Der untote Sieger

Leserkommentar21. Februar 2012, 09:09
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Eine Polemik zum Thema Qualität und Billigstbieter und zur "Todesspirale der Klein(st)unternehmer"

Clean and easy. Ich habe mich mit dem neoliberalen Moloch ins Bett gelegt und bin unter ihm erstickt. Dennoch fühle ich mich erleichtert. Keine Angst mehr, denn ich weiß jetzt, wo der Weg hinführt.

Ich bin ein EPU (Ein-Personen-Unternehmen). Beziehungsweise: Bald werde ich eines gewesen sein. Ich biete eine hochqualifizierte Spezialdienstleistung für Unternehmen einer sehr reichen Branche an. Mit vielen sehr reichen, reichen oder zumindest wohlhabenden Shareholders. Mit zigtausenden Mitarbeitern in aller Welt. Jeder einzelne von ihnen wird - wie Millionen andere Mitarbeiter großer, weltweit agierender Unternehmen - in den letzten zehn Jahren zunehmend in Lohnsklaverei genommen. Ausgebeutet, ausgepresst, weggeworfen. Ersetzt durch jüngere, billigere. Im nächsten Job, wenn sie einen finden, werden sie es auch "billiger geben" müssen.

Ach, komisch - die Betriebsergebnisse sind jahrelang gestiegen. Auch in "der Krise". Ach, komisch - die Mitarbeiterzahlen sind gesunken. Die Abgaben sind dank Schüssel I und II nicht gestiegen. Die Kosten der Arbeitslosen zahlen jetzt die, die noch einen Job haben. Es reicht trotzdem nicht. Aber ja, Sparpaket 1.0. Wer zahlt? Die Shareholder? Nö. Die großen Unternehmen? Ach geh.

Nun ja, zurück zu mir. Mein größter Kunde, mit einem großen Anteil an meinem Gesamtumsatz (nebenbei sei gesagt: kein 13., kein 14., Urlaub unbezahlt, also mit elf Monatsgehältern ins Äquivalent zu nehmen. Krankengeld auch nicht), dieser Riese seiner Branche hat also von der Konzernleitung, also: von den Shareholdern, jenen, die mit dem Leid der Menschen gefüttert werden, jetzt den Auftrag bekommen: überall die Billigstbieter.

Die Besten der Branche gehen in Konkurs

Qualität? Ist im Entscheidungsprozess nicht mehr enthalten. Qualität kostet Geld, heißt es immer. Also was ist die logische Folge? Ist nicht mehr im Entscheidungsprozess enthalten. Wird nicht mehr bezahlt. Und nicht geliefert. Weil nicht bestellt. Weitere Folge: Die Besten der Branche gehen in Konkurs. Lauter EPUs und Kleinstunternehmen. Europaweit. Werden von den Lohnsklaven (merke: nicht von den Shareholdern. Nicht!) der Moloche miterhalten. Die wieder mehr und immer schneller immer noch mehr arbeiten müssen. Oft in Angst. Weitere Folge davon? Scheidungen. Alkoholismus. Burn-out (halbes Jahr Krankenstand. Verursacht, aber nicht bezahlt von den Molochen oder deren Shareholdern). Suizid. Unbezahltes Leid der Angehörigen.

Schlimm für wenige? Schlimm für alle. Beispiel Griechenland. Denn das geht ja nicht nur mit Menschen, das geht mit ganzen Ländern so. Aussaugen zuerst (Banken mit ihren Zuarbeitern, den Ratingagenturen). Dann niederprügeln (andere Länder unter der Peitsche der ganz großen, äh, Banken etc.). Dann auf sie eintreten (ja, ja). Und schließlich doch wegwerfen und sich den Nächsten vornehmen.

Ja, und die Untersten der Kette haben dann auch kein Geld mehr und kaufen nur mehr das Billigste und ... ja, wissen wir. Geht seit 30 Jahren so. Immer schneller. Das schwarze Loch.

Die Regierungen regieren nicht. Die faktische Gesetzesmacht haben sie nicht mehr. Sie stehen unter der Knute der ... genau. Moment - waren nicht die meisten Banken ehedem verstaatlicht? Systembanken? Ach so, ja: mehr privat, weniger Staat. Guter Slogan, Herr Schüssel. Sie merken nichts von den Folgen. Noch. Noch scheint es, als habe der totgesagte Neoliberalismus vorerst gewonnen. Untot.

"Ja, aber die faulen Kredite steigen und ... die Shareholder ... Sie wissen." Die faulen Kredite steigen? Na klar, wolltet ihr ja so! Habt ihr ja selbst gemacht mit einem eurer anderen acht Köpfe! Nachzuschlagen unter Hydra!

Hier schließt sich also der Kreis. Und an jedem einzelnen Punkt haben wir bezahlt. "We are the 99 percent", hieß der Slogan der Occupy-Bewegung. Wohin das führt? Sehen wir in Griechenland. Haben wir bei den Bauernkriegen gesehen. Letztlich auch 1934. Auch wenn's da ursprünglich um Politik ging. Am Schluss ging's dann aber auch da ums nackte Überleben.

Und ich? Anfang der 50, schon lange geschieden, studierendes Kind mitzuerhalten, Wohnung noch nicht fertig bezahlt, ja ja, der Franken, unvermittelbar, höchstqualifiziert, per Serien-E-Mail aufgefordert, sich an einer Auktion zu beteiligen - versteigert wird ein Auftrag, zwei Drittel des Umsatzes weg, ein paar andere wollen ja auch leben, der Kunde kaum ersetzbar in dem engen Markt, heißt: rasch agieren, zusperren, weil sonst: Privatkonkurs. EPU halt. 27 Wochen Arbeitslosengeld, von früher her. Und dann?

Ich habe keine Angst mehr, denn ich weiß jetzt, wohin der Weg führt. (Leserkommentar, Maran Tana, derStandard.at, 21.2.2012)

Autor

Maran Tana, PhD, Jahrgang 1959, lebt als Kleinstunternehmer in Wien.

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