We were the champions, we were the world

Leser-Kommentar | 20. Februar 2012, 09:12

Brief einer Bürgerin an alle "Es gilt die Unschuld"-Betroffenen

Wie viel tiefer geht es noch, liebe Herren (Damen sind ja kaum dabei)?

Ihr, die Ihr sonst so gerne in der Öffentlichkeit erscheint, mit wuchtigem "We are the Champions"-Sound umhallt, marschierend und posierend durch Kameras, Mikrogalgen (welch sinnig Wörtlein!) und Journalisten, geblendet nicht von Blitzen, sondern von der eigenen vermeintlichen Einzigartigkeit - wo seid Ihr jetzt? Ihr, die Ihr sonst keine Möglichkeit auslasst, Eure Herrlichkeiten vor dem tumben Volke auszubreiten, um es gönnerisch zu belehren, um herablassend unschuldige Grüße zu ignorieren und um es durch allerlei Tricks von Bildung und höherem Einkommen abzuhalten - warum seid Ihr alle auf einmal so still? Hat sich die Metamorphose in die drei Affen schon völlig vollzogen? Haben sich christliche Schweigepflicht und mafiöses Omertà-Gesetz im sozialistischen Kollektiv zusammengefunden? - Aber Halt, das erste beleidigte Alphatier hat schon dementiert, auf geht's zur pannonischen Jagd!

Was ist beschämender? Ein ehemaliger Bundeskanzler, der für seine eigene Tochter keine (für ihn läppischen) 3.000 Euro springen lässt/lassen will, oder ein Unternehmer, der vorsätzlich den Staat/das Volk betrügt? Mit welch unverfrorener Selbstverständlichkeit schiebt Ihr - von denen viele sich zu schade sind, plumpe Untergebene im Aufzug zu grüßen - Illegalitäten bzw. am Rande der Legalität schrammende "Gefallen" einander zu, alles selbstverständlich auf Kosten der Steuerzahler, die immer nur dann interessant sind, wenn sie erfolgreich zur Urne oder in die Konsumtempel geschleppt werden sollen. Ja, da braucht Ihr uns, da seid Ihr ganz lieb zu uns, erschleicht Euch über PR-Agenturen und eingelernte Coaching-Methoden unsere Stimme und unser Geldbörsel, denn ansonsten sind wir für Euch austauschbar - wir, die wir Euch erhalten, Euch wiederwählen, Eure Produkte kaufen.

Doch merket: Ihr, die Ihr glaubt, unersetzbar zu sein, lebt letztlich von uns. Theoretisch könnten wir Euch alle durch Wahl- und Kaufboykotts zunichtemachen. Treibt Ihr uns weiter in die von Euren narzisstischen Selbstdarstellungen provozierte Hoffnungslosigkeit, kommen vielleicht solche Zeiten, das wäre nicht das erste Mal. Unsere noch vorherrschende Gutmütigkeit ist Euch so selbstverständlich geworden, dass Ihr den Respekt vor uns verloren habt; zuweilen verachtet Ihr uns, ignoriert werden wir auf jeden Fall. Seit Jahren gebt Ihr uns keinen Anlass mehr, Euch zu glauben, geschweige denn zu respektieren. Mittlerweile habt Ihr es so weit gebracht, dass Eure Namen Wut, Aggression und Verachtung auslösen. - Und auch ich bin so weit: Eure Überheblichkeit, Eure egozentrische Ignoranz gegenüber allem, was keinen persönlichen/familiären Gewinn bringt, Eure Gier, die Euch nie Nein sagen lässt, Eure peinliche Selbstdarstellung als Unschuldslamm, wenn zuweilen doch etwas Fragwürdiges bis Illegales zutage tritt, und Eure Lügen und Nichteinhaltungen von Versprechen widern mich an. - "G'sindl", würde meine Großmutter sagen, die charakterlose Menschen verachtete.

Geschätzte Herren, es ist an der Zeit für ein paar ehrliche Worte. Habt Ihr noch einen Funken Anstand im Leib, also das, was man früher "Moral" nannte, wären etliche Geständnisse dringend angebracht. Viel tiefer könnt Ihr nicht fallen - und viel unbeliebter werden auch nicht.

Mit traurigen Grüßen, Martina Paul (Leserkommentar, derStandard.at, 20.2.2012)

Autorin

Martina Paul (53) lebt als freiberufliche Lektorin in Wien. Letzte Veröffentlichung (mit Peter Gathmann): Narziss Goebbels. Eine psychohistorische Biografie. Böhlau, Wien 2009.

