Dermatozoenwahn: Was krabbelt unter der Haut?

Ursula Schersch
29. Februar 2012, 16:58
  • Wie will man jemanden, der fest von der Idee überzeugt ist, 
Ungeziefer unter der Haut zu haben, vom Gegenteil überzeugen?
    foto: ap/denis farrell

    Wie will man jemanden, der fest von der Idee überzeugt ist, Ungeziefer unter der Haut zu haben, vom Gegenteil überzeugen?

Manche Menschen sind wahnhaft davon überzeugt, von Ungeziefer befallen zu sein - Die Beweisstücke dafür bringen sie bei Arztbesuchen oft gleich mit

Eine der wohl schlimmsten Vorstellungen und wiederkehrender Klassiker in Horrorfilmen: von Parasiten befallen zu sein, die dicht unter der Haut ihr Unwesen treiben. Spüren, wie sich die kleinen Tiere - ob Würmer, Milben oder sonstige Lebewesen - unter der Haut schlängeln, beißen und sich vermehren. Ein Befall mit Fadenwürmern und ähnlichen Parasiten ist medizinisch betrachtet in vielen Ländern keine Seltenheit. In unseren Breiten finden sich Patienten mit dieser Symptomatik kaum, und wenn doch, sind es überwiegend Menschen, die Länder besucht haben, in denen Ungezieferbefälle häufiger vorkommen.

Bei manchen Menschen bestätigt sich der Verdacht, von Parasiten befallen zu sein, im Zuge einer ärztlichen Untersuchung nicht. Und dennoch spüren sie unter der Haut ein Jucken und Kribbeln, was sie veranlasst, immer wieder Ärzte zu konsultieren - vermeintlich kompetentere, die endlich die Ursache dafür finden sollen. Doch statt der erhofften Diagnose Parasitenbefall hören sie Dermatozoenwahn. Der Begriff, der so viel heißt wie Haut-Ungeziefer-Wahn, steht für die wahnhafte Vorstellung, Parasiten unter der Haut zu beherbergen.

Betroffene sind fest von dieser Vorstellung überzeugt und lassen sich diese auch von Medizinern nicht ausreden. "Patienten bringen dann oft schon 'Beweisstücke' für den Ungeziefer-Befall in Kistchen und Kassetten mit. Darin befinden sich dann die vermeintlich gesammelten Tiere: Hautschuppen, Stofffasern, Wollfäden, Schmutzpartikel und Ähnliches, das sich auf der Haut ansammelt", sagt Eva Lehner-Baumgartner, leitende klinische Psychologin am AKH Wien.

Spuren auf der Haut

Wahnerkrankungen, zu denen auch der Dermatozoenwahn zählt, kommen sehr selten vor. Experten gehen von einer Prävalenz von 0,03 Prozent für alle Wahnerkrankungen gemeinsam aus. Genauere Daten zum Dermatozoenwahn gibt es keine, dafür ist dieses Phänomen offenbar zu selten. Was man weiß: Frauen sind in einem Verhältnis von 3:1 häufiger als Männer betroffen, meist leiden ältere, alleinstehende und sozial isoliert lebende Frauen daran.

Den Beginn der Wahnvorstellung macht meist ein Kribbeln und Jucken der Haut. "Diese Hautempfindungen haben Betroffene wirklich, die sind nicht eingebildet, und die Empfindungen steigern sich, bis es zu einer wahnhaften Fixierung kommt", so Lehner-Baumgartner. Das viele Kratzen sensibilisiert die Nerven in der Haut zusätzlich, was den Juckreiz verstärkt und Patienten noch stärker kratzen lässt. Ein Teufelskreislauf entsteht.

