behandlung - das wäre ja noch schöner!

Herzelichst
Ihr Lappe

Dramaqueen
02
21.2.2012, 09:53
Wenn Michael Jackson oder Whitney Houston sterben ist es auch anders

also was will der Artikel aufzeigen?

RegallageR
25
21.2.2012, 12:27
der jeannée der bobos

gar nix - der rottenberg ist halt ein boulevard"journalist" der sich gerne als das moralische gewissen in der medienlandschaft inszeniert.
siehe "thunfischesser sind verbrecher".

was er in dem artikel als untertanenhaltung beschreibt ist vielleicht eine fragwürdige prioritätensetzung in der berichterstattung des orf, mehr nicht.
über internationale prominenz die sich in österreich befindet wird immer besonders gern berichtet, das ist ja nichts neues.

und dass man ein menschliches nackerpatzerl sein muss, um einen anderen aufgrund seiner abstammung schlechtes zu wünschen, sollte ja ohnehin offensichtlich sein.
für ihn sind alle menschen gleich - was für ein toller typ!

Lappe ohne Rentier
00
"jeannée der bobos" - das trifft es ganz genau!

FL140
214
21.2.2012, 09:30

Also ich bin ja nicht immer mit Herrn Rottenberg einer Meinung, aber dieser Artikel spricht mir zu tiefst aus der Seele. Gut analysiert und auf den Punkt gebracht!

Kremser
02
21.2.2012, 10:24

wundert mich immer wieder wie vielen menschen aus der seele gesprochen wird wo doch stets bestritten wird dass es eine solche gibt!

Der ewig überraschte Wen
01
21.2.2012, 15:42

hm, nein - ich z.B. behaupte NIE, dass es die nicht gibt.

Sie sollten daher etwas weniger verallgemeinern!

Beispielsweise hätten Sie ja das schreiben können:

"wundert mich immer wieder wie vielen menschen aus der seele gesprochen wird wo viele Menschen doch stets bestreiten, dass es eine solche gibt!"

Aber DAS hätte dann ja KEINEN Sinn mehr gehabt - fürs Marketing GEGEN die Seele
;-)

MynniaIgnea
01
21.2.2012, 14:09

Es liegt an der Sprache. Es gibt kein kürzeres oder prägnantes oder einfach anderes, aber ebenfalls positiv aufgeladenes Sprachbild für "Das ähnelt stark meinen eigenen Gedanken und geht darüber hinaus"

Ph Gudenus
00
21.2.2012, 09:27
Aufrechter Republikanski

ignoriert nicht einmal, wo Lech liegt, dass es diese Örtlichkeit gibt, was sich dort abgespielt hat

17+4
11
21.2.2012, 09:16
gratuliere, eine sehr gute und angemessene

Darstellung der österreichische ORF Presselandschaft.

Man muss den ORF Leuten vielleicht zugute halten, dass man in dieser Anstalt das Buckeln und Dienen und Andienen schon internalieren muss, um dort zu bestehen.

da fält es vielleicht nicht mehr auf, dass es einen Unterschied zu Eure Hoheit der Prinz und eure Hoheit der Indendant gibt. wobei beides von Übel ist.

Ammit
311
21.2.2012, 09:12
...und doch gibt es einen unterschied in der berichterstattung...

...des fehlen die worte: sträflicher leichtsinn, selbstüberschätzung, gefährdung der rettungskräfte, ignoranz der lawinenwarnstufe, die stehen nämlich nur dem fussvolk zu...

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 155
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.