Organisierte Rettung oft zu spät

  • Typisches Kennzeichen einer Schneebrettlawine ist der linienförmige Anriss quer zum Hang.
    foto: apa/zoom-tirol

    Typisches Kennzeichen einer Schneebrettlawine ist der linienförmige Anriss quer zum Hang.

Unverzügliche Hilfe vor Ort kann der Tourenpartner leisten - Verschüttete selbst sollten nur einen Befreiungsversuch wagen

26 Lawinentote verzeichnet Österreich durchschnittlich pro Jahr - eine Zahl, die konstant bleibt. Und das, obwohl mittlerweile zwischen 350.000 und 600.000 Skitourengeher abseits präparierter Pisten über immer steilere Abhänge durch den Tiefschnee wedeln. Statistische Schwankungen - im vorigen Winter gab es drei Lawinentote, vor zwei Jahren 38 - führt Hanno Bilek, Tiroler Bergretter und Experte für Alpinunfälle, aber nicht auf erhöhten Leichtsinn zurück, sondern auf unterschiedliche Schneeverhältnisse. 

Diese sind auch ausschlaggebend für die anhaltenden Lawinenmeldungen der vergangenen Tage: Nach der langen Kälteperiode findet der Neuschnee auf der hartgefrorenen Altschneedecke keinen Halt und rutscht ab. Bei Lawinenwarnstufe 3 herrscht erhebliche Gefahr. Auf Hängen mit 30 bis 40 Grad Neigung ist dann besondere Vorsicht geboten. Für Skitourengeher bedeutet das, den Abstand zu vergrößern.

Statistisch betrachtet passieren bei Warnstufe 3 die meisten Unfälle. Zuletzt wurde der niederländische Prinz Johan Friso am Arlberg im freien Gelände von einer Lawine erfasst. Er schwebt derzeit in Lebensgefahr. Ein Lawinenabgang im Tiroler Navistal im Bezirk Innsbruck-Land hat gestern einem Mann das Leben gekostet.

Aufenthalt unter der Schneedecke

Ein Verschütteter, der binnen 15 bis 18 Minuten befreit wird, besitzt eine Überlebenschance von 90 Prozent. Nach 30 bis 90 Minuten Aufenthalt unter der Schneedecke sinkt diese auf 30 Prozent. Rettung verspricht hier nur eine Luftblase im Schnee, die dem Lawinenopfer das Atmen ermöglicht. Entscheidend ist die unverzügliche Hilfe vor Ort, die in den meisten Fällen der Tourenpartner leisten kann. Bis die organisierte Rettung mit Hubschrauber und Lawinenhunden eingetroffen ist, kann es bereits zu spät sein.

Wer im freien Geländer unterwegs ist, sollte ein Lawinenverschütteten-Suchgerät, das sogenannte LVS-Gerät, Schaufel, Sonde und ein kleines Erste-Hilfe-Paket dabei haben. Zusätzlich wird ein ABS-Rucksack, ein Lawinenairbagrucksack, empfohlen. Das LVS-Gerät sendet konstant Signale aus, damit kann der Begleiter vor Ort den Verschütteten ungefähr lokalisieren. Für eine punktgenaue Ortung wird dann eine Sonde verwendet, mit der senkrecht  in den Schnee gestochen wird. Geborgen wird ein Lawinenopfer mit Hilfe einer Schaufel. Der Umgang mit der Notfallausrüstung, die Beurteilung des Geländes und die korrekte Rettung werden in Lawinenseminaren trainiert, die regelmäßig von erfahrenen Bergführern angeboten werden. 

Ohne Notfallausrüstung bleibt nur eines: nach sofortigem Anruf auf die Ankunft der professionellen Hilfe zu warten und bis dahin die Schneemassen nach einem sichtbaren Köperteil oder einem Teil der Skiausrüstung abzusuchen. "Viele Betroffene sind nämlich nicht zur Gänze verschüttet, da kann das Freilegen des Kopfes lebensrettend sein", sagt Bilek und ergänzt, dass 70 Prozent der Verunglückten an Sauerstoffmangel sterben, 30 Prozent an tödlichen Verletzungen. 