Die Haut Betroffener zeigt deshalb vom vermeintlichen Parasiten-Befall oft schon Spuren: Rötungen, Irritationen, offene Stellen oder Verkrustungen haben Patienten - meist auf den Armen - vorzuweisen. Kein Wunder, da das ständige Kratzen sowie Versuche, die Ursache für ihr Unbehagen nach gescheiterten Arztbesuchen selbst zu entfernen, die Haut verletzen. "Durch das Manipulieren der Haut mit Pinzetten, Nadeln oder auch durch die Verwendung besonders aggressiver Reinigungsmittel wird die Haut oft massiv in Mitleidenschaft gezogen", sagt die Psychologin.

Viele Patienten fühlen sich von Ärzten oft zu schnell abgefertigt - überhaupt bei vollen Wartezimmern. "Dermatologen sollten Gewebe der Haut analysieren und auch unter dem Mikroskop anschauen, damit Patienten das Gefühl haben, an einer Stelle zu sein, die sie ernst nimmt", so Lehner-Baumgartner. Denn gerade bei diesen Patienten sei es wichtig, sie ernst zu nehmen und sich für eine genaue Untersuchung der betroffenen Hautstelle Zeit zu nehmen. Ansonsten werden Betroffene in ihrem Wahn oft noch bestärkt, berufen sich auf mangelnde ärztliche Kompetenz und wenig Bereitschaft der Mediziner, Nachforschungen anzustellen.

Schwierige Therapieversuche

Aber wie will man nun jemanden, der fest von der Idee überzeugt ist, Ungeziefer unter der Haut zu haben, vom Gegenteil überzeugen? "Das gestaltet sich meist sehr schwierig", bestätigt die Medizinerin. Die Behandlung ist immer eine Kombination aus psychologischer, psychiatrisch-medikamentöser und dermatologischer Therapie. Den Anfang macht die Wundversorgung der Haut. In einem nächsten Schritt müsse abgeklärt werden, ob dem ungewöhnlichen Hautgefühl organische Ursachen zugrunde liegen. Erkrankungen wie Krebs oder Vitamin-B-Mangel können Kribbelgefühle auf der Haut verursachen, ebenso Nebenwirkungen von Medikamenten. Zudem gilt es, andere psychische, psychiatrische und hirnorganische Erkrankungen abzuklären - etwa Wahnerkrankungen, eine Schizophrenie, Demenz, Depression oder drogeninduzierte Psychose.

Für Patienten macht bis auf die Wundversorgung allerdings keine der Behandlungen Sinn, da für sie die Ursache der Hautirritationen längst klar ist. Mediziner müssen daher Rahmenbedingungen schaffen, die diese wahnhafte Fixierung ein Stück aufbrechen, damit sich Patienten überhaupt auf eine Behandlung einlassen. Daher müssten Ärzte diesen Menschen behutsam und einfühlend erklären, dass ihre Symptomatik auf zwei Ursachen beruht: dass sie einerseits tatsächlich ein Jucken und Kribbeln wahrnehmen, andererseits aber auch ein psychischer Hintergrund mitspielt, der sie glauben lässt, es seien Tiere unter der Haut.

Eine Heilung gibt es nicht, aber man kann den Wahn durch Reduzierung der Symptomatik stilllegen. Leider ist oftmals der Therapiebeginn zugleich das -ende: "Denn was würden Sie tun, wenn Sie glauben, einen gebrochenen Fuß zu haben, und ein Mediziner sagt Ihnen, Sie hätten ein anderes Problem, vielleicht gar ein psychisches. Wir würden den Mediziner nicht ernst nehmen und den nächsten Arzt aufsuchen - und in der gleichen Situation erleben sich die Patienten", erklärt Lehner-Baumgartner. Nur wenn es von Beginn an gelingt, eine gute Beziehungsbasis zwischen Arzt und Patient zu schaffen, besteht eine kleine Chance auf Therapiemotivation. (urs, derStandard.at, 29.2.2012)

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Ich habe durchaus Verständnis für derartiges Leiden...

da ich vor langer Zeit einmal eine Reportage auf VOX gesehen habe, die mir bis heute noch hin und wieder ins Gedächtnis rutscht.
Es gibt Ereignisse, und seien sie nur über dem Fernseher beobachtet, die fressen sich ins Unterbewusstsein.

