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Clean and easy. Ich habe mich mit dem neoliberalen Moloch ins Bett gelegt und bin unter ihm erstickt. Dennoch fühle ich mich erleichtert. Keine Angst mehr, denn ich weiß jetzt, wo der Weg hinführt.
Ich bin ein EPU (Ein-Personen-Unternehmen). Beziehungsweise: Bald werde ich eines gewesen sein. Ich biete eine hochqualifizierte Spezialdienstleistung für Unternehmen einer sehr reichen Branche an. Mit vielen sehr reichen, reichen oder zumindest wohlhabenden Shareholders. Mit zigtausenden Mitarbeitern in aller Welt. Jeder einzelne von ihnen wird - wie Millionen andere Mitarbeiter großer, weltweit agierender Unternehmen - in den letzten zehn Jahren zunehmend in Lohnsklaverei genommen. Ausgebeutet, ausgepresst, weggeworfen. Ersetzt durch jüngere, billigere. Im nächsten Job, wenn sie einen finden, werden sie es auch "billiger geben" müssen.
Ach, komisch - die Betriebsergebnisse sind jahrelang gestiegen. Auch in "der Krise". Ach, komisch - die Mitarbeiterzahlen sind gesunken. Die Abgaben sind dank Schüssel I und II nicht gestiegen. Die Kosten der Arbeitslosen zahlen jetzt die, die noch einen Job haben. Es reicht trotzdem nicht. Aber ja, Sparpaket 1.0. Wer zahlt? Die Shareholder? Nö. Die großen Unternehmen? Ach geh.
Nun ja, zurück zu mir. Mein größter Kunde, mit einem großen Anteil an meinem Gesamtumsatz (nebenbei sei gesagt: kein 13., kein 14., Urlaub unbezahlt, also mit elf Monatsgehältern ins Äquivalent zu nehmen. Krankengeld auch nicht), dieser Riese seiner Branche hat also von der Konzernleitung, also: von den Shareholdern, jenen, die mit dem Leid der Menschen gefüttert werden, jetzt den Auftrag bekommen: überall die Billigstbieter.
Die Besten der Branche gehen in Konkurs
Qualität? Ist im Entscheidungsprozess nicht mehr enthalten. Qualität kostet Geld, heißt es immer. Also was ist die logische Folge? Ist nicht mehr im Entscheidungsprozess enthalten. Wird nicht mehr bezahlt. Und nicht geliefert. Weil nicht bestellt. Weitere Folge: Die Besten der Branche gehen in Konkurs. Lauter EPUs und Kleinstunternehmen. Europaweit. Werden von den Lohnsklaven (merke: nicht von den Shareholdern. Nicht!) der Moloche miterhalten. Die wieder mehr und immer schneller immer noch mehr arbeiten müssen. Oft in Angst. Weitere Folge davon? Scheidungen. Alkoholismus. Burn-out (halbes Jahr Krankenstand. Verursacht, aber nicht bezahlt von den Molochen oder deren Shareholdern). Suizid. Unbezahltes Leid der Angehörigen.
Schlimm für wenige? Schlimm für alle. Beispiel Griechenland. Denn das geht ja nicht nur mit Menschen, das geht mit ganzen Ländern so. Aussaugen zuerst (Banken mit ihren Zuarbeitern, den Ratingagenturen). Dann niederprügeln (andere Länder unter der Peitsche der ganz großen, äh, Banken etc.). Dann auf sie eintreten (ja, ja). Und schließlich doch wegwerfen und sich den Nächsten vornehmen.
Ja, und die Untersten der Kette haben dann auch kein Geld mehr und kaufen nur mehr das Billigste und ... ja, wissen wir. Geht seit 30 Jahren so. Immer schneller. Das schwarze Loch.
Die Regierungen regieren nicht. Die faktische Gesetzesmacht haben sie nicht mehr. Sie stehen unter der Knute der ... genau. Moment - waren nicht die meisten Banken ehedem verstaatlicht? Systembanken? Ach so, ja: mehr privat, weniger Staat. Guter Slogan, Herr Schüssel. Sie merken nichts von den Folgen. Noch. Noch scheint es, als habe der totgesagte Neoliberalismus vorerst gewonnen. Untot.