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Posting 1 bis 25 von 42
1 2
1116er
12
21.2.2012, 10:25
wäre ich einer der angesprochenen, dann würde ich vermutlich antworten:

liebe frau paul.

ich habe eine arbeitszeit, die der doppelten der mehrzahl der bürger entspricht.
ich habe eine arbeitsbelastung bzw -stress, den ein normalsterblicher eigentlich nicht aushlält.
ich habe ein gehalt, über das jeder manager in gehobener position nur mitleidig lächeln kann.
ohne meine extradicke haut würde ich bei all den beschimpfungen und diffamierungen und gemeinheiten durch kollegen und bürger tag und nacht weinen.
und eigentlich entspricht mein von ihnen kritisiertes verhalten dem verhalten einer mehrheit der bürger. allein das ausmaß ist unterschiedlich. weil halt auch die gelegenheiten unterschiedlich sind.

WIR HABEN DIE POLITIKER, DIE WIR VERDIENEN !
sie sind ein vergrößertes spiegelbild von uns.

wakeup
00
21.2.2012, 09:09
wem gehört die övp?

wer hat sie gekauft?
warum schützt sie die reichen?
warum verhindert sie die offenlegung der gesamten parteienfinanzierung auf cent und euro?
warum lässt sich die spö das gefallen?
warum leiten das innen- und justizministerium övp angehörige?
was hat das für konsequenzen?
warum wird wegen verdunklungs- und verabredungsgefahr gegen die "geschätzten herren" nicht schon längst die untersuchungshaft verhängt?
warum?

avision
00
21.2.2012, 08:32
Abgehoben ...

Karl R. Popper –
die offene Gesellschaft und ihre Feinde - Der Glaube an die homerischen Götter, deren Verschwörungen die Geschichte des Trojanischen Krieges erklären ist verschwunden. Die Götter sind abgeschafft. Jedoch ihre Stelle nehmen Männer oder Verbände ein – unheilvolle Machtgruppen, deren böse Absichten für alle Übel verantwortlich sind, unter denen wir leiden – wie die Weisen von Zion, die Kapitalisten oder die Imperialisten.

Beide schaden sich selbst; der zu viel verspricht, und der zu viel erwartet. – Gotthold Ephraim Lessing

>>Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.<< – Abraham Lincoln

Fantasie ist wichtiger als Wissen. - Albert Einstein (1879-1955)

sterngucker
 
00
21.2.2012, 08:29
Was auffällt:

Wenn die richtig üblen Schurken angesprochen werden, heißt es wie selbstverständlich "Geschätzte Herren".

Wahrscheinlich so lange, bis die Frauenquote in Regierung und Parlament vollständig erfüllt ist. Und dann können solche Malversationen ohnehin nicht mehr vorkommen, wie wir wissen.

1116er
01
21.2.2012, 11:01
bleiben wir realistisch:

wenn die "üblen schurken" angesprochen werden, dann handelt es sich weltweit nur selten um politiker.
denn diese sind unter den wirklich üblen schurken die kleinen lichter.

sterngucker
 
00
21.2.2012, 15:25
Die Autorin spricht aber ausdrücklich die Politiker an

Und die Anrede "Geschätzte Herren" richtet sich eindeutig nur an Männer und suggeriert damit, daß die mittlerweile zahlreichen Frauen in der Politik bloße Mitläuferinnen sind, die man nicht verantwortlich machen kann.

ToHaveortoBe
00
21.2.2012, 08:15
Sie haben ja recht

Meine Hoffnung das sich in diesem Land etwas Grundlegendes ändert schwindet von Tag zu Tag.Im Gegenteil wir steuern wieder auf eine extrem konservative Zeit hin und die Chance,daß es uns 2013 radikal die Sprache verschlägt wird durch solche (im Grunde ja berechtigt,aber halt nicht zielführend)Aussagen von Fr.Paul auch nicht kleiner!
Den Frust für alle öffentlich machen,das macht schon eine Partei und die wird wie es schein immer stärker.

Max Arnstein III.
 
01
21.2.2012, 08:01
Hinter jedem selbstverliebten Gockel steht einel liebende Glucke

J. Reichhart
01
21.2.2012, 07:41
ich unterschreib auch, frau paul!

J. Reichhart
00
21.2.2012, 07:40
tja, mit der moral ist es so eine sache,

die erektion des moralischen zeigefingers führt unweigerlich zu blutleere im gehirn!

1116er
10
21.2.2012, 11:03
oder die alte weisheit:

wer mit dem finger auf andere zeigt, zeigt gleichzeitig mit 3 fingern auf sich selbst.

wer es nicht glaubt, kann es ja schnell ausprobieren.

Erika Rothen
02
20.2.2012, 23:33
W O W !

Brava, bravissima!

Sans Souci
04
20.2.2012, 21:01
kein aufschrei nach aussage von amon "im zentrum"

auf die frage punkto rücktrittskultur in deutschland antwortet amon:" ... ist bemerkenswert diese rücktrittskultur, allerdings mit dem ehrensold den es in der bundesrepublik gibt für einen 52-jährigen ist relativ leicht zurücktreten. " (1:02:45 in der aufzeichnung)

sprich: zahlts uns mehr, dann tret ma auch zurück!

haben sie sich das kopferl gestossen herr amon? zuerst wird fleissig das handerl aufgehalten, die politische funktion auf teufel komm raus ausgenutzt und dann soll es noch mal was aufs handerl geben, damit sie zurücktreten? und dann sind sie aufgewacht!!!!!

