Kein Recycling alter Lösungen unter neuem Namen

20. Februar 2012, 10:24
posten

Was und wie postkonventionelle Manager sind und warum genau sie die Treiber von Veränderung sind, erklären die Berater Nic Turner und Othmar Hill

STANDARD: Seit der Lehman-Pleite 2008 wird der "Paradigmenwechsel" beschworen. Wo ist denn der Wandel geblieben?

Turner: Veränderungsprozesse verlangen eine Änderung alter Verhaltensmuster - da die neuen Paradigmen noch nicht klar entwickelt sind, liegt darin eine natürliche Barriere für Transformation. Aber sagen Sie doch nicht, dass sich nichts getan hätte: 2011 war ein historisches Veränderungsjahr - der Arabische Frühling, die Occupy-Bewegung, eine neue Generation von Sozialunternehmen und ein tiefes Verständnis der Notwendigkeit gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen haben sich gezeigt.

Hill: Nur die alte Ökonomie ist noch zögerlich - aber schauen Sie Davos heuer an: Typische Kapitalisten kritisieren den Kapitalismus. Das ist neu. Change in der traditionellen Wirtschaft ist schwieriger aufgrund der Führungstypen und der organisationalen Strukturen. Sie wird noch dominiert von Erfolgstypen, Überfliegern, die nach Gewinn-Verlust-Modellen in konventionellen Systemen, so wie sie derzeit funktionieren, operieren. Erfolgstypen können schwer zugeben, dass sie etwas nicht wissen, konventionell nicht lösen können, und haben daher einen gewissen Widerstand, sich in unbekanntes Terrain zu begeben, um gemeinsam mit anderen neue Lösungen zu finden.

STANDARD: Von brennenden Herzen für einen Wandel also keine Rede?

Turner: Viele Manager sind viel zu sehr damit beschäftigt, einander zu bekämpfen, sind damit beschäftigt, ihre Emotionen zu unterdrücken. So können sie nicht entflammt werden - dafür landen sie im Burnout, ohne jemals "gebrannt" zu haben. Konventionelle Führungstypen entwickeln zielorientierte Organisationskulturen, die ihren eigenen Entwicklungsstand reflektieren. Die Ziele werden wohl erreicht, aber es können keine qualitätsvollen persönlichen Beziehungen entstehen, die Kreativität und neues entstehen lassen. Genau das brauchen wir jetzt aber - und kein Recycling alter Lösungen unter neuem Namen.

STANDARD: Wo liegen die Quellen für nachhaltige Veränderung?

Hill: Die Qualität der Besetzungen definiert mindestens 50 Prozent des Erfolges. Dazu gehört auch ein Arbeitsklima, das Frustration minimiert, Vertrauen und Motivation fördert. Die wahre Quelle ist aber der postkonventionelle Leader. Sie performen und reflektieren sich selbst und motivieren damit andere, mit ihnen ins Ungewisse aufzubrechen. Einstein sagte schon, dass wir ein Problem nicht auf dem Level lösen können, auf dem wir es erzeugt haben. Das gilt auch für Leadership: Jene auf Ego-Level können diese Probleme nicht lösen - dazu bedarf es eines postkonventionellen Stils.

Turner: Es sind aber auch Manager der sogenannten zweiten Reihe, die Rollen als informelle Führer übernehmen, Treiber und Implementierer nachhaltiger Change-Prozesse.

STANDARD: Wie unterscheidet sich da genau ein konventioneller von einem postkonventionellen Spitzenmanager?

Turner: Der konventionelle Typ würde auf die Frage: "Was ist unser einzigartiges Ziel?" als Ausgang jeden Veränderungsprozesses mit Gewinnoptimierung, Wachstum, Shareholders antworten. Der Postkonventionelle schaut anders auf den Markt, auf die Community, die Position in der Gesellschaft und arbeitet den einzigartigen Beitrag des Unternehmens dazu heraus. Die erste Herangehensweise ist angstbasiert, die zweite verspricht, kreatives Potenzial für eine Erneuerung zu entfalten.

STANDARD: Sind solche postkonventionellen Manager heranzubilden?

Turner: Ja - viele der Methodiken sind nicht neu, es geht um verschiedenste intuitive Techniken wie Zeichnen der Unternehmensbilder, Rollenspiele, Projektionstechniken, Gestaltgruppen. Unser Gehirn funktioniert in drei Gangarten: linear, seriell und im Quantum - also holistisch. Wir konzentieren uns zu stark auf die rationale Ebene in der Bildung, wir brauchen aber die Balance aller drei. (Karin Bauer/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

OTHMAR HILL ist Eigentümer der gleichnamigen Personalberatung und kooperiert mit NIC TURNER und seinem Londoner Nowhere-Institut zur Entwicklung postkonventioneller Leader.

Share if you care.