"Ja, aber die faulen Kredite steigen und ... die Shareholder ... Sie wissen." Die faulen Kredite steigen? Na klar, wolltet ihr ja so! Habt ihr ja selbst gemacht mit einem eurer anderen acht Köpfe! Nachzuschlagen unter Hydra!
Hier schließt sich also der Kreis. Und an jedem einzelnen Punkt haben wir bezahlt. "We are the 99 percent", hieß der Slogan der Occupy-Bewegung. Wohin das führt? Sehen wir in Griechenland. Haben wir bei den Bauernkriegen gesehen. Letztlich auch 1934. Auch wenn's da ursprünglich um Politik ging. Am Schluss ging's dann aber auch da ums nackte Überleben.
Und ich? Anfang der 50, schon lange geschieden, studierendes Kind mitzuerhalten, Wohnung noch nicht fertig bezahlt, ja ja, der Franken, unvermittelbar, höchstqualifiziert, per Serien-E-Mail aufgefordert, sich an einer Auktion zu beteiligen - versteigert wird ein Auftrag, zwei Drittel des Umsatzes weg, ein paar andere wollen ja auch leben, der Kunde kaum ersetzbar in dem engen Markt, heißt: rasch agieren, zusperren, weil sonst: Privatkonkurs. EPU halt. 27 Wochen Arbeitslosengeld, von früher her. Und dann?
Ich habe keine Angst mehr, denn ich weiß jetzt, wohin der Weg führt. (Leserkommentar, Maran Tana, derStandard.at, 21.2.2012)
Autor
Maran Tana, PhD, Jahrgang 1959, lebt als Kleinstunternehmer in Wien.
Zuerst einmal danke schön für die vielen Postings.
Antworten auf ein paar Fragen:
* Nein, nicht im IT-Bereich
* Es handelt sich um ein Geschäftsfeld mit wenigen potenziellen Kunden und noch weniger Qualitätsanbietern, bis auf einen EPUs. Aber das billige Ausland lockt, mit entsprechend weniger Qualität, u.a. weil die notwendige Kundenkenntnis fehlt.
Es tut sich im übrigen ein Abgrund an Unprofessionalität und Desinformation auf, den ich leider hier nicht im Detail beschreiben kann. Ist so schon gefährlich genug.
aber das stimmt nicht, das einzige, was stimmt, ist der mangelhafte Charakter der Politiker.
Sie fühlen sich nicht dem Wähler verantwortlich, ihr Wissen ist nicht in eigener Erfahrung fundiert, daher sind sie abhängig, große Unsicherheit bezüglich Entscheidungen, ja keine falsche, dann lieber nicht, was ist, wenn der verkehrte Effekt eintritt?
Siehe das Gegurke der beiden österreichischen Spitzenpolitiker um das sog. Sparpaket, man sollte einmal die Sprache darumherum analysieren und wird draufkommen, dass sie sich in nichts von der Wulffs unterscheidet.
Und nochwas: wir würden bessere Politiker verdienen, aber wie bringen wir die weg, die den Weg verstellen.
Es regiert der supernationale Souverän "Kapital".
Das Geld steht über dem Staat und über der Demokratie.
(Das merkt man zB an "unabhängigen" Zentralbanken).
Die Regierung hat sich bei ihren Entscheidungen eben nach dem Kapital zu richten. Wenn man eine Entscheidung gegen die Interessen des Kapitals trifft, dann ist das Kapital weg...
So sieht doch die Realität aus!
Händeringend sucht die Wirtschaft Fachkräfte und betont mit Nachdruck, dass sie diesen Bedarf nur durch zusätliche Kontingente von ausländischen Mitarbeitern abdecken kann.
Ich nehme an, dass sich im kontingentfreien Raum bald viele Griechen und Spanier einfinden werden, die froh sind, wenn sie auch nur um 8,50 Stundenlohn arbeiten können.