Sergey Kalinin
01
20.2.2012, 23:38

ja, herr amon, halten's die hand ruhig auf. in anderen kulturen werden die hände von dieben nämlich abhackt. das geht bei aufgehaltenen händen gleich viel leichter.

marillensuppe
03
20.2.2012, 20:07
ich unterschreibs. vollinhaltlich.

okami
01
21.2.2012, 00:55
sie sind alle von ihm (dem Volk) gewählt.

Das ist unausweichlich, die aktuelle Konstruktion sieht vor, dass irgendjemand gewählt wird.
Anders rum: wie wäre es möglich sie nicht gewählt zu haben?

Und dann die Frage nach tumb: wer hat das System so konstruiert? Doch auch die Unmutsverschuldeten und die Leistungsgetragenen.

methinks there is much reason in his sayings
00
20.2.2012, 18:18

ist ja inhaltlich einigermaßen treffend, aber sprachlich ist's mit frau paul schon etwas durchgegangen...
abgesehen davon können "diese herren" ihre "herrlickeiten" nur so einfach vor dem tumben (welch' sinnig-antiquiertes wörtlein) volk ausbreiten, weil dieses volk offenbar, nun ja, eben einfach leider tumb ist:
sie sind alle von ihm gewählt.

Max Arnstein III.
 
01
21.2.2012, 07:59
Wo gibt es in Österreich eine direkte Personenwahl?

Darüberhinaus reagiert das Wahlvolk viel zu träge, um zielstrebiger Bereicherung Drohung sein zu können. Und die Parteivertreterinnen zu geschickt, um nicht Angst vor möglichen Konsequenzen illoyalen Handelns aufkommen zu lassen - den Warnbriefen an Wr. Gemeindebaubewohnerinnen, was im Falle eines Machtverlusts drohen könnte, stehen sicherlich ähnliche Warnungen vor dem Verlust von Agrarförderungen, Aufträgen oder anderen Pfründen gegenüber.

Erika Rothen
11
20.2.2012, 23:39
GERADE sprachlich ist dieser Kommentar besonders gelungen.

Möglicherweise etwas zu hoch für Ihren Horizont?

marillensuppe
00
20.2.2012, 20:09
das volk ist von diesen "herren" ja auch sehr profesionell angelogen worden. dauert eben eine weile, bis es dahinterkommt. aber bald wirds so weit sein.

worry1
13
20.2.2012, 17:45
Leider gibt es niemanden mehr, den man als

Arbeiter, Angestellter, Pensionist oder Arbeitsloser wählen kann - es wird immer nur Politik für Reiche und Mächtige gemacht, um Arme ärmer und Reiche reicher zu machen.
Ich kenne mittlerweile keine Partei mehr, die man wählen kann!
Juristisch kommt man denen nicht mehr an, da sie sich die Gesetze so machen wie sie, diese brauchen und so wird es in roher Gewalt enden - ist nur mehr eine Frage der Zeit, wie man in Griechenland und Spanien sieht.

Eduard Ohlmann
04
20.2.2012, 16:07

Durch Wahlboykotts kann man keine Politiker zunichtemachen, da Nichtwähler bei der Stimmenauszählung keine Stimme haben.

Iron Ed
00
21.2.2012, 07:13
deshalb . . .

. . . parteienförderung abhängig von der wahlbeteiligung ! ! ! als mein beitrag zum konsolidierungsprogramm

marillensuppe
04
20.2.2012, 20:28
deshalb sollten ab sofort 2 dinge geändert werden. erstens: die prozentzahlen der wahlergebnisse sollten ab sofort nur mehr in % der gesamten wahlberechtigten angegeben werden dürfen.

und die ungültig-und nichtwähler
müssen ebenfalls immer samt %-satz in den diagrammen miteingezeichnet werden.

dann wird nämlich sofort augenscheinlich, von wie wenigen wählern mittlerweile das schicksal unseres landes bestimmt wird (die övp, der wahlsieger der letzten eu-wahlen, hatte z.b. nur mehr 13,irgendwas% der gesamtwählerstimmen),

und zweitens:

die höhe der parteienförderung soll sich nur mehr am gesamt%satz orientieren,
dh. 50%wähler bedeutet 50%der förderung,
der rest wandert in den budgetsanierungstopf.

dann werden nichtwähler
plötzlich
sehr
wichtig :-)

unnötige (ohnehin echt lästige) werbeplakate und werbepamphlete und
noch unnötigere "berater"
werden endlich wieder durch
politikerarbeit
ersetzt
werden müssen.

auf gehts..

MichaelMoore
00
20.2.2012, 17:35
Wenn keiner hingeht?

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