We were the champions, we were the world

Leserkommentar20. Februar 2012, 09:12
42 Postings

Brief einer Bürgerin an alle "Es gilt die Unschuld"-Betroffenen

Wie viel tiefer geht es noch, liebe Herren (Damen sind ja kaum dabei)?

Ihr, die Ihr sonst so gerne in der Öffentlichkeit erscheint, mit wuchtigem "We are the Champions"-Sound umhallt, marschierend und posierend durch Kameras, Mikrogalgen (welch sinnig Wörtlein!) und Journalisten, geblendet nicht von Blitzen, sondern von der eigenen vermeintlichen Einzigartigkeit - wo seid Ihr jetzt? Ihr, die Ihr sonst keine Möglichkeit auslasst, Eure Herrlichkeiten vor dem tumben Volke auszubreiten, um es gönnerisch zu belehren, um herablassend unschuldige Grüße zu ignorieren und um es durch allerlei Tricks von Bildung und höherem Einkommen abzuhalten - warum seid Ihr alle auf einmal so still? Hat sich die Metamorphose in die drei Affen schon völlig vollzogen? Haben sich christliche Schweigepflicht und mafiöses Omertà-Gesetz im sozialistischen Kollektiv zusammengefunden? - Aber Halt, das erste beleidigte Alphatier hat schon dementiert, auf geht's zur pannonischen Jagd!

Was ist beschämender? Ein ehemaliger Bundeskanzler, der für seine eigene Tochter keine (für ihn läppischen) 3.000 Euro springen lässt/lassen will, oder ein Unternehmer, der vorsätzlich den Staat/das Volk betrügt? Mit welch unverfrorener Selbstverständlichkeit schiebt Ihr - von denen viele sich zu schade sind, plumpe Untergebene im Aufzug zu grüßen - Illegalitäten bzw. am Rande der Legalität schrammende "Gefallen" einander zu, alles selbstverständlich auf Kosten der Steuerzahler, die immer nur dann interessant sind, wenn sie erfolgreich zur Urne oder in die Konsumtempel geschleppt werden sollen. Ja, da braucht Ihr uns, da seid Ihr ganz lieb zu uns, erschleicht Euch über PR-Agenturen und eingelernte Coaching-Methoden unsere Stimme und unser Geldbörsel, denn ansonsten sind wir für Euch austauschbar - wir, die wir Euch erhalten, Euch wiederwählen, Eure Produkte kaufen.

Doch merket: Ihr, die Ihr glaubt, unersetzbar zu sein, lebt letztlich von uns. Theoretisch könnten wir Euch alle durch Wahl- und Kaufboykotts zunichtemachen. Treibt Ihr uns weiter in die von Euren narzisstischen Selbstdarstellungen provozierte Hoffnungslosigkeit, kommen vielleicht solche Zeiten, das wäre nicht das erste Mal. Unsere noch vorherrschende Gutmütigkeit ist Euch so selbstverständlich geworden, dass Ihr den Respekt vor uns verloren habt; zuweilen verachtet Ihr uns, ignoriert werden wir auf jeden Fall. Seit Jahren gebt Ihr uns keinen Anlass mehr, Euch zu glauben, geschweige denn zu respektieren. Mittlerweile habt Ihr es so weit gebracht, dass Eure Namen Wut, Aggression und Verachtung auslösen. - Und auch ich bin so weit: Eure Überheblichkeit, Eure egozentrische Ignoranz gegenüber allem, was keinen persönlichen/familiären Gewinn bringt, Eure Gier, die Euch nie Nein sagen lässt, Eure peinliche Selbstdarstellung als Unschuldslamm, wenn zuweilen doch etwas Fragwürdiges bis Illegales zutage tritt, und Eure Lügen und Nichteinhaltungen von Versprechen widern mich an. - "G'sindl", würde meine Großmutter sagen, die charakterlose Menschen verachtete.

Geschätzte Herren, es ist an der Zeit für ein paar ehrliche Worte. Habt Ihr noch einen Funken Anstand im Leib, also das, was man früher "Moral" nannte, wären etliche Geständnisse dringend angebracht. Viel tiefer könnt Ihr nicht fallen - und viel unbeliebter werden auch nicht.

Mit traurigen Grüßen, Martina Paul (Leserkommentar, derStandard.at, 20.2.2012)

Autorin

Martina Paul (53) lebt als freiberufliche Lektorin in Wien. Letzte Veröffentlichung (mit Peter Gathmann): Narziss Goebbels. Eine psychohistorische Biografie. Böhlau, Wien 2009.

Share if you care.