Odysseus statt Herkules

Gastkommentar21. Februar 2012, 09:08
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Finanzielle Interessen sollen auch bei wissenschaftlichen Expertisen offengelegt werden - Von Clemens Kaupa

Die Dokumentation "Inside Job" von Charles Ferguson behandelt die Wurzeln der weltweiten Finanzkrise. Sie beleuchtet insbesondere die zarten Bande, die Industrie und Politik, aber auch Universitäten miteinander verbinden. In der bekanntesten Szene des Films wird Glenn Hubbard, Dekan der Columbia Business School, zur Wirtschaftskrise interviewt. Hubbard ist neben seinem universitären Beruf ein vielgefragter Experte für die Finanzindustrie. So hatte er etwa einige Jahre vor der Krise in einer gemeinsamen Studie mit dem damaligen Chefökonomen von Goldman Sachs erklärt, Kreditderivate würden eine stabilisierende Wirkung auf den Finanzmarkt haben. Großmütig bietet Hubbard im Film seine Analyse der Wirtschaftskrise an, bevor der Interviewer ihn unvermittelt nach seinen zahlreichen Beraterverträgen mit der Finanzindustrie fragt. Hubbard reagiert äußerst verärgert und wirft den Interviewer einfach hinaus: "You have three more minutes, give it your best shot."

Glaubwürdigkeitsproblem für die Wissenschaft?

Die Szene besticht, weil Glenn Hubbard arrogant und überheblich wirkt und damit im Film den perfekten Bösewicht abgibt. Das eigentliche Thema wird von Hubbards Arroganz zwar dramaturgisch unterstrichen, gilt jedoch für nette WissenschafterInnen gleichermaßen: Wie muss man damit umgehen, dass Professoren und Professorinnen Expertisen für Geld erbringen? Kann dies für die Wissenschaft zum Problem werden? Für diese Frage besteht in der akademischen Welt offensichtlich wenig Sensibilität. Anders ist es nicht zu erklären, dass etwa Glenn Hubbard die Frage nach seinen finanziellen Interessen im Zusammenhang mit seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht nur nicht beantwortet, sondern als unerträglichen Affront empfindet.

Enormer Einfluss von Expertisen

Geld für Gutachten, das ist auch in der österreichischen Rechtswissenschaft eine gelebte Praxis. Und auch wenn unsere RechtswissenschafterInnen mit ihren Expertisen wohl keine Finanzkrisen auszulösen vermögen, ist ihr Einfluss doch enorm. In politischen Konflikten können Rechtsgutachten - insbesondere wenn sie von den Titanen der Wiener Fakultät erstattet werden - die politische Dynamik gehörig durcheinanderwirbeln. Der Zusammenhang zwischen Geld und Expertise geht jedoch noch tiefer. In einer weiteren einprägsamen Szene von "Inside Job" fragt der Interviewer den Institutschef des Ökonomie-Departments der Harvard University, John Campbell, warum er seine finanziellen Verbindungen mit der Finanzindustrie nicht in seinen Publikationen offenlegen würde. Würde man nicht genauso gerne wissen wollen, ob eine Medizinerin, die in einem Aufsatz ein Medikament eines bestimmten Unternehmens empfiehlt, von ebendiesem Geld erhält? Campbell weist den Vergleich von sich. Die Vorstellung, dass die bezahlte Beratungstätigkeit die eigene Forschung beeinflussen könnte, erscheint ihm absurd.

Die Annahme, dass viele Menschen die Hand nicht beißen, die sie füttert, scheint einigermaßen Common Sense zu sein. Warum empört es dann ForscherInnen bloß so, wenn man das Problem auch im Wissenschaftsbereich anspricht? Offensichtlich wird die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Geld und Expertise als Kritik an der fachlichen Kompetenz oder, noch schlimmer, an der persönlichen Integrität gesehen. In diesem Sinne möchten sich unsere WissenschafterInnen wohl als jenen Herkules sehen, als den Ronald Dworkin die ideale Juristin und den idealen Juristen geschildert hat. Sind integre Persönlichkeiten gegen den Einfluss des Geldes gefeit? Ist es wirklich so, dass Geld nur auf schwache Menschen Einfluss hat? Dies scheint eine unnötige Moralisierung des Problems zu sein. Unzweifelhaft werden an RechtsprofessorInnen unzählige Anliegen herangetragen, und zwar von Personen und Institutionen, die Geld und Geltung anzubieten haben. Wäre es nicht naiv anzunehmen, dass diese Verlockungen völlig ohne Wirkung bleiben?

Mehr Transparenz

Vielleicht sollten es die Großen unseres Fachs statt mit Herkules besser mit Odysseus halten. Um sicherzugehen, dass er gegen die Verlockungen der Sirenen standhaft bleiben würde, ließ er sich von seinen Kameraden an den Mast seines Segelbootes binden. Eine solche Haltung würde auch den Wiener Titanen gut zu Gesicht stehen. Denn an einer intransparenten Beziehung zwischen Geld und Expertise leidet die gesamte Disziplin, und zwar selbst dann, wenn sich die Einzelpersonen - wie etwa Glenn Hubbard - subjektiv nichts vorzuwerfen haben. Auch die österreichische Rechtswissenschaft leidet an der verbreiteten Unterstellung, dass rechtswissenschaftliche Expertise mitunter käuflich zu erwerben sei. Eine Offenlegung der finanziellen Interessen der ProfessorInnen kann einem solchen Vertrauensverlust begegnen. Nicht nur können sich die ForscherInnen damit vom Vorwurf der Gefälligkeitsforschung freispielen; zusätzlich dient eine solche Offenlegung auch gewissermaßen der Externalisierung des Gewissens. Wer weiß, dass die Nebenverdienste öffentlich einsichtlich sind, wird sich noch stärker als bisher darum bemühen, die eigene wissenschaftliche Tätigkeit von allem Anschein von Gefälligkeitsforschung sauber zu halten. (Clemens Kaupa, derStandard.at, 21.2.2012)

Autor

MMag. Clemens Kaupa ist Universitätsassistent am Institut für Europarecht, Internationales Recht und Rechtsvergleichung der Universität Wien sowie Mitherausgeber des juridikum.

Info

Der Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 4/2011 der Zeitschrift juridikum.

juridikum - zeitschrift für kritik/recht/gesellschaft

Seit mehr als 20 Jahren ist das "juridikum" die Fachzeitschrift, die rechtliche Fragen in ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext beleuchtet. Diesem kritischen Anspruch folgend verbindet das "juridikum" theoretische und praktische Perspektiven. Dabei widmet sich die Rubrik "recht & gesellschaft" aktuellen Themen wie Fremdenrecht, Geschlechterverhältnisse, Polizei- und Strafrecht, soziale Fragen und menschenrechtliche Aspekte. Mit dem "thema" hat jede Ausgabe zusätzlich einen inhaltlichen Schwerpunkt.

Die Aktualität der Beiträge, ihre Praxisrelevanz und Interdisziplinarität machen das "juridikum" zu einer abwechslungsreichen, anspruchsvollen und anregenden Lektüre. Die Zeitschrift erscheint vierteljährlich im hochwertigen Taschenbuchformat beim Verlag Österreich.

HerausgeberInnen: Ronald Frühwirth, Clemens Kaupa, Ines Rössl, Joachim Stern.

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