Seit dem (und ein paar Filmchen ala Splatter) achte ich sehr darauf, welche Filme ich mir ansehe.

Warnung, nur was für hart gesottene: http://www.youtube.com/watch?v=o0nYt8fLZYM
(konnte es mir selber nicht mehr ansehen)

Halb so wild ;)

Lexikon

der unheilbaren Wahnvorstellungen.
Geeignete Lektüre für Hypochonder :-)

MACH DIE SPINNE WEG

mach sie weg, mach sie weg, mach sie weeeeg!!!!!!!!!!!!!!!

Früher war ich Schizophrän. Heute gehts uns schon besser!

Nachdem dieses Thema hier vorrangig bis ausschließlich auf dem Gebiet Wahnvorstellung diskutiert wird,

... möchte ich auch noch eine milde Wahnspende beitragen.

http://www.youtube.com/watch?v=0... r_embedded

It hurts us.

Finger weg von meiner Paranoia,
die war mir immer lieb und teuer.

Element of Crime

Bekannte Situation

Die Ärzte kennen nur Zecken, Läuse, Flöhe, Wanzen, Spinnenbisse une einige "Exoten", der Rest ist Paranoia und gehört auf die Psychiatrie (Ein Pharmakunde mehr)
Es gibt aber mehr (wie die etwa "aouta" der Weinlesezeit, und andere Milbenarten).
Dabei ist die Differentialdiagnose ganz einfach: wenn etwas AUF der Haut krabbelt -mit Olivenöl einreiben...

Wenns für den Arzt im konkreten Fall eindeutig ist, daß es sich bei einem Patienten um ein rein psychisches Problem handelt, wär's wahrscheinlich um einiges hilfreicher ihn/sie nicht mit einer Diagnose wie "Da ist nichts, das bilden Sie sich nur ein!" vor den Kopf zu stoßen, sondern einfach eine "ganz sensationelle, neu auf den Markt gekommene und in solchen Fällen 100% wirksame" Placebo-Creme zu verschreiben...

Einen Versuch wärs wert. "Sie glauben von Fliegen befallen zu sein? Probieren Sie Spinnencreme!"

wahnvorstellung durch heilvorstellung kuriert :-) genial!

blöd wärs halt umgekehrt:
die wahnvorstellung gründet sich auf nichts, das placebo ebenfalls -> 0x0=0?

Wieso?

wenn die Wahnvorstellung dann weg ist ist der Nutzen 100%.

Leider verschwinden Wahnvorstellungen nicht einfach so durch Placebo oder Hokuspokus, sonst wäre es wohl kein Wahn. Was man mit so einer Intervention erreicht ist, im ungünstigsten Fall, dass man in das Wahnsystem eingebaut wird. Zu sagen, dass der Pat. sich alles nur einbildet ist allerdings ebenso falsch, damit gewinnt man sicher nicht das Vertrauen von Wahnkranken. Richtigerweise sollte man sagen, dass die Überzeugung, dass sich Tiere unter der Haut befinden, aus professioneller Sicht nicht nachvollziehbar ist und die Möglichkeit einer psychischen Erkrankung in Betracht gezogen werden muss - und dass es dafür Spezialisten gibt.

also wenn sie es wüssten, dass ein patient eventuell durch placebo zu 100% davon befreit werden könnte würden sie dem trotzdem nicht zustimmen, sehe ich das richtig?

Durch Placebo gibt es keine 100%-ige Heilung, bei Depressionen wirken Placebos zu ca. 30% (im Vergleich: Antidepressiva zu 70%). Wahnerkrankungen sind durch Placebo gar nicht beeinflußbar, daher stellt sich die Frage, ob ich Placebo zustimmen würde nicht.

haha

noch einmal ...

der patient glaubt es krabbelt etwas unter der haut ... man verschreibt ihm ein medikament und sagt ihm nicht dass es placebo ist ...

warum sollte dieses placebo also weniger/besser wirken als irgendeine psychopharmaka, wenn esl in wirklichkeit kein problem gibt und es nur einbildung ist???