- Mehrjährige berufliche Erfahrung
- Kenntnisse auf Experten-Niveau in mehreren Frontend-Technologien
- Fundierte Kenntnisse
- Stundenlohn 9€ auf Werksvertragsbasis
http://stellenanzeige.monster.at/GetJob.as... =104040954
Vielleicht ist es einfach ein tippfehler. Ansonsten: naja, es gibt immer mal wieder irgendwelche typen, die glauben, erdnüsse zahlen zu können. Dafür kriegen die dann halt affen. Gulp liefert halbwegs realistische zahlen zu den stundensätzen im it-bereich. Die 9€ sind mindestens um den faktor 6 zu niedrig.
Auch wenn es keine bösen Bankster gäbe: Die Gründung eines Unternehmens, das von bloß einem Hauptauftraggeber abhängig ist, war und ist ein riskantes Unterfangen. Der Auftraggeber kann pleite gehen, die persönliche Chemie stimmt nicht mehr, nicht jede Entscheidung wird rational gefällt, Qualität ist eben manchmal, aber nicht immer, das wichtigste Kriterium... Unternehmer, speziell EPU, zu sein ist riskant. Manchmal wird man dabei reich - oft aber nur an Erfahrungen. Vielleicht liegt es an der durchlittenen Enttäuschung - eine Spur von Selbstkritik finde ich in dem ganzen Artikel nicht.
ist kaum eine EPU mit der immer unterstellten Freiwilligkeit gegründet worden.
Es liegt ein Prekariat vor.
Die "Krankenkasse" muß 10% ihrer "Kunden" pfänden - 20% Selbstbehalt können sich die sowieso eh nicht mehr leisten.
Ich bezweifle, dass die Besten eingehen. Es bleiben eben überall nur die besten und die billigsten übrig, was ein bißchen wenig ist, wenn man Kompromisse machen will.
Ich kaufe aber auch im Privatbereich selten das Billigste.
Im übrigen ist der beschriebene EPU eben kein Unternehmer, sondern ein Tagelöhner.
"Ich bezweifle, dass die Besten eingehen. Es bleiben eben überall nur die besten und die billigsten übrig"
Hier präsentieren Sie einen Zielkonflikt. Sie behaupten, es gäbe eine Kategorie der "Besten UND Billigsten". Ich behaupte: Die gibt es nicht. Es gibt eine Kategorie der Besten, die gehen ein, denn billige schlechte Produkte verdrängen kurz- und mittelfristig teurere gute Produkte vom Markt. Es gibt eine Kategorie der Billigsten, die halten sich eine zeitlang über Wasser, sind aber einem erbittertem Dauerpreiskampf ausgesetzt, bis sie entweder liquidieren oder übernommen werden.
Die Kombination aus "Bestens" und "Billigst" gibt es nicht.
wie lange würden sie sich als "bester" eines unternehmens am freien markt behaupten können? ich anworte als kleinunternehmer: keinen tag. qualifikation ist lediglich grundlage für erfolg, keineswegs garant. networking, marketing sprech, vergewaltigung des gewissen gehören dazu. es ist immer leicht, als angestellter gross zu tönen. beweisen sie sich als unternehmer. der preis für diesen erfolg ist hoch. und das beste zu kaufen wird ihnen lange nicht möglich sein, bis sie die durststrecke hinter sich haben. ich habe als epu begonnen, mir war aber immer klar, dass es mal ein unternehmen sein muss. das kreide ich dem kollegen schon an. angestellten, die nichts wagen, steht kritik da aber nicht zu. es ist ne andere welt.
der Masseverwalter zahlt dann natürlich keine Abgaben von den einbehaltenen Honoraren, weil diese ja keine existenznotwendigen Ausgaben darstellen.
Dann kommt die SVA und das Finanzamt um Abgaben zu fordern, die man ja nicht einmal theoretisch haben kann. (Die hat ja gerade der Masseverwalter einbehalten)
Jetzt bin ich wieder im Konkurs vom Konkurs.
Ist eine Riesen-Verarsche, was da abläuft.
Ich habe mich dem Widerstand angeschlossen.
Dieser Staat als Wegbereiter des Kapitals muß mit allen Mitteln bekämpft werden.
http://tinyurl.com/87tprxs
Fazit: Fällst du einmal auf die Nase, kniet der Staat auf dir, daß du sicher liegen bleibst.
Der braucht dich nämlich nicht, sondern kriegt Kredit vom Kapitalmarkt.
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