Schwimmbewegungen machen und Luftloch bilden

Löst sich ein Schneebrett, gilt die Flucht nach vorne: eine Schussfahrt, um dem Lawinenbereich zu entkommen. Das mag bei Nasslawinen, die langsamer abrutschen, eventuell gelingen, bei trockenen Schneebrettern wird dieser Versuch höchstwahrscheinlich scheitern, ist der Lawinenexperte überzeugt. "Einmal von den Schneemassen erfasst, bleibt während des Lawinenabgangs nur mehr der Versuch, sich durch Schwimmbewegungen an der Oberfläche zu halten", sagt er. Empfohlen wird auch, die Hände aus den Schlaufen der Stöcke zu ziehen und die Fangriemen der Skier zu lösen, da diese den Betroffenen in die Tiefe ziehen - in der Realität ist das allerdings schwierig umsetzbar. 

Vielmehr sollte der Skifahrer, wenn er merkt, dass die Lawine langsamer wird, versuchen, die Hände und Ellbogen vor das Gesicht zu bekommen, um sich ein kleines Luftloch freizuhalten. Nach Stillstand des Schneebretts rät der erfahren Bergführer dazu, nur einen einzigen Befreiungsversuch zu unternehmen, diesen dafür sehr konzentriert: "Mehrmalige Befreiungsversuche kosten nur Energie und führen zu Panikreaktionen. Besser ist es, die Energie zu sparen und ruhig auf Hilfe zu hoffen."

Ohne Lawinenausrüstung unterwegs 

Viele Unfälle ließen sich tatsächlich vermeiden: Ein Drittel der Lawinentoten unter Tourengehern und die Hälfte der Opfer unter Variantenfahrern (Freerider, Anm.) waren ohne LVS-Gerät unterwegs. Anders als Tourengeher setzen sich Variantenfahrer - also jene, die für den Aufstieg den Lift oder die gesicherte Piste nutzen und dann im freien Gelände die Tiefschneehänge herunterfahren - viel zu wenig mit Schneeverhältnissen auseinander, kritisiert Bilek. "Ein Tiefschneehang wird einfach ausprobiert, weil er verlockend aussieht. Ein Tourengeher setzt sich vor seiner Tour mit der Route und der Notfallausrüstung auseinander. Ohne LVS-Gerät, Schaufel und Sonde hat man aber im freien Gelände absolut nichts verloren." (derStandard.at, 21.2.2012)

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9 Postings
Beste Rettung

ist ganz einfach an solchen Tagen nicht in ungesichertes Gelände zu gehen Punkt!

Alles andere is kriminell und gefährdet in höchsten Maße die Retter!
Ich finde es immer lächerlich wenn ich höre er war ein erfahrener Tourengeher ,wenn er erfahren ist,geht man nicht zu solchen Zeiten !

Tourengeher nehmen bewußt für sich, Begleiter und Bergrettungshelfer tödliche Risiken in Kauf

RECCO hat er vergessen.

kostet wenig, bringt viel:

http://de.wikipedia.org/wiki/RECCO

ist ein reflektor, der ohne strom auskommt. ersetzt NICHT das LVS, weil den detector nur bergretter mithaben, bis dahin sucht dich dein kumpel mit dem lvs und mit a bissl glück findet er dich auch...

aber nutzts nix, schadts nix

Recco ist nur gut um bereits Tote zu finden.

nicht in panik?

ist sicher leiwand da drunter. da kommen einen 2 min schon vor wie 2 stunden. zeit ist relativ hat schon der einstein gesagt. ich wills nicht erleben!

hui, da gibt es viel zu tun wenn man in die lawine kommt:
davon fahren und seitlich raus, olè
abs auslösen
schnorchel vom avalung in den mund
stöcke weg
fangriemen lösen
schwimmen
atemhöhle freihalten
spucke aus dem mund rinnen lassen um zu erfahren wo oben ist
warten oder besser wie macgyver aus einem kleidungsfetzen einen kleinen signalfallschirm basteln und durch skistock aus der lawine rausschießen.
ich bin schon beim visualisieren überfordert!

Als Verschütterter...

... einen Sprengsatz zünden, sollte sich ausgehen! (C;

aber nur...

...wenn man einen Sprengstoffweste trägt. Also ein Taliban ist...

man hat ja zeit

bis auf das fangriemen lösen geht sich das locker aus

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