Man merkt, dass Sie noch nie mit Wahnkranken zu tun hatten. Eine kleine Geschichte zum leichteren Verständnis: Ich hatte stationär einen Patienten, der der Überzeugung war, einen Chip zwischen den Augen implantiert zu haben, durch den er von übergeordneten Mächten gesteuert würde. Nach 2 längeren Gesprächen war er dazu zu bringen, die entsprechende Medikation einzunehmen. Die Wahnsymptomatik wurde dadurch etwas in den Hintergrund gedrängt. Dann kam eine junge, unerfahrene Psychologin auf die glorreiche hausgemachte Idee, dass der Pat. mittels zweier Magneten (die sich sonst an ihrem Kühlschrank befanden) den Chip entfernen könnte. Der Erfolg war, dass der Pat. die Medikation absetzte, der Wahn noch drängender wurde und er versuchte... %

%... den Chip mittels Rasierklinge zu entfernen. Der Pat. musste aufgrund der akuten Selbstgefährdung untergebracht, fixiert und gegen seinen Willen behandelt werden. Ich mutmasse, die Tiere würden, falls die Placebosalbe wirkt, in tiefere Schichten ausweichen (Muskulatur, innere Organe). Die Folgen (auch die rechtlichen für den kurpfuschenden Dermatologen) wären unangenehm.
Zur Fortbildung die Wahnkriterien:
1. subjektive Gewißheit: die Überzeugung hat hohe unerschütterliche subjektive Evidenz.
2. Unkorrigierbarkeit: von der ich-bezogenen Überzeugung kann nicht abgesehen werden, da die Fähigkeit zum Wechsel des Bezugssystems fehlt.
3. Unwiderlegbarkeit: die Überzeugung beruht gänzlich auf sich selbst u. bedarf keines Beweises.

%... den Chip mittels einer Rasierklinge zu entfernen. Aufgrund der akuten Selbstgefährdung musste der Pat. untergebracht, fixiert und gegen seinen Willen behandelt werden. Gelungene Intervention. Ich mutmasse, dass die Tiere, falls die Placebosalbe wirkt, in tiefer Schichten, in die Muskulatur oder in innere Organe ausweichen. So funktioniert ein Wahn. Die Konsequenzen (gegebenenfalls auch die rechtlichen für den kurpfuschenden Dermatologen) könnten unangenehm sein.

ist das eine gruselige geschichte... ihren job will ich nicht mal geschenkt ! hut ab !

ja wenn von einer einbildung zur nächsten gesprungen wird, dann hat man wirklich ein problem ... jedoch denke ich dass hier die methode der schulmedizin zu kurz greift die immer nur Symptome (mit Psychopharmaka) behandelt und nicht die Ursache ...

und ich habe dann eben vorgeschlagen, bevor er diese wilden pillen nimmt - vorerst mal anders zu versuchen

allerdings haben Sie sicher mehr Erfahrung in diesem Bereich...

Die Ursachen für einen Wahn sind leider nicht 100%-ig bekannt, sicher sind sie multifaktoriell, wahrscheinlich wird der Wahn bei bestehender biologischer Disposition durch ein kritisches Erlebnis getriggert. Solche Erlebnisse haben wir alle, trotzdem wird nur ca. 1% der Menschen im Laufe des Lebens an einem Wahn erkranken. Ein Wahn wird vermutlich durch ein Überangebot an Dopamin in bestimmten Hirnregionen ausgelöst (bei dopaminergen Substanzen wie Kokain oder Parkinsonmed. z.B.) Die Entwicklung der modernen Antipsychotika in den letzten 15 Jahren haben die Behandlung für alle Beteiligten übrigens wesentlich angenehmer gemacht. Psychotherapie ist notwendig, allerdings erst nach med Behandlung des Wahns, sonst wird über den Wahn geredet.

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