Dermatozoenwahn: Was krabbelt unter der Haut?

  • Wie will man jemanden, der fest von der Idee überzeugt ist, 
Ungeziefer unter der Haut zu haben, vom Gegenteil überzeugen?
    foto: ap/denis farrell

    Wie will man jemanden, der fest von der Idee überzeugt ist, Ungeziefer unter der Haut zu haben, vom Gegenteil überzeugen?

Manche Menschen sind wahnhaft davon überzeugt, von Ungeziefer befallen zu sein - Die Beweisstücke dafür bringen sie bei Arztbesuchen oft gleich mit

Eine der wohl schlimmsten Vorstellungen und wiederkehrender Klassiker in Horrorfilmen: von Parasiten befallen zu sein, die dicht unter der Haut ihr Unwesen treiben. Spüren, wie sich die kleinen Tiere - ob Würmer, Milben oder sonstige Lebewesen - unter der Haut schlängeln, beißen und sich vermehren. Ein Befall mit Fadenwürmern und ähnlichen Parasiten ist medizinisch betrachtet in vielen Ländern keine Seltenheit. In unseren Breiten finden sich Patienten mit dieser Symptomatik kaum, und wenn doch, sind es überwiegend Menschen, die Länder besucht haben, in denen Ungezieferbefälle häufiger vorkommen.

Bei manchen Menschen bestätigt sich der Verdacht, von Parasiten befallen zu sein, im Zuge einer ärztlichen Untersuchung nicht. Und dennoch spüren sie unter der Haut ein Jucken und Kribbeln, was sie veranlasst, immer wieder Ärzte zu konsultieren - vermeintlich kompetentere, die endlich die Ursache dafür finden sollen. Doch statt der erhofften Diagnose Parasitenbefall hören sie Dermatozoenwahn. Der Begriff, der so viel heißt wie Haut-Ungeziefer-Wahn, steht für die wahnhafte Vorstellung, Parasiten unter der Haut zu beherbergen.

Betroffene sind fest von dieser Vorstellung überzeugt und lassen sich diese auch von Medizinern nicht ausreden. "Patienten bringen dann oft schon 'Beweisstücke' für den Ungeziefer-Befall in Kistchen und Kassetten mit. Darin befinden sich dann die vermeintlich gesammelten Tiere: Hautschuppen, Stofffasern, Wollfäden, Schmutzpartikel und Ähnliches, das sich auf der Haut ansammelt", sagt Eva Lehner-Baumgartner, leitende klinische Psychologin am AKH Wien.

Spuren auf der Haut

Wahnerkrankungen, zu denen auch der Dermatozoenwahn zählt, kommen sehr selten vor. Experten gehen von einer Prävalenz von 0,03 Prozent für alle Wahnerkrankungen gemeinsam aus. Genauere Daten zum Dermatozoenwahn gibt es keine, dafür ist dieses Phänomen offenbar zu selten. Was man weiß: Frauen sind in einem Verhältnis von 3:1 häufiger als Männer betroffen, meist leiden ältere, alleinstehende und sozial isoliert lebende Frauen daran.

Den Beginn der Wahnvorstellung macht meist ein Kribbeln und Jucken der Haut. "Diese Hautempfindungen haben Betroffene wirklich, die sind nicht eingebildet, und die Empfindungen steigern sich, bis es zu einer wahnhaften Fixierung kommt", so Lehner-Baumgartner. Das viele Kratzen sensibilisiert die Nerven in der Haut zusätzlich, was den Juckreiz verstärkt und Patienten noch stärker kratzen lässt. Ein Teufelskreislauf entsteht.

Die Haut Betroffener zeigt deshalb vom vermeintlichen Parasiten-Befall oft schon Spuren: Rötungen, Irritationen, offene Stellen oder Verkrustungen haben Patienten - meist auf den Armen - vorzuweisen. Kein Wunder, da das ständige Kratzen sowie Versuche, die Ursache für ihr Unbehagen nach gescheiterten Arztbesuchen selbst zu entfernen, die Haut verletzen. "Durch das Manipulieren der Haut mit Pinzetten, Nadeln oder auch durch die Verwendung besonders aggressiver Reinigungsmittel wird die Haut oft massiv in Mitleidenschaft gezogen", sagt die Psychologin.

Viele Patienten fühlen sich von Ärzten oft zu schnell abgefertigt - überhaupt bei vollen Wartezimmern. "Dermatologen sollten Gewebe der Haut analysieren und auch unter dem Mikroskop anschauen, damit Patienten das Gefühl haben, an einer Stelle zu sein, die sie ernst nimmt", so Lehner-Baumgartner. Denn gerade bei diesen Patienten sei es wichtig, sie ernst zu nehmen und sich für eine genaue Untersuchung der betroffenen Hautstelle Zeit zu nehmen. Ansonsten werden Betroffene in ihrem Wahn oft noch bestärkt, berufen sich auf mangelnde ärztliche Kompetenz und wenig Bereitschaft der Mediziner, Nachforschungen anzustellen.

Schwierige Therapieversuche

Aber wie will man nun jemanden, der fest von der Idee überzeugt ist, Ungeziefer unter der Haut zu haben, vom Gegenteil überzeugen? "Das gestaltet sich meist sehr schwierig", bestätigt die Medizinerin. Die Behandlung ist immer eine Kombination aus psychologischer, psychiatrisch-medikamentöser und dermatologischer Therapie. Den Anfang macht die Wundversorgung der Haut. In einem nächsten Schritt müsse abgeklärt werden, ob dem ungewöhnlichen Hautgefühl organische Ursachen zugrunde liegen. Erkrankungen wie Krebs oder Vitamin-B-Mangel können Kribbelgefühle auf der Haut verursachen, ebenso Nebenwirkungen von Medikamenten. Zudem gilt es, andere psychische, psychiatrische und hirnorganische Erkrankungen abzuklären - etwa Wahnerkrankungen, eine Schizophrenie, Demenz, Depression oder drogeninduzierte Psychose.

Für Patienten macht bis auf die Wundversorgung allerdings keine der Behandlungen Sinn, da für sie die Ursache der Hautirritationen längst klar ist. Mediziner müssen daher Rahmenbedingungen schaffen, die diese wahnhafte Fixierung ein Stück aufbrechen, damit sich Patienten überhaupt auf eine Behandlung einlassen. Daher müssten Ärzte diesen Menschen behutsam und einfühlend erklären, dass ihre Symptomatik auf zwei Ursachen beruht: dass sie einerseits tatsächlich ein Jucken und Kribbeln wahrnehmen, andererseits aber auch ein psychischer Hintergrund mitspielt, der sie glauben lässt, es seien Tiere unter der Haut.

Eine Heilung gibt es nicht, aber man kann den Wahn durch Reduzierung der Symptomatik stilllegen. Leider ist oftmals der Therapiebeginn zugleich das -ende: "Denn was würden Sie tun, wenn Sie glauben, einen gebrochenen Fuß zu haben, und ein Mediziner sagt Ihnen, Sie hätten ein anderes Problem, vielleicht gar ein psychisches. Wir würden den Mediziner nicht ernst nehmen und den nächsten Arzt aufsuchen - und in der gleichen Situation erleben sich die Patienten", erklärt Lehner-Baumgartner. Nur wenn es von Beginn an gelingt, eine gute Beziehungsbasis zwischen Arzt und Patient zu schaffen, besteht eine kleine Chance auf Therapiemotivation. (urs, derStandard.at, 29.2.2012)

Share if you care